Beim G36 wur­de zu scharf ge­schos­sen

Ruf als Pan­nen­ge­wehr wi­der­legt – Kri­tik an zu viel Nä­he der Bun­des­wehr zu Heck­ler & Koch

Schwaebische Zeitung (Messkirch) - - NACHRICHTEN & HINTERGRUND - Von Sa­bi­ne Lenn­artz

BERLIN - Sol­da­ten be­zeich­nen das Sturm­ge­wehr G36 als „be­die­nungs­freund­lich“. Es ha­be „ein ge­rin­ges Ge­wicht“und sei „stör­un­an­fäl­lig“. Be­son­ders ge­lobt wer­de die „ho­he Ver­läss­lich­keit“. Was sich liest wie der Aus­zug ei­ner Wer­be­bro­schü­re des Obern­dor­fer Waf­fen­her­stel­lers Heck­ler & Koch ist in Wahr­heit das Er­geb­nis der Kom­mis­si­on zur Über­prü­fung des um­strit­te­nen Sturm­ge­wehrs, das als Pan­nen­ge­wehr in die Schlagzeilen kam. Die wich­tigs­te Fest­stel­lung der Prü­fer: Kein deut­scher Sol­dat wur­de im Kon­text von Prä­zi­si­ons­ab­wei­chun­gen beim G36 ge­tö­tet, kei­ner ver­wun­det.

Vor gut ei­nem Mo­nat hat Ver­tei­di­gungs­mi­nis­te­rin Ur­su­la von der Ley­en an­ge­kün­digt, das G36 end­gül­tig bis 2019 aus­zu­mus­tern. Grund: Es ha­be Prä­zi­si­ons­män­gel. „Es trifft nicht rich­tig“, „es wird beim Schie­ßen zu heiß“– seit 2010 hat­te es Hin­wei­se auf Män­gel ge­ge­ben; Ur­su­la von der Ley­en hat­te dar­auf­hin ei­ne tech­ni­sche Un­ter­su­chung un­ter La­bor­be­din­gun­gen an­ge­ord­net. Die hat­te ver­hee­ren­de Er­geb­nis­se: Nur noch sie­ben Pro­zent Treff­ge­nau­ig­keit bei sehr ho­hen Tem­pe­ra­tur­schwan­kun­gen. Des­halb fiel die Ent­schei­dung für das Aus schon vor dem Kom­mis­si­ons­er­geb­nis zur Ein­satz­un­ter­su­chung des G36-Sturm­ge­weh­res in Ge­fechts­si­tua­tio­nen, das erst jetzt vor­liegt. Zu schnell aus­ge­mus­tert? Die­se Prüf­kom­mis­si­on wur­de von dem ehe­ma­li­gen Bun­des­tags­ab­ge­ord­ne­ten und Ver­tei­di­gungs­ex­per­ten Win­fried Nacht­wei (Grü­ne) und dem frü­he­ren Wehr­be­auf­trag­ten Hell­mut Kö­nigs­haus (FDP) ge­lei­tet. Sie spra­chen mit mehr als 150 Sol­da­ten per­sön­lich und hör­ten wei­te­re schrift­lich an, vor al­lem be­frag­ten sie Sol­da­ten mit Mehr­fach-Ein­sät­zen in Af­gha­nis­tan.

Für die bei­den über­ra­schend war das ein­deu­ti­ge Er­geb­nis. Viel Lob aus Sol­da­ten­mund für das G36 und das er­leich­tern­de Fa­zit: Kein deut­scher Sol­dat wur­de ge­tö­tet, kei­ner ver­wun­det. Im Trai­ning ha­be es zwar Prä­zi­si­ons­ab­wei­chun­gen ge­ge­ben, „aber die Sol­da­ten wi­der­spre­chen der Qua­li­fi­zie­rung des G36 als Pan­nen­ge­wehr“, so Nacht­wei. Hell­mut Kö­nigs­haus spricht von „Leis­tungs­gren­zen“des Ge­wehrs, die aber kei­ne Pan­nen sind. Für künf­ti­ge Ein­sät­ze müss­ten die­se Gren­zen aber über­wun­den wer­den.

