Das Wirt­schafts­wun­der war kein Wun­der

In den 1950er-Jah­ren ver­zeich­ne­te das Brut­to­so­zi­al­pro­dukt un­glaub­li­che Wachs­tums­ra­ten – Ar­beits­lo­sig­keit in Ba­den-Würt­tem­berg 1960 bei 0,3 Pro­zent

Schwaebische Zeitung (Messkirch) - - SEITE DREI - Von Rolf Die­te­rich

ud­wig Er­hard hat­te den Be­griff „Wirt­schafts­wun­der“, der bis heu­te eng mit sei­nem Na­men ver­bun­den ist, nicht ge­mocht. Für den ers­ten Wirt­schafts­mi­nis­ter der Bun­des­re­pu­blik hat­te der enor­me öko­no­mi­sche Auf­schwung Deutsch­lands in den 1950er-Jah­ren nichts mit ei­nem Wun­der zu tun, das ja im­mer un­er­war­tet kommt und ra­tio­nal auch nicht zu er- klä­ren ist. Er­hard ist viel­mehr im­mer da­von über­zeugt ge­we­sen, dass die mas­si­ve Er­ho­lung der deut­schen Wirt­schaft nach ih­rem to­ta­len Zu­sam­men­bruch am En­de des Krie­ges vor al­lem die Fol­ge ei­ner sehr be­wusst ent­wi­ckel­ten und ziel­ge­rich­te­ten Wirt­schafts­re­form war, die er im Som­mer 1948 als da­ma­li­ger Di­rek­tor der Ver­wal­tung für Wirt­schaft in den drei West­zo­nen na­he­zu im Al­lein­gang durch­ge­setzt hat­te.

Lud­wig Er­hards markt­wirt­schaft­li­cher Kurs mit der Auf­he­bung der Preis­kon­trol­len und der Zwangs­be­wirt­schaf­tung hat­te nicht nur die al­li­ier­ten Be­sat­zungs­mäch­te über- rascht, son­dern stieß auch in­nen­po­li­tisch auf er­heb­li­chen Wi­der­stand. Der Er­folg sei­ner Maß­nah­men ließ zu­nächst auch auf sich war­ten. Noch 1950 lag die Ar­beits­lo­sen­quo­te bei gut zwölf Pro­zent. Doch dann zeig­te sich mehr und mehr, wel­che Kräf­te die neue li­be­ra­le Wirt­schafts­ord­nung frei­zu­set­zen ver­moch­te. Be­reits in den frü­hen 1950er-Jah­ren kam es zu ei­nem wah­ren Boom von Fir­men­grün­dun­gen – auch in un­se­rer Re­gi­on, wie et­wa das Bei­spiel Hans Lieb­herr ein­drucks­voll zeigt.

Al­ler­dings pro­fi­tier­te die deut­sche Wirt­schaft zu Be­ginn des ers­ten Nach­kriegs­jahr­zehn­tes auch von Um­stän­den, auf die sie selbst und die na­tio­na­le Wirt­schafts­po­li­tik kei­nen Ein­fluss hat­ten. Dass der In­dus­trie aus­ge­rech­net ein neu­er Krieg im fer­nen Ko­rea fast so et­was wie ein Kon­junk­tur­pro­gramm be­scher­te, ist ma­ka­ber. Aber es ent­spricht der Wahr­heit. Ei­ne Rei­he west­li­cher Län­der hat­te zwi­schen 1950 und 1953 we­gen die­ses Krie­ges ih­re Rüs­tungs­pro­duk­ti­on auf Kos­ten der Fer­ti­gung zi­vi­ler Gü­ter mas­siv aus­ge­wei­tet. Dies er­öff­ne­te der deut­schen In­dus­trie neue Chan­cen für den Ex­port ih­rer Kon­sum- und In­ves­ti­ti­ons­gü­ter, die sie auch kräf­tig nütz­te.

