Uni­on probt den Auf­stand ge­gen Mer­kel

Hef­ti­ge Kri­tik an der Flücht­lings­po­li­tik der Kanz­le­rin in Frak­ti­ons­sit­zung – Auch an der Ba­sis wächst der Un­mut

Schwaebische Zeitung (Messkirch) - - NACHRICHTEN & HINTERGRUND - Von Andre­as Her­holz

BERLIN - Es war wohl eher als rhe­to­ri­sche Fra­ge ge­meint: Ob hier je­mand et­wa ernst­haft glau­be, dass Flücht­lin­ge an der Gren­ze zu­rück­ge­wie­sen wer­den könn­ten, rief An­ge­la Mer­kel in den Saal. „Ja!“, hat­ten meh­re­re Uni­ons­ab­ge­ord­ne­te gleich ge­ru­fen und da­für Bei­fall er­hal­ten. Selbst lang­ge­dien­te Uni­ons­par­la­men­ta­ri­er kön­nen sich nicht an ei­ne der­art auf­ge­wühl­te Stim­mung in ei­ner Sit­zung der Bun­des­frak­ti­on von CDU und CSU er­in­nern. Der Flücht­lings­streit in der Uni­on wird im­mer hef­ti­ger, die Kri­tik an der Kanz­le­rin wächst.

Ob­wohl gleich meh­re­re Bun­des­mi­nis­ter ihr am Di­ens­tag­abend Rü­cken­de­ckung ga­ben, mach­ten Uni- ons­ab­ge­ord­ne­te ih­rem Är­ger über Mer­kels Kurs in der Flücht­lings­kri­se Luft und for­der­ten im Ge­gen­satz zu ihr ei­ne Be­gren­zung der Flücht­lings­strö­me nach Deutsch­land. „Wir dür­fen nicht die wei­ße Fah­ne his­sen“, warn­te CDU-Rechts­ex­per­te Cle­mens Bin­nin­ger vor ei­ner Ka­pi­tu­la­ti­on und er­hielt wie In­nen­ex­per­te Wolf­gang Bos­bach für sei­ne Kri­tik Ap­plaus. „Wir ha­ben längst ein Wahl­recht des Wohn­or­tes für Flücht­lin­ge“, sag­te der.

Die Frak­ti­ons­sit­zung ha­be sich zu ei­ner Art „Tri­bu­nal“über Mer­kels Flücht­lings­po­li­tik ent­wi­ckelt, hieß es. St­un­den­lang sei ge­strit­ten wor­den, ein gro­ßer Teil der Ab­ge­ord­ne­ten ha­be sich hin­ter die Li­nie des CSU-Chefs Horst See­ho­fer ge­stellt, der von der Bun­des­re­gie­rung ei­ne Be­gren­zung des Flücht­lings­stroms an den deut­schen Gren­zen for­dert. Um Scha­dens­be­gren­zung be­müht Am Tag nach dem Auf­stand wa­ren vie­le Ab­ge­ord­ne­te be­reits wie­der um Scha­dens­be­gren­zung be­müht. „Die Bun­des­kanz­le­rin ge­nießt – nach wie vor – in der Bun­des­tags­frak­ti­on größ­tes Ver­trau­en“, ver­si­cher­te Bos­bach im Ge­spräch mit der „Schwä­bi­schen Zei­tung“. Al­ler­dings frag­ten sich im­mer mehr Uni­ons­ab­ge­ord­ne­te, „ob wir schnel­le­re Asyl­ver­fah­ren, ei­ne an­ge­mes­se­ne Un­ter­brin­gung und Be­treu­ung der Flücht­lin­ge so­wie de­ren In­te­gra­ti­on in Ge­sell­schaft und Ar­beits­markt tat­säch­lich er­folg­reich schaf­fen“, sag­te er.

Nicht nur in der Bun­des­tags­frak­ti­on ist der Un­mut groß. Auch an der Ba­sis for­miert sich Wi­der­stand ge­gen Mer­kels Kurs: So ha­ben mehr als 100 Uni­ons­po­li­ti­ker aus den Län­dern den Brand­brief an die Kanz­le­rin un­ter­zeich­net, den ei­ne Grup­pe von CDU-Po­li­ti­kern aus der zwei­ten und drit­ten Rei­he ver­öf­fent­licht hat­te, um dar­in ein En­de der „Po­li­tik der of­fe­nen Gren­zen“zu for­dern.

Flücht­lin­ge aus si­che­ren Her­kunfts­staa­ten soll­ten an der Gren­ze ab­ge­wie­sen, ab­ge­lehn­te Asyl­be­wer­ber zeit­nah ab­ge­scho­ben wer­den, heißt es dar­in. Mer­kel stell­te da­ge­gen er­neut klar, dass sie auf ei­ne Si­che­rung der eu­ro­päi­schen Gren­zen set­ze, sich das Pro­blem an­ders nicht lö­sen las­se.

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