Die Kunst des rich­ti­gen „Bon­jour“

Gu­te Ma­nie­ren sind sel­ten ge­wor­den – In Frank­reich boo­men Kur­se, die das än­dern wol­len

Schwaebische Zeitung (Messkirch) - - JOURNAL - Von Christine Lon­gin

PA­RIS - Tür auf­hal­ten, in den Man­tel hel­fen, im Bus Platz für äl­te­re Men­schen ma­chen, sich am Tisch be­neh­men: klei­ne Ges­ten, die zu ei­nem bes­se­ren Um­gang mit­ein­an­der füh­ren. Doch sie sind längst nicht mehr selbst­ver­ständ­lich, gu­te Ma­nie­ren lang nicht mehr so ver­brei­tet wie frü­her. Auch in Frank­reich steht Höf­lich­keit nicht mehr so hoch im Kurs wie frü­her. Trotz­dem – oder gera­de des­halb – ha­ben Kur­se, die gu­tes Be­neh­men leh­ren, viel Er­folg.

Es sind vor al­lem jun­ge Paa­re An­fang 30, die die ge­die­ge­ne Woh­nung von Fran­ce de Hee­re be­tre­ten. Ein biss­chen ge­hemmt sind wohl die meis­ten, wenn sie der 47-Jäh­ri­gen die Hand schüt­teln, denn die Fran­zö­sin soll ih­nen Ma­nie­ren bei­brin­gen. „Sie kom­men, weil ih­nen das ge­wis­se Et­was fehlt“, sagt die vier­fa­che Mut­ter, die seit drei Jah­ren die fran­zö­si­sche Le­bens­art un­ter­rich­tet. Wie be­grü­ße ich je­man­den, was zie­he ich zu ei­ner Abend­ein­la­dung an und wie de­cke ich den Tisch? Die eins­ti­ge Wer­be­fach­frau weiß auf al­le die­se Fra­gen ei­ne Ant­wort. Ei­ne gu­te St­un­de dau­ert der Schnell­kurs, den sie bei sich zu Hau­se gibt. Ihr gu­tes Ge­schirr – par­don, Ser­vice – und das sil­ber­ne Fa­mi­li­en­be­steck stellt sie da­für auf den an­ti­ken Ess­tisch, rich­tig plat­zie­ren müs­sen es die Kun­den selbst.

An­fangs wa­ren es nur Fran­zo­sen, die in ih­re Woh­nung, fünf Mi­nu­ten vom Schloss Ver­sailles ent­fernt, ka­men. In­zwi­schen in­ter­es­sie­ren sich auch vie­le Aus­län­der für das „Sa­voir­Vi­v­re“. So­wohl Tou­ris­ten als auch Ge­schäfts­leu­te wol­len wis­sen, wie sie sich in der fran­zö­si­schen Ge­sell­schaft rich­tig ver­hal­ten. Vor al­lem Chi­ne­sen mel­den sich für ih­re Kur­se, die de Hee­re auch über ei­ne Rei­se­agen­tur an­bie­tet. Die Nach­fra­ge ist so groß, dass die Leh­re­rin der „french eti­quet­te“, die aus ei­ner groß­bür­ger­li­chen Fa­mi­lie kommt und mit ei­nem Ade­li­gen ver­hei­ra­tet ist, in­zwi­schen An­fra­gen ab­leh­nen muss. Schlecht er­zo­gen und un­freund­lich De Hee­re ist nicht die ein­zi­ge, die mit ih­rem „Ate­lier du Sa­voir-vi­v­re“Er­folg hat. In Pa­ris gibt es ähn­li­che „Ben­imm­schu­len“, die al­le­samt ei­nen Nerv tref­fen. Denn die Fran­zo­sen stö­ren sich am schlech­ten Ver­hal­ten ih­rer Mit­men­schen. Im ver­gan­ge­nen Jahr wa­ren bei ei­ner Fra­ge­ak­ti­on des Fern­seh­sen­ders BFMTV 86 Pro­zent der An­ru­fer der Mei­nung, dass ih­re Lands­leu­te „schlecht er­zo­gen, un­freund­lich und un­höf­lich“sind. 2011 er­gab ei­ne re­prä­sen­ta­ti­ve Um­fra­ge, dass das Feh­len gu­ter Ma­nie­ren und die Ag­gres­si­vi­tät der Mit­men­schen den Fran­zo­sen im All­tag am meis­ten zu schaf­fen macht – noch vor Geld­sor­gen.

„Viel­leicht, weil die gu­ten Ma­nie­ren Teil un­se­rer Kul­tur sind und im­mer ei­nen be­son­de­ren Wert hat­ten“, kom­men­tier­ten da­mals die Ex­per­ten des Mei­nungs­for­schungs­in­sti­tuts Ip­sos. Die Pa­ri­ser Ver­kehrs­be­trie­be RATP, die Post und an­de­re Un­ter­neh­men schu­len ih­re Mit­ar­bei­ter des­halb be­son­ders im höf­li­chen Um­gang mit den Kun­den.

Re­spekt ist auch die Grund­la­ge der Ver­hal­tens­re­geln, die Fran­ce de Hee­re ver­mit­telt. Steif soll es da­bei al­ler­dings nicht zu­ge­hen.

„Die Leu­te sol­len sich wohl­füh­len“, sagt die Trai­ne­rin, die durch­schnitt­lich zwei Kur­se pro Wo­che gibt. Da­bei holt sie dann weit aus und er­zählt von der Eti­ket­te, die am Ho­fe von Lud­wig XIV. herrsch­te und die zum Teil im­mer noch gilt. Ein Hand­kuss ist zum Bei­spiel nur in ei­nem pri­va­ten Raum mög­lich und das auch nur, wenn die Frau ver­hei­ra­tet ist. Der Hand­schlag gilt un­ter Ge­schäfts­part­nern und die „Bi­se“, der tra­di­tio­nel­le fran­zö­si­sche Wan­gen­kuss, ist nur un­ter Freun­den mög­lich. Vie­le Mög­lich­kei­ten al­so, et­was falsch zu ma­chen – auch im 21. Jahr­hun­dert.

FO­TO: OH

Fran­ce de Hee­re ( rechts) gibt Kur­se in Eti­ket­te. Die sind ge­fragt – denn die Fran­zo­sen hal­ten sich selbst für schlecht er­zo­gen.

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