Schau­lau­fen ei­ner un­ter­schätz­ten Bran­che

Kunst­stof­fe sind aus Au­tos und Flug­zeu­gen nicht mehr weg­zu­den­ken – Mes­se Fa­ku­ma in Fried­richs­ha­fen

Schwaebische Zeitung (Messkirch) - - WIRTSCHAFT -

FRIED­RICHS­HA­FEN (str) - Die Kunst­stoff­bran­che hat ein Pro­blem. Ih­re bes­ten Pro­duk­te tra­gen un­aus­sprech­li­che Na­men. Ein­mal ab­ge­se­hen von BASF und Bay­er, sind selbst die be­deu­tends­ten deut­schen Kunst­stoff­spe­zia­lis­ten in der Öf­fent­lich­keit un­be­kannt. Mit Spritz­gieß­an­la­gen und Ther­mo­form-Tech­nik ha­ben die meis­ten Men­schen nicht viel am Hut, und Po­ly­me­re und Mo­le­kü­le we­cken dunk­le Er­in­ne­run­gen an den Che­mie­un­ter­richt.

Kein Zweig der deut­schen In­dus­trie wird wohl stär­ker un­ter­schätzt als die Kunst­stoff­bran­che. Da­bei be­schäf­tigt sie in Deutsch­land rund 400 000 Men­schen in 7000 zu­meist klei­nen und mit­tel­gro­ßen Un­ter­neh­men. Auf rund 60 Mil­li­ar­den Eu­ro Um­satz bringt es die­ser Wirt­schafts­zweig. Deutsch­land ist der be­deu­tends­te Kunst­stoff­stand­ort Eu­ro­pas, die Leit­mes­se der Bran­che ist die Fa­ku­ma in Fried­richs­ha­fen, die bis Sams­tag dau­ert.

Mit Kunst­stof­fen hat je­der im All­tag zu tun: Kä­se wird in Fo­lie ein­ge­wi­ckelt, Ski­schu­he sind aus ro­bus­tem Po­ly­ure­than und Vi­deo­fil­me kom­men auf kratz­fes­ten Blu-Ray-Schei­ben.

In den 1950er-Jah­ren be­gann der Sie­ges­zug des „Plas­tiks“. Die Grund­la­gen hat­te vor dem Krieg ein Che­mi­ker aus Frei­burg ent­wi­ckelt: Her­mann Stau­din­ger, der von den Na­zis kalt­ge­stellt wur­de und 1953 den Che­mie-No­bel­preis er­hielt. Seit­dem ver­drän­gen Kunst­stof­fe an­de­re Ma­te­ria­li­en wie Me­tall, Holz und Glas in atem­be­rau­ben­der Ge­schwin­dig­keit.

Und der Sie­ges­zug ist noch lan­ge nicht vor­bei. Im­mer mehr Kunst­stof­fe fin­den sich in Au­tos, Flug­zeu­gen und selbst in Pro­the­sen. Mit Hil­fe die­ser Ma­te­ria­li­en ver­lie­ren Fahr­zeu­ge an Ge­wicht, las­sen sich Fas­sa­den bes­ser däm­men, sind Wohn­mo­bil-Dä­cher ge­schützt vor Ver­rot­tung.

Ähn­lich wie der Ma­schi­nen­bau be­fin­det sich die Kunst­stoff­bran­che der­zeit im Um­bruch. Die viel­leicht be­deu­tends­te Ve­rän­de­rung brin­gen 3-DD­ru­cker mit sich, die es zum Bei­spiel ge­stat­ten, ver­schach­tel­te Bau­tei­le aus Pul­ver zu er­schaf­fen. „Die­se Me­tho­den wer­den wach­sen und wach­sen“, sagt Pro­fes­sor Mar­tin Bas­ti­an vom Kunst­stoff-Zen­trum SKZ.

Die vier­te in­dus­tri­el­le Re­vo­lu­ti­on da­ge­gen hält Bas­ti­an für ein über­stra­pa­zier­tes Mo­de­the­ma. Die Ent­wick­lung sei „noch nicht wirk­lich weit fort­ge­schrit­ten“. Mit „In­dus­trie 4.0“ist die ver­netz­te Fa­b­rik ge­meint, in der Ma­schi­nen, Pro­duk­te und Kun­den mit­ein­an­der kom­mu­ni­zie­ren. Nach An­sicht des Wis­sen­schaft­lers wird es noch ei­ni­ge Jah­re dau­ern, bis die­ses Sze­na­rio Wirk­lich­keit wird. Dann wer­de es auch in der Kunst­stoff­in­dus­trie so­ge­nann­te Smart Fac­to­ries ge­ben, al­so in­tel­li­gen­te Fa­b­ri­ken, in de­nen maß­ge­schnei­der­te Pro­duk­te schnell und wirt­schaft­lich her­ge­stellt wer­den. Dort wird spar­sam mit sor­ten­rei­nen Kunst­stof­fen um­ge­gan­gen. Da­mit wä­re die Bran­che den Ruf los, gro­ße Men­gen an Erd­öl zu ver­schwen­den und die Um­welt mit um­welt­schäd­li­chem Plas­tik zu be­las­ten.

Doch vom Fort­schritt wer­den nicht al­le pro­fi­tie­ren: Einst galt die Kunst­stoff­in­dus­trie als „in­dus­tri­el­le Hoch­burg der Ein­fach­ar­beit“. Mitt­ler­wei­le ge­hen Zu­kunfts­for­scher da­von aus, dass die Stel­len für un­ge­lern­te und an­ge­lern­te Ar­bei­ter Schritt für Schritt ver­schwin­den: ent­we­der weil Ma­schi­nen ih­re Auf­ga­ben über­neh­men oder weil die ein­fa­chen Jobs nach Über­see ver­la­gert wer­den.

FO­TO: PR

Die Fa­ku­ma in Fried­richs­ha­fen dau­ert noch bis Sams­tag.

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