Auch der Bin­nen­markt ent­wi­ckel­te sich we­gen des Nach­hol­be­darfs der Men­schen gut, was sich – zu­sam­men mit den Ex­port­er­fol­gen – in ei­nem für heu­ti­ge Ver­hält­nis­se un­glaub­li­chen Wachs­tum des Brut­to­so­zi­al­pro­dukts nie­der­schlug. Zwi­schen 1950 und 1960 be­trug die durch­schnitt­li­che jähr­li­che Wachs­tums­ra­te 7,6 Pro­zent. Sol­che Wer­te kennt man im 21. Jahr­hun­dert al­len­falls noch von Län­dern wie Chi­na.

Spit­zen­jahr in der Wachs­tums­pha­se die­ses Jahr­zehnts war 1955, als das Brut­to­so­zi­al­pro­dukt um 11,5 Pro­zent zu­leg­te. Am 5. Au­gust lief in Wolfsburg der ein­mil­li­ons­te Kä­fer vom Band, was die stol­zen VWHänd­ler der Re­gi­on zu ei­ner gro­ßen An­zei­ge in der „Schwä­bi­schen Zei­tung“ani­mier­te. Bis zu die­ser ers­ten Mil­li­on hat­te es fast zehn Jah­re ge- dau­ert. Heu­te be­nö­tigt der VW-Kon­zern für die Fer­ti­gung von ei­ner Mil­li­on Fahr­zeu­gen nur noch gut ei­nen Mo­nat.

Der wirt­schaft­li­che Auf­schwung er­reich­te schon bald nach 1950 auch den Ar­beits­markt. Am 6. Au­gust 1955 be­rich­te­te die „Schwä­bi­sche Zei­tung“, dass im Ju­li le­dig­lich noch ei­ne hal­be Mil­li­on Ar­beits­lo­se in Deutsch­land ge­zählt wur­den. Da­nach setz­te sich der Ab­bau der Ar­beits­lo­sig­keit wei­ter fort, vor al­lem auch in Ba­den-Würt­tem­berg. Dort gab es 1960 gera­de mal 9000 Men­schen oh­ne Be­schäf­ti­gung, was ei­ner Ar­beits­lo­sen­quo­te von 0,3 Pro­zent ent­sprach. Sol­che Zah­len gel­ten heu­te als un­er­reich­bar. Gas­t­ar­bei­ter­ab­kom­men 1955 Die au­ßer­ge­wöhn­lich gu­te Ent­wick­lung des bun­des­deut­schen Ar­beits­mark­tes in den 1950er-Jah­ren war um so be­mer­kens­wer­ter, als durch die mil­lio­nen­fa­che Zu­wan­de­rung von Ver­trie­be­nen und Flücht­lin­gen aus den ehe­ma­li­gen Ost­ge­bie­ten und – bis zum Mau­er­bau 1961 – von Über­sied­lern aus der DDR ein ge­wal­ti­ger Be­darf an neu­en Ar­beits­plät­zen ent­stan­den war. Aber die Nach­fra­ge nach Per­so­nal stieg noch stär­ker, was schließ­lich auch da­zu führ­te, dass Bun­des­ar­beits­mi­nis­ter An­ton Storch be­reits im De­zem­ber 1955 ein ers­tes Gas­t­ar­bei­ter­ab­kom­men mit Ita­li­en un­ter­zeich­ne­te. Die­ses Er­eig­nis wür­dig­te die „Schwä­bi­sche Zei­tung“so­gar mit ei­nem Fo­to (!) auf ih­rer Ti­tel­sei­te. Ein sol­cher Ver­trag wür­de sich heu­te er­üb­ri­gen, denn in­ner­halb der Eu­ro­päi­schen Uni­on herrscht längst vol­le Frei­zü­gig­keit für Ar­beit­neh­mer.

FO­TO: DPA

Der Kä­fer war das Traum­au­to für vie­le Fa­mi­li­en - und ein Sym­bol des wirt­schaft­li­chen Auf­schwungs.

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