Flücht­lin­ge sor­gen für Son­der­kon­junk­tur

Wirt­schafts­for­scher er­war­ten 2015 und 2016 ein Wachs­tum von 1,8 Pro­zent

Schwaebische Zeitung (Messkirch) - - WIRTSCHAFT - Von Wolf­gang Mul­ke

BERLIN - Der An­sturm von Asyl­su­chen­den bringt der deut­schen Wirt­schaft ei­ne klei­ne Son­der­kon­junk­tur. Nach Be­rech­nun­gen der füh­ren­den For­schungs­in­sti­tu­te wird die öf­fent­li­che Hand für Flücht­lin­ge in die­sem Jahr vier Mil­li­ar­den Eu­ro, im kom­men­den Jahr sie­ben Mil­li­ar­den Eu­ro mehr aus­ge­ben als ge­plant. „Das wirkt ähn­lich wie ein Kon­junk­tur­pro­gramm“, sagt Fer­di­nand Ficht­ner vom Deut­schen In­sti­tut für Wirt­schafts­for­schung (DIW).

Die fi­nan­zi­el­len Spiel­räu­me da­für sind in den öf­fent­li­chen Haus­hal­ten vor­han­den. Das Herbst­gut­ach­ten der For­scher geht von ei­nem an­hal­ten­den Fi­nan­zie­rungs­über­schuss des Staa­tes aus. In die­sem Jahr neh­men die Kas­sen­war­te dem­nach 23 Mil­li­ar­den Eu­ro mehr ein als sie aus­ge­ben, 2016 wird der Über­schuss noch 13 Mil­li­ar­den Eu­ro be­tra­gen. Die kon­junk­tu­rel­le Ent­wick­lung schät­zen die In­sti­tu­te als sta­bil ein. In die­sem und dem kom­men­den Jahr er­war­ten sie ein Wachs­tum von 1,8 Pro­zent bei ei­ner leicht von der­zeit fast null Pro­zent auf dann 1,1 Pro­zent stei­gen­den In­fla­ti­ons­ra­te.

Auf dem Ar­beits­markt ma­chen sich die Flücht­lin­ge vor­erst kaum be­merk­bar. In die­sem Jahr wer­den laut Gut­ach­ten 30 000 von ih­nen ei­nen Job su­chen. 2016 drän­gen 300 000 Asyl­be­wer­ber auf den Stel­len­markt. Trotz­dem er­war­ten die For­scher nur ei­nen ge­rin­gen An­stieg der Ar­beits­lo­sig­keit um 75 000 Job­su­chen­de. „Der Ar­beits­markt kann die Flücht­lin­ge gut weg­ste­cken“, sagt Ficht­ner.

Wie sich die Zu­wan­de­rungs­wel­le lang­fris­tig aus­wirkt, kön­nen auch die Ex­per­ten nicht ab­schät­zen. Ein gu­ter Teil der Flücht­lin­ge sei nur ge­ring qua­li­fi­ziert, war­nen die Gut­ach­ter. Nach ih­rer Ein­schät­zung könn­te der Min­dest­lohn ih­re In­te­gra­ti­on am Ar­beits­markt ge­fähr­den. Ei­ne Ab­schaf­fung for­dern sie je­doch nicht. Sinn: Lohn­un­ter­gren­ze strei­chen Da­ge­gen will der Chef des Münch­ner Ifo-In­sti­tuts, Hans-Wer­ner Sinn, die Lohn­un­ter­gren­ze strei­chen, um die Mi­gran­ten zu in­te­grie­ren. Das trägt dem For­scher har­sche Kri­tik von Ge­werk­schafts­sei­te ein. „Die For­de­run­gen schü­ren oh­ne­hin be­ste­hen­de Vor­be­hal­te ge­gen­über den Asyl­su­chen­den“, sagt Diet­mar Schä­fers, Die Wirt­schafts­for­schungs­in­sti­tu­te er­war­ten in die­sem und im nächs­ten Jahr ins­ge­samt 1,5 Mil­lio­nen Asyl­su­chen­de in Deutsch­land. Bis En­de 2015 schät­zen sie die Zahl der an­kom­men­den Flücht­lin­ge auf 900 000, wie aus dem Herbst­gut­ach­ten der Top- Re­gie­rungs­be­ra­ter her­vor­geht. Die Bun­des­re­gie­rung geht of­fi­zi­ell von 800 000 aus. Chef der IG Bau, und nennt Sinn ei­nen „geis­ti­gen Brand­stif­ter“.

Die Gut­ach­ter hal­ten die In­te­gra­ti­on der Neu­bür­ger am Ar­beits­markt für die ent­schei­den­de Fra­ge von Er­folg und Miss­er­folg der Asyl­po­li­tik. „Es geht um gu­te Start­be­din­gun­gen“, sagt Oli­ver Hol­te­m­öl­ler vom Leib­niz-In­sti­tut Hal­le. Sprach­kur­se und Aus­bil­dungs­plät­ze sol­len die Ein­glie­de­rung er­leich­tern. Die For­scher war­nen vor ei­ner Ver­tei­lung der Flücht­lin­ge an Or­te mit ge­rin­gen Wohn­kos­ten, weil dies Re­gio­nen mit we­ni­gen Ar­beits­plät­zen sind.

Lang­fris­tig hängt viel von der Qua­li­fi­ka­ti­on der Zu­wan­de­rer ab. Je bes­ser aus­ge­bil­det sie sind, des­to hö­her ihr Ein­kom­men und ih­re Be­tei­li­gung an der Fi­nan­zie­rung des Ge­mein­wohls durch Steu­ern und So­zi­al­ab­ga­ben. Pro­gno­sen über die wirt­schaft­li­chen Ef­fek­te wa­gen die Gut­ach­ter je­doch nicht. Zur Jah­res­wen­de dürf­te die Zu­wan­de­rung dann et­was ab­eb­ben, weil wei­te­re Län­der als si­che­re Her­kunfts­staa­ten ein­ge­stuft wur­den und das Du­bli­ner Ver­fah­ren wie­der kon­se­quen­ter an­ge­wandt wer­den könn­te: „ Gleich­wohl neh­men die In­sti­tu­te an, dass es im Jahr 2016 noch zu 600 000 Zu­gän­gen kommt.“(dpa)

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