Sig­ma­rin­gen droht die Sack­gas­se

We­gen der Erst­auf­nah­me­stel­le für Flücht­lin­ge ge­rät die Um­nut­zung frü­he­rer Ka­ser­nen ins Sto­cken

Schwaebische Zeitung (Messkirch) - - SEITE DREI - Von Michael Hescheler

SIG­MA­RIN­GEN - Ziem­lich genau vor vier Jah­ren hat das Ver­tei­di­gungs­mi­nis­te­ri­um sei­ne Plä­ne für ei­ne Re­form der Bun­des­wehr vor­ge­stellt. Vie­le Ka­ser­nen wur­den ge­schlos­sen oder ver­klei­nert; für die be­trof­fe­nen Kom­mu­nen war das ein schwe­rer Schlag. Seit­dem be­mü­hen sich die Lo­kal­po­li­ti­ker um ei­ne An­schluss­ver­wen­dung für die teils aus­ge­dehn­ten Mi­li­tär­ge­län­de. Doch jetzt droht die Flücht­lings­kri­se al­le Plä­ne über den Hau­fen zu wer­fen – zum Bei­spiel in Sig­ma­rin­gen. 215 Hekt­ar gro­ßes Ge­län­de Die Stadt hat­te ehr­gei­zi­ge Plä­ne für die Graf-St­auf­fen­berg-Ka­ser­ne. Nun könn­ten sie in der Schub­la­de ver­schwin­den, denn vor rund zwei Mo­na­ten hat das Land aus der ehe­ma­li­gen Ka­ser­ne kur­zer­hand ei­ne Erst­auf­nah­me­stel­le für Flücht­lin­ge ge­macht. Die Sol­da­ten sind mitt­ler­wei­le fast voll­stän­dig ab­ge­zo­gen. En­de des Jah­res will die Bun­des­wehr das 215 Hekt­ar gro­ße Ka­ser­nen­ge­län­de voll­stän­dig an die Bun­des­an­stalt für Im­mo­bi­li­en­auf­ga­ben (Bima) über­ge­ben. Wo vor ei­ni­gen Jah­ren noch mehr als 2000 Sol­da­ten und zi­vi­le Be­schäf­tig­te ih­ren Di­enst ta­ten, le­ben jetzt knapp 2500 Flücht­lin­ge.

Hoff­nungs­schim­mer: Das Land hat der Stadt in Aus­sicht ge­stellt, dass es die frü­he­ren Pan­zer­ga­ra­gen und an­de­re La­ger­hal­len nicht be­nö­tigt, weil sie für die Un­ter­brin­gung von Flücht­lin­gen un­ge­eig­net sind. „Ich könn­te mir vor­stel­len, dass wir die­se Ge­bäu­de für die Kon­ver­si­on frei­ge­ben“, sagt Wolf-Dietrich Ham­mann vom In­te­gra­ti­ons­mi­nis­te­ri­um. Doch der Spit­zen­be­am­te for­mu­liert nicht grund­los im Kon­junk­tiv.

Denn was mit den 159 Ge­bäu­den auf dem Ka­ser­nen­ge­län­de pas­siert, das ent­schei­det die Bun­des­an­stalt. Ei­gent­lich woll­te die Stadt das Ka­ser­nen­ge­län­de Stück für Stück von der Bon­ner Be­hör­de über­neh­men und an Mehr­fach hat Mi­nis­ter­prä­si­dent Win­fried Kret­sch­mann ( Grü­ne) ge­sagt: „ Wir neh­men, was wir krie­gen kön­nen.“Ge­meint sind Un­ter­brin­gungs­mög­lich­kei­ten für Flücht­lin­ge, al­len vor­an leer ste­hen­de Ka­ser­nen, die das Land vom Bund zur Ver­fü­gung ge­stellt be­kommt und als Erst­auf­nah­me­ein­rich­tun­gen nutzt. Ob­wohl vie­le Ge­mein­den be­reits mehr oder we­ni­ger kon­kre­te Plä­ne für ei­ne Kon­ver­si­on der Ka­ser­nen in der Schub­la­de ha­ben, müs­sen sie sich ge­dul­den. Die St­abs­stel­le für die Flücht­lings­un­ter­brin­gung im Land trifft kei­ne Aus­sa­ge da­zu, wie lan­ge In­ves­to­ren wei­ter­ver­kau­fen. Die­se Plä­ne lie­gen nun auf Eis, da der Bund ent­schie­den hat, kei­ne Ka­ser­nen mehr an die Ge­mein­den zu ver­kau­fen. Aus Bonn ver­lau­tet: Ver­kauft wird nur, wenn das Staats­mi­nis­te­ri­um be­stä­tigt, dass die Lan­des­re­gie­rung die Ge­bäu­de nicht zur Flücht­lings­un­ter­brin­gung be­nö­tigt.

Heißt im Kl­ar­text: Die Kon­ver­si­on dürf­te sich um Jah­re ver­zö­gern.

