Der Aus­put­zer

Mer­kel un­ter Druck – Pe­ter Alt­mai­er soll bei der Be­wäl­ti­gung der Flücht­lings­kri­se hel­fen

Schwaebische Zeitung (Messkirch) - - NACHRICHTEN & HINTERGRUND - Von Sa­bi­ne Lenn­artz

BERLIN - Für An­ge­la Mer­kel wird es im­mer schwie­ri­ger, ih­ren Flücht­lings­kurs der Be­völ­ke­rung und ih­rer ei­ge­nen Par­tei zu er­klä­ren und gleich­zei­tig Kom­mu­nen und Län­der ein­zu­bin­den. Erst­mals wur­de mas­si­ver Un­mut nicht nur von der CSU, son­dern auch aus den Rei­hen der CDU öf­fent­lich zu Pro­to­koll ge­ge­ben – und das von Lan­des- und Kom­mu­nal­po­li­ti­kern, die vor Ort nicht mehr wis­sen, wo sie die Flücht­lin­ge un­ter­brin­gen sol­len. Kanz­ler­amts­mi­nis­ter Pe­ter Alt­mai­er soll jetzt hel­fen.

„Schu­le“, sagt ein Flücht­ling im Auf­nah­me­la­ger Donaueschingen. Er wie­der­holt im­mer wie­der nur „Schu­le“. Ei­nes der we­ni­gen deut­schen Wor­te, die der Fa­mi­li­en­va­ter kann. Die Über­set­ze­rin er­klärt, er wol­le sei­ne Kin­der in die Schu­le schi­cken, in ei­ne rich­ti­ge Schu­le. Doch wie Hun­dert­tau­sen­de an­de­re Flücht­lin­ge sitzt er in ei­nem Auf­nah­me­la­ger und nie­mand kann ihm sa­gen, wann er ei­nen Asyl­an­trag stel­len kann und wann der ent­schie­den wird. Ein Mo­nat war­ten, zwei Mo­na­te oder gar fünf? Die Stim­mung wird schlech­ter, nicht nur un­ter Ein­hei­mi­schen, son­dern auch un­ter den Flücht­lin­gen. Es ist eng in Donaueschingen, und wenn es käl­ter wird drau­ßen, wird es drin­nen noch en­ger wer­den.

„Ver­bes­se­rung der Ab­läu­fe und Be­schleu­ni­gung der Ar­beit“sind das er­klär­te Ziel der Bun­des­re­gie­rung. Es ist ei­ne Her­ku­les-Auf­ga­be, die An­ge­la Mer­kel ih­rem in je­der Hin­sicht ge­wich­ti­gen Mi­nis­ter Alt­mai­er an­ver­traut, der jetzt als Kri­sen­ma­na­ger die po­li­ti­sche Ge­samt­ko­or­di­nie­rung ver­ant­wor­ten soll. De Mai­ziè­re de­gra­diert Da­mit ist der in letz­ter Zeit um­strit­te­ne In­nen­mi­nis­ter Tho­mas de Mai­ziè­re ei­ne Stu­fe her­ab­ge­setzt, heißt es in Berlin. Das sei die Fol­ge da­von, dass er in den letz­ten Wo­chen und Mo­na­ten bei der Ein­schät­zung der Flücht­lings­kri­se ver­sagt ha­be, dass die Ver­fah­ren nach wie vor viel zu lan­ge dau­ern und dass das Bun­des­amt für Mi­gra­ti­on und Flücht­lin­ge (BAMF) nicht ge­nug Leu­te hat, um An­trä­ge zu be­ar­bei­ten. All das fällt in die Zu­stän­dig­keit de Mai­ziè­res, der jetzt de­gra­diert wur­de. Ei­ne Sicht­wei­se, der Re­gie­rungs­spre­cher Strei­ter aufs Hef­tigs­te wi­der­spricht. „Es geht nicht dar­um, ei­nen Mi­nis­ter zu quä­len oder nicht“, sagt er. „Nie­mand nimmt ihm et­was weg.“Der ope­ra­ti­ve Vor­gang sol­le wei­ter beim In­nen­mi­nis­te­ri­um lie­gen. Auch der neu er­nann­te Pe­ter Alt­mai­er be­tont schnell, dass er „eng und ver­trau­lich“mit Tho­mas de Mai­ziè­re zu­sam­men­ar­bei­te. Die Re­gie­rung will den Ein­druck ver­mei­den, dass ein „Pan­nen­mi­nis­ter“, wie Lin­ken-Chef Bernd Ri­ex­in­ger de Mai­ziè­re nennt, zu­rück­ge­stuft wird.

Wäh­rend de Mai­ziè­re zu­neh­mend um­strit­ten ist, ist man sich in der CDU und dar­über hin­aus ei­nig, dass Pe­ter Alt­mai­er in sei­ner ver­bind­lich­fröh­li­chen Art ein Meis­ter im Ver­han­deln ist, was im Zu­sam­men­spiel mit den Län­dern und Kom­mu­nen wich­tig wird. Aus die­sem Grund hat­te Pe­ter Alt­mai­er auch schon die Ko­or­di­nie­rung der Ener­gie­wen­de an­ver­traut be­kom­men. De­ren Ge­lin­gen galt bis­her als ei­nes der ent­schei­den­den Mark­stei­ne der Po­li­tik. Nun ist die Be­wäl­ti­gung der Flücht­lings­kri­se das wich­tigs­te Vor­ha­ben in Berlin.

Schon im letz­ten Jahr hat der 57jäh­ri­ge Saar­län­der Alt­mai­er den ers­ten Asyl­kom­pro­miss im Bun­des­rat vor­be­rei­tet, dass auch ein grü­ner Mi- nis­ter­prä­si­dent wie Win­fried Kret­sch­mann dem Asyl­kom­pro­miss zu­stim­men konn­te.

Man­ches Pro­blem löst Alt­mai­er gern auch bei ei­nem gu­ten Glas Wein. Sein Ta­lent, zu­sam­men­zu­füh­ren und zu ei­nen, soll er jetzt als Ko­or­di­na­tor ein­set­zen. In­nen­po­li­tisch ge­hö­ren zur Flücht­lings­kri­se vie­le Aspek­te, zum Bei­spiel auch die An­kur­be­lung des Woh­nungs­baus oder die schnel­le Ar­beits­auf­nah­me von Flücht­lin­gen. Aber nicht nur Pe­ter Alt­mai­er soll es jetzt rich­ten, auch An­ge­la Mer­kel selbst geht in die Me­di­en­of­fen­si­ve, um Ver­trau­en wie­der­zu­er­lan­gen. Sie war am Mitt­woch ei­ne St­un­de lang im Talk von An­ne Will, der ei­gens we­gen ihr ei­ne St­un­de vor­ver­legt wur­de – da­mit noch vie­le Deut­sche vor dem Schla­fen­ge­hen be­ru­higt wer­den – oder zu­min­dest den Kurs der Kanz­le­rin bes­ser ver­ste­hen.

FO­TO: DPA

Pe­ter Alt­mai­er ( CDU) soll der Flücht­lings­po­li­tik ei­ne kla­re Li­nie ge­ben.

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