Von we­gen po­ma­dig ...

Na­tio­nal­spie­ler Jé­rô­me Boateng hat sich zu ei­nem der bes­ten Ver­tei­di­ger der Welt ent­wi­ckelt

Schwaebische Zeitung (Messkirch) - - SPORT - Von Jo­chen Schlos­ser

ewiss ist es gut, im Team ei­nen Ru­he­pol zu ha­ben. Erst recht, wenn ei­nen in der EMQua­li­fi­ka­ti­on am Don­ners­tag (20.45 Uhr/RTL) nicht nur elf kamp­fes­lus­ti­ge Iren auf dem Platz, son­dern auch über 50 000 ih­rer san­ges­freu­di­gen Lands­leu­te auf den Rän­gen des Sta­di­ons an der Lans­dow­ne Road in Du­blin er­war­ten. Jé­rô­me Boateng, der ge­bür­ti­ge Ber­li­ner mit dem gha­nai­schen Va­ter, ist die­ser Mann in der deut­schen Fuß­ball-Na­tio­nal­mann­schaft. Der Wa­ckel­kan­di­dat mit dem Hang zu Flüch­tig­keits­feh­lern, der er noch vor der WM 2014 in Bra­si­li­en war, hat sich zur sta­bi­len Säu­le in der Ab­wehr ent­wi­ckelt – bei sei­nem Ver­ein FC Bay­ern München eben­so wie bei der DFB-Aus­wahl. Franz Be­cken­bau­er: „Er wirkt be­hä­big, aber das ist er nicht“„Kai­ser“wur­de Boateng von Klub­kol­le­ge Tho­mas Mül­ler nach den zwei punkt­ge­nau­en, tor­vor­be­rei­ten­den Päs­sen über 50 Me­ter bei Bay­erns 5:1 ge­gen Dort­mund ge­nannt. So­gar be­sag­ter Kai­ser selbst, Franz Be­cken­bau­er al­so, lob­te die Ent­wick­lung des nun 27-Jäh­ri­gen. „In den letz­ten zwei Jah­ren spielt er auf ab­so­lu­tem Welt­klas­se­ni­veau“, sag­te der Münch­ner Eh­ren­prä­si­dent. Da­bei wür­de der Ver­tei­di­ger „sei­ne Schnel­lig­keit und Ge­schmei­dig­keit gar nicht im­mer aus­spie­len, weil er sel­ten ge­for­dert wird“. Be­cken­bau­ers Re­sü­mee: „Er wirkt be­hä­big, manch­mal po­ma­dig, aber das ist er nicht. Er ist ei­ner der bes­ten In­nen­ver­tei­di­ger der Welt.“

Boateng, trotz Welt­meis­ter-Eh­ren und Lo­bes­hym­nen die per­so­ni­fi­zier­te Be­schei­den­heit, will da­von nichts wis­sen. „Für mich ist wich­tig, dass ich Leis­tung brin­ge und mich wei­ter ver­bes­se­re. Das mit dem bes­ten In­nen­ver­teid­ger der Welt, das sol­len an­de­re be­ur­tei­len“, sag­te er am Di­ens­tag in Frankfurt, wo sich die DFB-Eli­te auf die Spie­le in Du­blin so­wie am Sonn­tag (20.45 Uhr/RTL) in Leip­zig ge­gen Ge­or­gi­en vor­be­rei­tet. Und der Kai­ser? „Das war ein klei­ner Spaß am Ran­de. Wenn Mül­ler was gut macht, wird er ja auch ge­lobt. Das ist was Nor­ma­les.“

Nor­mal bei Boateng ist, dass nicht nur sei­ne Be­we­gun­gen lang­sa­mer wir­ken als sie sind. Nor­mal bei Boateng ist, dass er tat­säch­lich stets lang­sam, lei­se so­wie in ein- und der­sel­ben Ton­la­ge spricht. Der Turn­schu­hSamm­ler, der zu Hau­se im be­geh­ba­ren Schuh­schrank nach ei­ge­nen An­ga­ben „über 600 Paar“da­von hor­tet, geht mit Wor­ten vor­sich­tig um. Er wirkt be­däch­tig – und er ist es auch. Boateng hat eben auch schon Tie­fen er­lebt. Zum Bei­spiel, als er vor sei- nem Bay­ern-En­ga­ge­ment in En­g­land bei Man­ches­ter Ci­ty nicht Fuß fas­sen konn­te. Als die Münch­ner 2011 13,5 Mil­lio­nen Eu­ro Ab­lö­se für ihn be­zahl­ten, zwei­fel­ten auch Ex­per­ten, ob der 1,92-Me­ter-Mann das Geld wert ist. Mitt­ler­wei­le ta­xiert trans­fer­markt.de sei­nen Markt­wert – vor­sich­tig – auf 40 Mil­lio­nen Eu­ro.