Beim Sig­ma­rin­ger Bür­ger­meis­ter Tho­mas Schä­rer (CDU) ver­ur­sacht es ein selt­sa­mes Ge­fühl in der Ma­gen­ge­gend, wenn er an die Ver­hand­lun­gen mit den Bun­des­be­am­ten die Ka­ser­nen be­nö­tigt wür­den. Zum ei­nen hän­ge das da­von ab, wie vie­le Flücht­lin­ge wei­ter ins Land kä­men. Zum an­de­ren sei die St­abs­stel­le „ grund­sätz­lich an lang­fris­ti­gen, ad­äqua­ten Un­ter­künf­ten in­ter­es­siert“. Fol­gen­de Kon­ver­si­ons­ob­jek­te wer­den der­zeit ge­nutzt:

der Kam­pus Ost des Karls­ru­her In­sti­tuts für Tech­no­lo­gie ( KIT). Die frü­he­re Macken­sen- Ka­ser­ne ge­hört zur Lan­des­erst­auf­nah­me­stel­le ( LEA) Karls­ru­he

die Rein­hard- Ka­ser­ne in Ell­wan­gen ( LEA) denkt. „War­um soll­te sich ein Be­am­ter jetzt mit uns un­ter­hal­ten?“, fragt der Bür­ger­meis­ter. Da­bei hat Sig­ma­rin­gen im Ver­gleich zu an­de­ren Stand­or­ten schon wert­vol­le Zeit ver­lo­ren, da die Bun­des­wehr nicht gleich nach der An­kün­di­gung des da­ma­li­gen Ver­tei­di­gungs­mi­nis­ters ab­ge­zo­gen ist. Au­ßer­dem hat die Stadt rück­bli­ckend zu lan­ge ge­braucht, um ei­nen Wirt­schafts­för­de­rer zu in­stal­lie­ren, der sich um die Ver­mark­tung der Ka­ser­ne küm­mert. Wä­ren die Plä­ne für die Kon­ver­si­on kon­kre­ter ge­we­sen, hät­te das Land die Ka­ser­ne nicht von heu­te auf mor­gen über­neh-

Meßs­tet-

die Zol­ler­nalb­ka­ser­ne in ten ( LEA)

das Patrick- Hen­ry- Vil­la­ge in Hei­del­berg, das das Land auch als neu­ar­ti­ges Re­gis­trie­rungs­zen­trum auf­baut ( sie­he Text oben)

in Mann­heim das Ben­ja­minFran­klin- Vil­la­ge, die Fu­na­ri- Bar­racks und die Spi­nel­li- Bar­racks

die Graf- St­auf­fen­berg- Ka­ser­ne in Sig­ma­rin­gen

die Fürs­ten­berg- Ka­ser­ne in nau­eschin­gen

die Ober­feld­we­bel- Schrei­berKa­ser­ne in Im­men­din­gen

die Carl- Schurz- Ka­ser­ne in heim ( kab)

Do-

Hard- men kön­nen. Nun gibt es zwar vie­le Ide­en, aber kaum Hand­fes­tes: Zu­sam­men mit der Hoch­schu­le Alb­stadt-Sig­ma­rin­gen soll für ei­nen zwei­stel­li­gen Mil­lio­nen­be­trag ein In­no­va­tions- und Tech­no­lo­gie­zen­trum auf­ge­baut wer­den, das die Eu­ro­päi­sche Uni­on för­dern möch­te. In we­ni­gen Mo­na­ten muss der An­trag fer­tig sein, doch bis da­hin braucht die Stadt grü­nes Licht zum Kauf von Ge­bäu­den.

An­geb­lich wol­len In­ves­to­ren aus der Schweiz ei­ni­ge Kom­pa­nie­ge­bäu­de zu Stu­den­ten­wohn­hei­men um­bau­en und eben­falls ei­ne Schwei­zer Fir­ma will in der Ka­ser­ne Be­ton­fer­tig­tei­le her­stel­len. Er­klär­tes Ziel ist, im Ver­wal­tungs­städt­chen Sig­ma­rin­gen mög­lichst vie­le neue, ge­werb­li­che Ar­beits­plät­ze zu schaf­fen.

Die Lan­des­re­gie­rung soll dem Rat­haus da­bei hel­fen. Der Amts­lei­ter des In­te­gra­ti­ons­mi­nis­te­ri­ums bot be­reits sei­ne Hil­fe an. Doch der Stadt geht das nicht weit ge­nug. Bür­ger­meis­ter Schä­rer for­dert kla­re Spiel­re­geln. „Wenn ein In­ves­tor an­beißt, müs­sen wir si­cher sein, dass er das Ge­bäu­de auch be­kommt.“Doch die­se Spiel­re­gel will das Land bis­lang nicht ak­zep­tie­ren.

FO­TO: RASEMANN

Frü­her Un­ter­kunft für Sol­da­ten, heu­te für Flücht­lin­ge: Die Un­ter­brin­gung der Asyl­be­wer­ber hat die Plä­ne Sig­ma­rin­gens für ei­ne künf­ti­ge Nut­zung der Graf- St­auf­fen­berg- Ka­ser­ne durch­ein­an­der­ge­bracht.

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