Zehn­tau­sen­de Woh­nun­gen drin­gend ge­sucht

Beim Woh­nungs­gip­fel stellt Fi­nanz­mi­nis­ter Schmid mehr För­der­mit­tel in Aus­sicht

Schwaebische Zeitung (Messkirch) - - WIR IM SÜDEN - Von Klaus Wie­sche­mey­er

STUTT­GART - Die Auf­ga­ben­stel­lung ist klar: „Wir müs­sen al­les da­für tun, dass sich die Men­schen die Mie­ten in un­se­rem Land noch leis­ten kön­nen“, hat­te Wirt­schafts­mi­nis­ter Nils Schmid (SPD) be­reits vor dem Woh­nungs­bau­gip­fel am Mitt­woch­nach­mit­tag in Stutt­gart an­ge­kün­digt.

An­ge­sichts die­ser dra­ma­ti­schen Wor­te fie­len die Er­geb­nis­se des Spit­zen­tref­fens am Abend eher über­sicht­lich aus. „Es war ei­ne Ar­beits­sit­zung“, sag­te Schmid, als er ge­gen 17.30 Uhr vor die Pres­se trat. Er be­zeich­ne­te das Tref­fen mit Ver­tre­tern von Mi­nis­te­ri­en, Par­tei­en und Woh­nungs­ex­per­ten als „ers­ten wich­ti­gen Schritt“bei ei­nem The­ma, wel­ches in den kom­men­den Jah­ren ein Schwer­punkt der Lan­des­re­gie­rung blei­ben wer­de. Flücht­lings­kri­se ver­schärft La­ge Denn mit der ak­tu­el­len Flücht­lings­kri­se ver­schärft sich ein so­wie­so schon drän­gen­des Pro­blem im Süd­wes­ten: Soll­ten wie der­zeit pro­gnos­ti­ziert al­lein 100 000 Flücht­lin­ge in die­sem Jahr nach Ba­den-Würt­tem­berg kom­men, brau­che man al­lein da­für min­des­tens 15 000 zu­sätz­li­che Wohn­ein­hei­ten, rech­net ein Lan­des­bünd­nis aus Städ­te­tag, So­zi­al­ver­bän­den, Ar­chi­tek­ten­kam­mer, Mie­ter- bund und Woh­nungs­wirt­schaft vor. Wer­den es mehr Flücht­lin­ge oder fällt der Nach­zug hö­her aus als pro­gnos­ti­ziert, kön­ne die Zahl aber auch durch­aus hö­her aus­fal­len, sag­te Schmid.

Und die­se Zahl kommt zu den 40 000 bis 45 000 Woh­nun­gen hin­zu, die Schmid so­wie­so schon als jähr­li­chen Be­darf iden­ti­fi­ziert hat. Denn der lan­ge Zeit von Ex­per­ten er­war­te­te de­mo­gra­fi­sche Knick ist bis­her aus­ge­blie­ben – dank ste­tem Zu­zug wächst die Zahl der Ba­den-Würt­tem­ber­ger seit 2009 wi­der Er­war­ten. Mi­nus bei der Bau­wirt­schaft Gleich­zei­tig sieht es der­zeit über­haupt nicht da­nach aus, als ob mas­sen­haft Wohn­raum ge­schaf­fen wird – im Ge­gen­teil: Die Bau­wirt­schaft im Süd­wes­ten ver­zeich­ne­te im ers­ten Halb­jahr 2015 so­gar ei­nen Rück­gang von 1,9 Pro­zent im Woh­nungs­bau. Be­son­ders bei So­zi­al­woh­nun­gen tut sich seit Jah­ren we­nig: Im ver­gan­ge­nen Jahr wur­den zwar 2072 ge­neh­migt, da­von wa­ren aber nur et­was mehr als 600 neu, die meis­ten wur­den le­dig­lich mo­der­ni­siert.

Land und Bund sto­cken der­zeit die För­der­mit­tel mas­siv auf: Aus Berlin dürf­ten 2016 et­wa 80 Mil­lio­nen Eu­ro Wohn­bau­för­de­rung in den Süd­wes­ten flie­ßen, das Land will wei­te­re 65 Mil­lio­nen zu­schie­ßen. „Das ist zu we­nig“, sag­te Rolf Gaß­mann vom Lan­des­mie­ter­bund. Man brau­che ein Pro­gramm wie An­fang der 1990erJah­re, als im Land 15 000 Woh­nun­gen pro Jahr ge­baut wur­den.

