Kein Tag ver­geht oh­ne Mau-Mau

Oh­ne die Un­ter­stüt­zung von Manuela Rei­ser und an­de­rer OWB-Mit­ar­bei­ter könn­te Manu nicht al­lei­ne woh­nen

Schwaebische Zeitung (Messkirch) - - MENGEN / GÖGE / SCHEER - Von Jen­ni­fer Kuhl­mann

MEN­GEN - Kaum ins Au­to ein­ge­stie­gen, dreht Manuela Rei­ser so­fort die Mu­sik auf. Ein Schla­ger er­klingt. „Das ist das Al­pen­trio Ti­rol“, sagt sie. „Das hö­ren wir im­mer auf dem Weg zum Ein­kau­fen. Stimmt’s?“Sie dreht sich zum Bei­fah­rer­sitz und lacht. Dort sitzt Manu, die auch Manuela heißt und de­ren Nach­na­men wir aus Da­ten­schutz­grün­den ver­schwei­gen. Manu muss auch la­chen und singt mit. Nicht so laut wie sonst, denn es ist ja je­mand Frem­des mit im Au­to.

Manu hat­te mit 19 Jah­ren ei­nen Au­to­un­fall, bei dem ihr Fron­tal­hirn be­schä­digt wur­de. Seit­her hat sie Schwie­rig­kei­ten, Si­tua­tio­nen ein­zu­schät­zen und Hand­lun­gen zu pla­nen. Auch ih­ren nor­ma­len All­tag kann sie nicht mehr al­lein be­wäl­ti­gen. Oh­ne die Un­ter­stüt­zung von Manuela Rei­ser und an­de­rer Mit­ar­bei­ter der Am­bu­lan­ten Di­ens­te der Ober­schwä­bi­schen Werk­stät­ten (OWB) könn­te die 51-Jäh­ri­ge nicht al­lein le­ben. Sie wür­de we­der wa­schen noch spü­len, ver­ges­sen, sich zu du­schen, und ein nor­ma­ler Ein­kauf im Su­per­markt wä­re ein gro­ßes Aben­teu­er.

„Da­bei be­kommt sie vie­les im All­tag auf die Rei­he: Sie steht selbst­stän­dig auf, macht sich et­was zu es­sen und geht in un­se­rer Werk­statt in Sig­ma­rin­gen zur Ar­beit“, sagt Da­ni­el Schwarz­kopf, der bei den OWB für die Am­bu­lan­ten Di­ens­te zu­stän­dig ist. Manu sei sehr in­tel­li­gent, hät­te aber durch den Hirn­scha­den ein­fach Pro­ble­me. „In ei­nem Wohn­heim für Be­hin­der­te wä­re sie nicht rich­tig auf­ge­ho­ben.“Durch ein so­zia­les Netz­werk aus Fach­leu­ten der OWB, ge­ring­fü­gig Be­schäf­tig­ten und Eh­ren­amt­li­chen kön­nen Men­schen wie Manu in ih­ren ei­ge­nen vier Wän­den le­ben. Knapp 60 Men­schen mit Be­hin­de­run­gen wer­den auf die­se Wei­se im Land­kreis be­treut. Man­che von ih­nen brau­chen mehr Un­ter­stüt­zung, an­de­re we­ni­ger (sie­he Kas­ten). Lie­ber das Ge­wohn­te Den Ein­kaufs­zet­tel ha­ben Manuela Rei­ser und Manu ge­mein­sam ge­schrie­ben. „Ei­gent­lich kau­fen wir im­mer das­sel­be ein“, sagt Rei­ser. Manu steht Neu­em nicht sehr auf­ge­schlos­sen ge­gen­über. Im­mer­hin konn­te Rei­ser sie mit der Zeit für Him­bee­ren und Muf­fins be­geis­tern. In der Frei­zeit­ge­stal­tung ist es ähn­lich. „Am liebs­ten spie­le ich MauMau und Mensch är­ge­re dich nicht“, gibt Manu zu. Je­den Nach­mit­tag sind ein paar Par­ti­en fäl­lig, de­ren Er­geb­nis­se Manu genau no­tiert. Zu Aus­flü­gen zum Sig­ma­rin­ger Schloss oder nach Bad Saul­gau muss Manuela Rei­ser ih­ren Schütz­ling im­mer mit viel Mü­he über­re­den.

