Frie­dens­for­scher tippt auf die Kanz­le­rin

Schwaebische Zeitung (Messkirch) - - MEINUNG & DIALOG - Von Ju­lia Wäschenbach, dpa

m Ukrai­ne-Kon­flikt han­delt die Bun­des­kanz­le­rin ei­nen Waf­fen­still­stand aus. Als die Flücht­lings­si­tua­ti­on zu es­ka­lie­ren droht, heißt An­ge­la Mer­kel die Schutz­su­chen­den in Deutsch­land will­kom­men – und fin­det kla­re Wor­te. Für ih­ren Um­gang mit den gro­ßen Kri­sen in Eu­ro­pa soll die CDU-Po­li­ti­ke­rin den Frie­dens­no­bel­preis be­kom­men, for­dern Par­tei­freun­de in Berlin. In Oslo, wo heu­te das Ge­heim­nis um den Preis­trä­ger 2015 ge­lüf­tet wird, wird Mer­kel auch als Kan­di­da­tin ge­han­delt. Doch mit der Aus­zeich­nung von Po­li­ti­kern hat die nor­we­gi­sche No­bel-Ju­ry nicht im­mer ein glück­li­ches Händ­chen ge­habt.

Rück­blick: 1994 ehrt das Ko­mi­tee Pa­läs­ti­nen­ser-Füh­rer Jas­sir Ara­fat und die is­rae­li­schen Spit­zen­po­li­ti­ker Schi­mon Pe­res und Iz­chak Ra­bin für ihr Be­mü­hen um ein En­de des Nah­ost-Kon­flikts. Über 20 Jah­re spä­ter hat sich die Hoff­nung auf Frie­den zwi­schen Pa­läs­ti­na und Is­ra­el im­mer noch nicht er­füllt.

US-Prä­si­dent Ba­rack Oba­ma er­fuhr die No­bel-Eh­ren, als er 2009 gera­de ein­mal neun Mo­na­te im Amt war. Vie­le Re­ak­tio­nen wa­ren ne­ga­tiv, so­gar sehr ne­ga­tiv. Der No­bel-Di­rek­tor Geir Lun­de­stad meint über Oba­ma: „Es war un­mög­lich für ihn, die enor­men Er­war­tun­gen zu er­fül­len, die nach der Wahl 2008 an ihn ge­stellt wur­den.“

Für den Os­lo­er Frie­dens­for­scher Kris­ti­an Berg Harpvi­ken ist Mer­kel die kla­re Fa­vo­ri­tin auf den dies­jäh­ri­gen Preis. Vor­ge­schla­gen wur­de sie von Ab­ge­ord­ne­ten ih­rer Par­tei – da- mals noch für ih­re Ver­mitt­lung im Ukrai­ne-Kon­flikt und nicht für den Um­gang mit dem Flücht­lings­dra­ma. Doch gera­de da ha­be Mer­kel Rück­grat ge­zeigt, als sich al­le weg­duck­ten, meint Berg Harpvi­ken.

Für Mer­kel spricht, dass die Os­lo­er Ju­ry zu­letzt sel­te­ner vor­bild­li­che Ein­zel­kämp­fer aus­ge­zeich­net hat als Men­schen, die po­li­ti­schen Ein­fluss aus­üben konn­ten. So­wohl beim Preis an Oba­ma als auch bei dem an die Eu­ro­päi­sche Uni­on 2012 war sich die Ju­ry, die heu­te noch in ähn­li­cher Be­set­zung ent­schei­det, ei­nig, schreibt Lun­de­stad. Im Ko­mi­tee sit­zen vor al­lem Ex-Po­li­ti­ker.

Ge­gen Mer­kel spricht wohl, dass die gro­ßen Pro­ble­me, de­rer sie sich an­nimmt, von ei­ner Lö­sung noch weit ent­fernt schei­nen. Die EU-Staa­ten füh­len sich von der mas­si­ven Zu- wan­de­rung zu­neh­mend über­for­dert. Auch vie­le Deut­sche se­hen ihr Land an sei­nen Gren­zen, für die Kanz­le­rin ha­gelt es Kri­tik auch aus den ei­ge­nen Rei­hen. Und die im Fe­bru­ar in der weiß­rus­si­schen Haupt­stadt Minsk ver­ein­bar­te Waf­fen­ru­he wird erst seit Sep­tem­ber wirk­lich ein­ge­hal­ten.

Auf den Wett­lis­ten im In­ter­net lie­gen an­de­re vorn, wie der kon­go­le­si­sche Arzt De­nis Muk­we­ge, oder der in der Schweiz le­ben­de eri­trei­sche Pries­ter Mus­sie Ze­rai, der Men­schen hilft, die auf dem Mit­tel­meer in Not ge­ra­ten. Harpvi­ken sieht auch Chan­cen für das Flücht­lings­hilfs­werk der Ver­ein­ten Na­tio­nen, das schon 1954 und 1981 aus­ge­zeich­net wur­de. An­de­re wet­ten auf die rus­si­sche Zei­tung „No­wa­ja Ga­se­ta“oder Papst Fran­zis­kus. Von Mer­kel kei­ne Spur.

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