Schmid stellt im­mer­hin ei­ne wei­te­re Er­hö­hung der Mit­tel in Aus­sicht: Wenn die bis­he­ri­ge För­de­rung nicht aus­rei­che, müs­se man wei­ter auf­sto­cken. „Ich bin be­reit, in ei­nem wei­te­ren Nach­trags­haus­halt 2016 nach­zu­steu­ern“, sag­te der Mi­nis­ter. Auf Bun­des­ebe­ne will sich Ba­den-Würt­tem­berg zu­dem für Son­der­ab­schrei­bungs­mo­del­le beim So­zi­al­woh­nungs­bau stark ma­chen. Fle­xi­bler bei Flä­chen­fraß Ei­ne vor­läu­fi­ge Ab­sa­ge gab es am Mitt­woch­abend an For­de­run­gen von CDU und FDP, die Re­geln der um­strit­te­nen neu­en Lan­des­bau­ord­nung zu lo­ckern. Die meis­ten Re­ge­lun­gen wür­den den Bau neu­er Woh­nun­gen gar nicht brem­sen, hieß es.

Tat­säch­lich will das zu­stän­di­ge Ver­kehrs­mi­nis­te­ri­um zu­nächst nur bei den Vor­ga­ben für die ge­for­der­ten Kfz-Stell­plät­ze lo­cke­rer wer­den. Die sei­en ein gro­ßer Kos­ten­fak­tor, sag­te Schmid. Auch beim The­ma Flä­chen­ver­brauch plant die Lan­des­re­gie­rung erst ein­mal kei­nen Kurs­wech­sel, statt­des­sen sol­len die Vor­ga­ben bei der Aus­wei­sung in Flä­chen­nut­zungs­plä­nen „fle­xi­bler“ge­hand­habt wer­den, kün­dig­te Schmid an. Man sei aber be­reit, bei den Na­tur­schutz­vor­ga­ben fle­xi­bler zu wer­den. Ei­ne ge­mein­sa­me Ar­beits­grup­pe aus Fi­nanz- und Ver­kehrs­mi­nis­te­ri­um soll nun al­le Vor­schrif­ten, die Neu­bau­ten brem­sen könn­ten, noch ein­mal un­ter die Lu­pe neh­men.

An der grund­sätz­li­chen Aus­rich­tung In­nen- vor Au­ßen­ent­wick­lung soll sich eben­falls nichts än­dern: Man wer­de mit För­der­pro­gram­men vor al­lem die „In­nen­stadt­ent­wick­lung for­cie­ren“, kün­dig­te Schmid an. Was es nicht ge­ben soll, ist ein Woh­nungs­wett­lauf zwi­schen Flücht­lin­gen und so­zi­al schwa­chen Ein­hei­mi­schen. „Ent­schei­dend ist, dass es kei­ne Kon­kur­renz­si­tua­tio­nen ge­ben darf“, sag­te Schmid. CDU will Miet­preis­brem­se lö­sen Die CDU-Frak­ti­on hat­te am Di­ens­tag wei­ter­ge­hen­de For­de­run­gen ge­stellt: Die Op­po­si­ti­ons­par­tei will un­ter an­de­rem die Lan­des­bau­ord­nung kip­pen, das Wär­me­ge­setz aus­set­zen, lan­des­ei­ge­ne Grund­stü­cke ver­kau­fen und die Kap­pungs- und Miet­preis­brem­se au­ßer Kraft set­zen. Das wie­der­um will der Mie­ter­bund nicht. Er sei „ent­setzt“über die For­de­rung nach ei­nem En­de der Miet­preis­brem­se, sag­te Gaß­mann. Gera­de in Zei­ten der Woh­nungs­not ex­plo­dier­ten doch die Mie­ten.

FO­TO: ROLAND RASEMANN

Vie­ler­orts im Süd­wes­ten – wie hier in Kon­stanz – ist der Woh­nungs­markt an­ge­spannt. Die Lan­des­re­gie­rung ver­sucht ge­gen­zu­steu­ern und gibt mehr Geld für die Wohn­raum­för­de­rung.

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