Um 16 Uhr kommt Manu von der Ar­beit. Diens­tags und don­ners­tags war­tet dann Manuela Rei­ser auf sie, an den an­de­ren Ta­gen ei­ne an­de­re Hel­fe­rin. Manu freut sich über die Hil­fe­stel­lung. Al­lein sein, das kann sie am Sonn­tag. Das reicht. Rei­ser hat vor ein­ein­halb Jah­ren als Eh­ren­amt- li­che beim fa­mi­li­en­ent­las­ten­den Di­enst be­gon­nen, mitt­ler­wei­le ist sie auf 450-Eu­ro-Ba­sis an­ge­stellt, weil Manu ein­fach viel Un­ter­stüt­zung braucht. „Na­tür­lich ist es manch­mal an­stren­gend“, gibt Rei­ser zu. „Aber wir la­chen auch viel zu­sam­men und ver­ste­hen uns ein­fach gut.“Manu sei in man­cher Hin­sicht wie ein Kind. Als drei­fa­che Mut­ter ha­be sie mit Trotz­re­ak­tio­nen so ih­re Er­fah­run­gen. Rei­ser selbst hat lan­ge in ei­nem Au­to­haus ge­ar­bei­tet. Als die Fi­lia­le ge­schlos­sen wur­de, hat sie die Chan­ce ge­nutzt, sich um­zu­ori­en­tie­ren. „Be­reut ha­be ich das nicht“, sagt sie.

Wer sich für Men­schen mit Be­hin­de­run­gen en­ga­gie­ren wol­le, müs­se nicht so in­ten­siv ein­stei­gen wie Rei­ser, be­tont Da­ni­el Schwarz­kopf. In sagt Da­ni­el Schwarz­kopf über den Um­fang, in dem sich Eh­ren­amt­li­che

en­ga­gie­ren kön­nen. ei­nem Ge­spräch mit den po­ten­zi­el­len Eh­ren­amt­li­chen wird fest­ge­legt, in wel­chem Um­fang und in wel­chem Be­reich je­mand ak­tiv sein möch­te. „Zwei St­un­den in der Wo­che sind aber das Mi­ni­mum“, sagt er. Die­ser St­un­den­um­fang stün­de den Men­schen mit ein­ge­schränk­ter All­tags­kom­pe­tenz ab Pfle­ge­stu­fe 0 zu und wer­de durch ei­ne Auf­wands­ent­schä­di­gung für den Eh­ren­amt­li­chen ab­ge­gol­ten.

Ma­ria Bur­den­ski küm­mert sich eh­ren­amt­lich um drei sol­cher Per­so­nen. „Die ar­bei­ten auch bei den Ober­schwä­bi­schen Werk­stät­ten und sind un­ter­ein­an­der be­freun­det“, er­zählt sie. Weil die drei mit ih­rer Haus­halts­füh­rung kei­ne Pro­ble­me ha­ben, geht es hier mehr um die ge­mein­sa­me Frei­zeit­ge­stal­tung und zwi­schen­mensch­li­che Aspek­te. „Wir ba­cken vor Weih­nach­ten zu­sam­men Plätz­chen, ge­hen spa­zie­ren oder in die Eis­die­le“, er­zählt sie. Weil sich die drei nicht trau­en, al­lein mit dem Zug zu fah­ren, be­glei­tet sie die Grup­pe et­wa zum Weih­nachts­markt nach Ulm. „Von der ge­mein­sa­men Zeit und den Aus­flü­gen pro­fi­tie­re ich ge­nau­so wie die an­de­ren drei“, sagt Bur­den­ski.

Beim Put­zen hö­ren die bei­den Ma­nue­las üb­ri­gens gern Lie­der von Cos­ta Corda­lis oder Al­ba­no und Ro­mi­na Po­wer. „Wenn die Ge­schwis­ter Hof­mann in Meß­kirch sind, dann ge­hen wir da hin“, über­legt Manuela Rei­ser beim Ein­räu­men der Ein­käu­fe laut. Manu guckt zwei­felnd. Sie ist mü­de vom Ar­beits­tag und hat Hun-

sagt Manuela Rei­ser. ger. An ein Kon­zert mag sie gera­de nicht den­ken. „Aber wenn ich sie ir­gend­wie ins Au­to be­kom­me, dann weiß ich genau, dass sie Spaß ha­ben wird“, sagt Rei­ser.

„Zwei St­un­den in der Wo­che sind aber das

Mi­ni­mum“,

„Wenn die Ge­schwis­ter Hof­mann in Meß­kirch sind, dann

ge­hen wir da hin“

FO­TO: JEN­NI­FER KUHL­MANN

Manuela Rei­ser (links) un­ter­stützt Manu beim Ein­kau­fen. In der Obst- und Ge­mü­se­ab­tei­lung su­chen sie im­mer nach Him­bee­ren, die Manu be­son­ders ger­ne isst.

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