Di­gi­ta­li­sie­rung ver­än­dert Leh­re an Uni

Pro­fes­sor ex­pe­ri­men­tiert mit Lehr­vi­de­os – Stu­den­ten sind ge­spal­te­ner Mei­nung

Schwaebische Zeitung (Messkirch) - - WISSEN - Von Stefanie Wal­ter

MAR­BURG (epd) - Die Zeit der klas­si­schen Vor­le­sung ist vor­bei, mei­nen Vor­rei­ter der di­gi­ta­len Leh­re wie der Mar­bur­ger Pro­fes­sor Jür­gen Hand­ke. Die Stu­den­ten könn­ten sich die Grund­la­gen on­line er­schlie­ßen. An der Uni wird dann ver­tieft, nach­ge­fragt, dis­ku­tiert.

In ei­nem klei­nen Pro­fes­so­ren­zim­mer in Mar­burg stellt sich Jür­gen Hand­ke vor die grü­ne Lein­wand. Ka­me­ra an, Te­le­promp­ter läuft. „Hel­lo again“, be­grüßt er sei­ne Stu­den­ten. Die Vor­le­sung be­ginnt. Der Ang­lis­tik-Pro­fes­sor gilt als ei­ner der Vor­rei­ter der di­gi­ta­len Leh­re. Da­für ha­ben ihn der Stif­ter­ver­band für die Deut­sche Wis­sen­schaft und die Hoch­schul­rek­to­ren­kon­fe­renz jüngst mit dem hoch do­tier­ten „Ars le­gen­diP­reis für ex­zel­len­te Hoch­schul­leh­re 2015“aus­ge­zeich­net.

Hand­ke hält kei­ne klas­si­sche Vor­le­sung mehr, in der ein Pro­fes­sor vor­ne steht und den Stu­den­ten je­des Jahr wie­der ei­ne Ein­füh­rung in die Phy­sik, die Grund­la­gen der Ma­the­ma­tik oder die Deut­sche Ge­schich­te im Spät­mit­tel­al­ter gibt. „Aus­gang war die Er­kennt­nis, dass ich nicht den glei­chen Kram im­mer wie­der er­zäh­len woll­te“, sagt Hand­ke.

Sei­ne Stu­den­ten be­rei­ten sich zu Hau­se mit di­dak­tisch auf­wen­dig pro­du­zier­ten Lehr­vi­de­os und er­gän­zen- den Ma­te­ria­li­en vor. In der spä­te­ren „Prä­senz­pha­se“an der Uni dis­ku­tie­ren sie, ver­tie­fen die Auf­ga­ben, fra­gen nach, ma­chen Übun­gen. Sie sit­zen im Hör­saal in Grup­pen bei­ein­an­der, man­che auf den Ti­schen, sie kli­cken sich durchs In­ter­net, dis­ku­tie­ren laut, Tu­to­ren set­zen sich da­zu, hel­fen.

Hand­ke lehnt sich an die Un­ter­richts­me­tho­de des „In­ver­ted Class­room“an, des „um­ge­kehr­ten Klas­sen­zim­mers“. Sie ent­stand um das Jahr 2000 in den USA. Der bis­he­ri­ge Un­ter­richt wird ein­fach um­ge­dreht: Die Schü­ler er­schlie­ßen sich den In­halt vor dem Un­ter­richt on­line. Die frü­he­ren Haus­auf­ga­ben – al­so das Üben, Ver­tie­fen, die Pro­blem­lö­sung – wer­den in die Prä­senz­pha­se ver­la­gert. Zeit­auf­wand un­ter­schätzt „Ich mag, dass ich mir die Ar­beit sel­ber ein­tei­len kann“, sagt die Stu­den­tin Katharina Weber, die bei Hand­ke den Mas­ter-Stu­di­en­gang „Lin­gu­is­tics and Web Tech­no­lo­gy“be­legt. Das schaf­fe Frei­raum, aber der Zeit­auf­wand sei sehr hoch.

Hand­kes Stu­den­ten müs­sen noch dis­zi­pli­nier­ter, noch selbst­stän­di­ger ar­bei­ten als an­de­re. Man kön­ne die Lehr­vi­de­os nicht wie ei­ne Face­book­Sei­te ne­ben­her lau­fen las­sen, er­klärt die Stu­den­tin An­ja Penß­ler. Das un­ter­schätz­ten vie­le.

Vie­le Unis tun sich schwer mit der Di­gi­ta­li­sie­rung. „E-Le­arning steht zwar seit Lan­gem bei den Hoch­schu­len auf der Agen­da“, sagt Oli­ver Ja­nosch­ka, Pro­gramm­lei­ter beim Stif­ter­ver­band für die Deut­sche Wis­sen­schaft und zu­stän­dig für das „Hoch­schul­fo­rum Di­gi­ta­li­sie­rung“. Es ge­be al­ler­dings „ver­schie­de­ne Ge­schwin­dig­kei­ten“.

Die meis­ten Pro­fes­so­ren hiel­ten klas­si­sche Vor­le­sun­gen. Wenn die Hoch­schu­len jetzt nicht han­del­ten, wir­ke viel­leicht bald nicht mehr zeit­ge­mäß, was sie zu bie­ten hät­ten. Denn denk­bar sei: Bald be­rei­ten sich Stu­den­ten im Netz vor und kom­men nur noch zu den Prü­fun­gen an die Uni. Hoch­schu­len wür­den zu rei­nen Prüf- und For­schungs­in­sti­tu­ten.

„In ei­ni­ger Zeit wer­den die In­hal­te für al­le Fä­cher per­fekt im In­ter­net ste­hen“, sagt Hand­ke. Er sieht an den Uni­ver­si­tä­ten vie­le Bar­rie­ren, sich mit die­sen Fra­gen aus­ein­an­der­zu­set­zen. Es ge­be „ei­ne Blo­cka­de­hal­tung, ge­bün­delt mit Ängs­ten und dem Fest­hal­ten an Tra­di­tio­nen“, dia­gnos­ti­ziert er. Auch an an­de­ren Hoch­schu­len gibt es Vor­rei­ter, zum Bei­spiel den Bie­le­fel­der Fach­hoch­schul­pro­fes­sor Jörn Lo­vis­cach, der eben­falls sei­ne Vi­de­os über Youtu­be ver­brei­tet: Die Max­well-Glei­chun­gen – 27 000 Auf­ru­fe. Der Vek­tor­raum hat 94 000 Auf­ru­fe. Ei­ni­ge Unis ex­pe­ri­men­tie­ren mit On­li­ne­kur­sen. Die „ Vir­tu­el­le Hoch­schu­le Bay­ern“bie­tet hoch­schul­über­grei­fend mul­ti­me­dia­le In­hal­te für al­le baye­ri­schen Stu­den­ten an. Die Uni­ver­si­tät Ham­burg ent­wi­ckelt ei­ne Open On­line Uni­ver­si­ty mit ei­nem On­line- An­ge­bot für al­le, die an aka­de­mi­scher Bil­dung in­ter­es­siert sind. Die FH Lü­beck hat mit „ on­cam­pus“ein Fern­stu­di­um­An­ge­bot kon­zi­piert. ( epd)

FO­TO: COLOURBOX

Die Stu­den­ten be­rei­ten sich mit Lehr­vi­de­os zu Hau­se auf die Vor­le­sung vor. Mit dem Pro­fes­sor ver­tie­fen sie dann den Stoff.

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