Boa­tengs Ent­wick­lung ist be­mer­kens­wert. Er hat ge­lernt, sich auf das We­sent­li­che zu kon­zen­trie­ren. So sei der Kan­ter­sieg ge­gen den BVB längst ab­ge­hakt. „Das ist vor­bei, jetzt geht es um die Na­tio­nal­mann­schaft“, er­klär­te er nun. Fo­kus­siert ist er. Noch 2012, kurz vor der EM, hat­te er mit ei­nem Ho­tel-Tref­fen mit TV-Stern­chen Gi­na-Li­sa Loh­fink für Auf­se­hen ge­sorgt. Der­lei Es­ka­pa­den sind Joa­chim Löw hat die an­stei­gen­de Form von Ma­rio Go­mez re­gis­triert und dem Stür­mer ein Come­back in der DFB-Aus­wahl in Aus­sicht ge­stellt. „ Wenn er so wei­ter­macht, sind sei­ne Chan­cen gut“, sag­te der Bun­des­trai­ner in Frankfurt. In sie­ben Spie­len der tür­ki­schen Sü­per Lig hat der Un­lin­ger für Be­sik­tas Istanbul sechs­mal ge­trof­fen. Drei Dop­pel­packs des An­grei­fers sieht auch Löw als et­was Be­son­de­res. „ Ich bin froh, dass sich Ma­rio Go­mez jetzt wie­der wohl­fühlt bei sei­nem neu­en Ver­ein“, sag­te Löw. Der frü­he­re Pro­fi des FC Bay­ern und des VfB pas­sé. Boateng ist zwar mitt­ler­wei­le von der Mut­ter sei­ner vier­jäh­ri­gen Zwil­ling­s­töch­ter ge­trennt, gibt sich aber den­noch als Fa­mi­li­en­mensch. Auf den Rü­cken hat er sich sei­nen Stamm­baum tä­to­wie­ren las­sen. Als er ge­fragt wur­de, wer ihn bei sei­ner Ent­wick­lung un­ter­stützt ha­be, sag­te er: „Die Trai­ner hat­ten ei­nen gro­ßen An­teil: Jupp Heynckes na­tür­lich, jetzt Pep Guar­dio­la – und mei­ne Fa­mi­lie. Al­le sind im­mer ehr­lich mit mir, auch mein gro­ßer Bru­der (Kevin-Prin­ce, die Red.).“Von Bun­des­trai­ner Joa­chim Löw ha­be er über die Jah­re „viel ge­lernt über Tak­tik, über das Ab­wehr­ver­hal­ten“, Guar­dio­la ha­be noch mehr Ein­fluss und ihn „in der Per­sön­lich­keit wei­ter­ge­bracht“. Und der ei­ge­ne An­teil? „Ich neh­me Stutt­gart war im Som­mer vom AC Flo­renz zu Be­sik­tas ge­wech­selt. „ Ich ha­be Ma­rio nicht ab­ge­schrie­ben. Auf kei­nen Fall. Er ist ein Spie­ler, der den Un­ter­schied aus­ma­chen kann“, hat­te Löw schon zu­vor be­tont. Der 59- ma­li­ge Na­tio­nal­spie­ler ( 25 To­re) wur­de seit sei­nem Ein­satz bei der WM- Fi­nal­re­van­che ge­gen Ar­gen­ti­ni­en am 3. Sep­tem­ber 2014 ( 2: 4) nicht mehr be­rück­sich­tigt. Der eben­falls in der Tür­kei ak­ti­ve Lu­kas Po­dol­ski wird ge­gen Ir­land feh­len: Der Mit­tel­feld­spie­ler von Ga­la­ta­sa­ray Istanbul lei­det an ei­ne Kap­sel­rei­zung im Sprung­ge­lenk. ( dpa/ sz) mir im­mer vie­le Sa­chen vor, da­nach ana­ly­sie­re ich die Spie­le – und das tut mir gut.“Viel­leicht kom­men, bei al­ler Zu­rück­hal­tung, auch noch Ta­lent, Ehr­geiz und ein ge­wach­se­nes Selbst­ver­trau­en hin­zu.

Be­weis für letz­te­res wa­ren die lan­gen Bäl­le zu­letzt ge­gen Dort­mund, auch ge­gen Ir­land wür­de er sich ähn­li­che zu­trau­en. „Un­ser Spiel ist nicht auf lan­ge Bäl­le aus­ge­rich­tet“, sag­te er. Aber kein Trai­ner ha­be et­was „ge­gen Sei­ten­wech­sel oder dia­go­na­le Bäl­le, erst recht nicht, wenn sie zu ei­nem Tor füh­ren“. Bei vie­len sei­ner Kol­le­gen, klän­ge ei­ne sol­che Aus­sa­ge frech. Jé­rô­me Boateng sprach wie im­mer lang­sam und lei­se. Es klang nicht an­ders, als wür­de er im Ca­fé ein Was­ser be­stel­len. Nach der öf­fent­li­chen Schel­te für sei­ne Team­kol­le­gen in Dort­mund droht Na­tio­nal­spie­ler Mats Hum­mels ein erns­tes Ge­spräch mit sei­nem Chef. BVB- Klub­chef Han­sJoa­chim Watz­ke sag­te nun bei Sport1: „ Ich hal­te ganz viel da­von – und ich hof­fe, dass auch Mats das ir­gend­wann so hält –, dass wir die­se Din­ge in­tern auf­ar­bei­ten.“Au­ßer­dem kün­dig­te Watz­ke an: „ Was ich Mats zu sa­gen ha­be, wer­de ich ihm per­sön­lich sa­gen. Und wir müs­sen si­cher­lich mal re­den.“Hum­mels hat­te nach dem 1:5 beim FC Bay­ern zum wie­der­hol­ten Mal die Mit­spie­ler kri­ti­siert: „ Ich weiß nicht, wie­so sie die Bäl­le so oh­ne Druck spie­len konn­ten, das ist töd­lich“, so Hum­mels.

FO­TO: AFP

Fes­te Grö­ße, auch bei der Aus­wärts­auf­ga­be am Don­ners­tag­abend in der EM-Qua­li­fi­ka­ti­on in Ir­land: Jé­rô­me Boateng vom FC Bay­ern München.

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.