Es war nicht „Don­ner­gott Wo­tan“

Der Ge­winn der Fuß­bal­lwelt­meis­ter­schaft 1954 in Bern sorg­te für lang ver­miss­te Glücks­ge­füh­le bei den Deut­schen

Schwaebische Zeitung (Messkirch) - - SEITE DREI - Von Rolf Schnei­der

us dem Hin­ter­grund müss­te Rahn schie­ßen. Rahn schießt, Tor, Tor, Tor!“Es gibt Ra­dio­re­por­ta­gen, die sind zeit­los. Die Sät­ze Her­bert Zim­mer­manns vom 3:2 im WM-End­spiel ge­gen die als un­be­zwing­bar gel­ten­den Un­garn vom 4. Ju­li 1954 aus dem Ber­ner Wank­dorf­sta­di­on ha­ben in Deutsch­land ei­nen Ewig­keits­wert wie Be­rich­te von der Mond­lan­dung oder vom Mau­er­fall 1989. Ne­ben­bei ein Sack Kaf­fee Re­dak­teur Hans Mül­ler, lang­jäh­ri­ger und hoch­ge­ach­te­ter Sport­chef der „Schwä­bi­schen Zei­tung“, reis­te 1954 als ei­ner der we­ni­gen deut­schen Be­richt­er­stat­ter mit drei Kol­le­gen in die Schweiz, schmug­gel­te spä­ter mit die­sen ei­nen Sack Kaf­fee im VW-Kä­fer über die Gren­ze und gab sei­nen End­spiel­be­richt („Trotz Re­gens war die Stim­mung bei den deut­schen Schlach­ten­bumm­lern wie bei schöns­tem Son­nen­schein“) per Te­le­fon vor Ort durch. Die wirk­li­che Wer­tig­keit des Er­eig­nis­ses wur­de vie­len Zeit­ge­nos­sen erst all­mäh­lich klar, wes­halb der da­ma­li­ge Auf­ma­cher auf Sei­te eins von Ver­stim­mun­gen zwi­schen Frank­reich und Bun­des­kanz­ler Ade­nau­er han­del­te und der Kom­men­tar eben­so. Im­mer­hin wur­de noch die Tat­sa­che ge­wür­digt, dass die se­li­gen deut­schen Schlach­ten­bumm­ler bei Über­rei­chung des WM-Po­kals laut­hals die ers­te Stro­phe der Na­tio­nal­hym­ne („Deutsch­land, Deutsch­land über al­les“) san­gen, was in der Schweiz und an­ders­wo aus­ge­spro­chen un­amü­siert zur Kennt­nis ge­nom­men wur­de. Neun Jah­re nach Be­en­di­gung des Zwei­ten Welt­kriegs ge­noss nach dem WMSieg ei­ne dar­ben­de Na­ti­on lang ver­miss­te Glücks­ge­füh­le, was den da­ma­li­gen DFB-Prä­si­den­ten Pe­co Bau­wens bei sei­ner An­spra­che zwei Ta­ge nach dem WM-Sieg beim Emp­fang der Mann­schaft in München zu mar­ki­gen Sät­zen an­sta­chel­te, die vom Wert der „stol­zen deut­schen Fah­ne“han­del­ten und von mys­ti­scher Be­seelt­heit: „Don­ner­gott Wo­tan hat der deut­schen Elf zum Sieg ver­hol­fen.“Es spricht für die Sen­si­bi­li­tät des Re­dak­teurs beim über­tra­gen­den Baye­ri­schen Rund­funk, dass er dem pein­li­chen Funk­tio­närs­fas­ler früh­zei­tig den Ton ab­dreh­te. Ein Schus­ter war auch be­tei­ligt Was nicht nur po­li­tisch, son­dern auch sach­lich an­ge­bracht war. Denn nicht Don­ner­gott Wo­tan war Grund des Über­ra­schungs­siegs. Es wa­ren drei Fak­to­ren: 1. Tak­tik-Fuchs Sepp Her­ber­ger, der sei­nen glei­cher­ma­ßen ge­nia­len wie sen­si­blen Spiel­ma­cher Fritz Wal­ter rich­tig ein­zu­stel­len wuss­te. 2. Das Re­gen­wet­ter von Bern, wel­ches Gift für das ra­sche, tech­nisch fei­ne Spiel der Un­garn war und 3. ein Schus­ter na­mens Adolf Dass­ler aus Her­zo­ge­nau­rach, der mit der Ein­füh­rung der Schraub­stol­len der deut­schen Elf stand­fes­ten Vor­teil ver­schaff­te und da­mals den Grund­stein zu ei­nem Sport­schuh-Welt­im­pe­ri­um leg­te. Hel­mut Rahn, wohl der bes­te deut­sche Rechts­au­ßen al­ler Zei­ten, er­zähl­te wohl tau­send­mal die Ge­schich­te sei­nes Sieg­to­res, zu dem ihm eben auch der schuss­si­che­re Schuh ver­hol­fen hat­te: „Ich ha­be gar nicht ge­se­hen, wo­hin der Ball ging. Aber ich wuss­te: Der ist drin. Dr­in­ner geht’s nicht.“

Und glück­li­cher ging auch nicht, als die Mas­sen – bei­lei­be nicht nur Fuß­ball­fans – wa­ren, die die frisch­ge­ba­cke­nen Welt­meis­ter bei ih­rer Rück­fahrt über Schaff­hau­sen, Sin­gen, Lindau, Kemp­ten, Buch­loe und Lands­berg nach München fei­er­ten. Der His­to­ri­ker Joa­chim Fest dia­gnos­ti­zier­te vie­le Jah­re spä­ter den na­tio­na­len Stel­len­wert des ers­ten deut­schen WM-Ge­winns: „Die Bun­des­re­pu­blik hat drei Grün­dungs­vä­ter: Kon­rad Ade­nau­er po­li­tisch, Lud­wig Er­hard wirt­schaft­lich, Fritz Wal­ter als Hoff­nungs­brin­ger.“Dass der ge­nia­le deut­sche Spiel­ma­cher ge­beu­telt und ge­schwächt erst 1945 aus rus­si­scher Kriegs­ge­fan­gen­schaft heim­kam, wirft ein Licht auf die Vor­zei­chen die­ser Zeit. Nach 1954 war Fritz Wal­ter ein Held, der Held von Bern.

Doch Hel­den ha­ben meist ei­ne kur­ze Halb­wert­zeit. Tor­hü­ter To­ni Tu­rek, der „Fuß­ball­gott“(Re­por­ter Zim­mer­mann), starb, von der Hüf­te ab­wärts ge­lähmt, mit 65. Ott­mar Wal­ter, stets im Schat­ten sei­nes Bru­ders Fritz ste­hend, über­stand nach et­li­chen wirt­schaft­li­chen Miss­er­fol­gen knapp ei­nen Sui­zid­ver­such. Wer­ner Kohl­mey­er trank sich mit bit­te­rer Kon­se­quenz zu To­de und starb mit 50 Jah­ren. Von der WM-Elf le­ben heu­te nur noch zwei, Stür­mer Hans Schä­fer (heu­te 88) und Läu­fer Horst Eckel (83), be­zeich­nen­der­wei­se je­ne zwei, die mit bei­den Bei­nen am si­chers­ten auf der Er­de stan­den. Was sie al­le über­lebt hat, ist der My­thos von 1954. Bü­cher zu­hauf, Fil­me, so­gar ein Mu­si­cal be­le­ben je­nes Ge­fühl wie­der, das der erst jüngst ver­stor­be­ne VfB-Prä­si­dent Ger­hard May­erVor­fel­der in Wor­te fass­te: „Man hat­te das Ge­fühl, wie­der in die Völ­ker­ver­ei­ni­gung auf­ge­nom­men zu wer­den. Man hat­te das Ge­fühl, dass man ei­nem wie­der Re­spekt ent­ge­gen­bringt. Das hat uns gut­ge­tan.“

Fi­nan­zi­ell hat es den Welt­meis­tern nur in Ma­ßen gut­ge­tan. Wäh­rend die Welt­meis­ter von 2014 pro Na­se 300 000 Eu­ro (mit Ein­satz­prä­mi­en bis zu 500 000 Eu­ro) er­hiel­ten, war da­mals eher Schmal­hans Kü­chen­meis­ter. Je­der Spie­ler be­kam ei­nen grü­nen Gog­go­mo­bil-Mo­tor­rol­ler (in Lu­xus­aus­füh­rung), ei­nen Fern­se­her (schwarz-weiß na­tür­lich und nur un­we­sent­lich grö­ßer als ei­ne Schuh­schach­tel), ei­nen Le­der­kof­fer und 2500 Deut­sche Mark.

FO­TO: DPA

Ka­pi­tän Fritz Wal­ter und sein Lau­te­rer Te­am­ge­fähr­te Horst Eckel ( rechts) wer­den nach dem Tri­umph im Ber­ner Wank­dorf­sta­di­on von be­geis­ter­ten An­hän­gern vom Spiel­feld ge­tra­gen.

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