Hat Ur­su­la von der Ley­en al­so zu schnell und hart re­agiert? Die bei­den Prü­fer ant­wor­ten aus­wei­chend. Das Pro­blem, „dass das Ge­wehr auch der Phy­sik“un­ter­liegt, ha­be man als Kri- tik ge­nom­men, so Kö­nigs­haus. Doch das Haupt­pro­blem sei nicht das Ge­wehr selbst, son­dern der Um­gang mit der Be­schrei­bung. Die Test­sze­na­ri­en sei­en aus Sol­da­ten­sicht nicht re­al ge­we­sen. Der Sol­dat sei doch kein Schraub­stock, ha­be man öf­ter ge­hört. Es sei völ­lig klar, dass Sturm­ge­weh­re bei Ge­fech­ten ih­re Gren­zen ha­ben. Des­halb hät­ten Sol­da­ten nach vie­len Feu­er­stö­ßen die Waf­fen im­mer wie­der aus­ge­tauscht.

Ist dann die Aus­mus­te­rung über­haupt nö­tig? Ei­ne ho­he Dring­lich­keit kön­nen die Ex­per­ten nicht er­ken­nen, aber auch sie se­hen kei­ne Zu­kunft für das Ge­wehr in der jet­zi­gen Form.

„Das G36 ist kein Schrott­ge­wehr“, sagt Hen­ning Ot­to, der ver­tei­di­gungs­po­li­ti­sche Spre­cher der Uni- ons­frak­ti­on, „aber auch Gu­tes kann noch bes­ser wer­den“. Seil­schaft Heck­ler & Koch Stren­ger fiel der Prüf­be­richt zu der an­geb­li­chen Ver­fil­zung des Un­ter­neh­mens mit der Bun­des­wehr aus. „Kei­ne Vor­teil­nah­me, kei­ne Kor­rup­ti­on“, sagt Hans-Pe­ter Mül­ler, der Vor­sit­zen­de je­ner Kom­mis­si­on, wel- che die so­ge­nann­ten „Com­p­li­an­ceRe­geln“, al­so die Ver­flech­tun­gen zwi­schen Re­gie­rung und Un­ter­neh­men prü­fen soll­te. Doch ei­ne zu gro­ße Nä­he zwi­schen Bun­des­wehr und Un­ter­neh­men sieht auch Mül­ler.

Die für Heck­ler & Koch zu­stän­di­ge Gü­te­prüf­stel­le in Obern­dorf be­fin­det sich auf dem Ge­län­de des Un­ter­neh­mens. Der Prüf­be­richt hat die täg­li­che Nä­he zwi­schen den Bun­des­wehr-An­ge­hö­ri­gen und den An­ge­stell­ten von Heck­ler & Koch als in­ak­zep­ta­bel be­zeich­net. Von ei­ner „ver­häng­nis­vol­len Nä­he“spricht die grü­ne Ver­tei­di­gungs­ex­per­tin Agnies­z­ka Brug­ger. Das sieht wohl auch Ur­su­la von der Ley­en so. Die Mit­ar­bei­ter der Gü­te­prüf­stel­le hät­ten we­nig Un­ter­stüt­zung vom Bun­des­amt für Wehr­tech­nik er­hal­ten. Es sei schwer, in die­ser Si­tua­ti­on ob­jek­tiv durch­zu­hal­ten. Die Leh­re wur­de jetzt ge­zo­gen: Die Gü­te­prüf­stel­le soll aus dem Haus Heck­ler & Koch aus­zie­hen. Ent­schei­dung bis No­vem­ber Ist da­mit al­les in Ord­nung? Für Agnies­z­ka Brug­ger nicht. Die vie­len Feh­ler aus der G36-Af­fä­re ste­hen für sie bei­spiel­haft für die im­men­sen Pro­ble­me im Be­schaf­fungs­be­reich.

Die Fra­ge, wel­ches Ge­wehr jetzt dem G36 nach­fol­gen soll, ist noch of­fen. Bis No­vem­ber soll die Grund­satz­ent­schei­dung fal­len. Die Aus­schrei­bung ist eu­ro­pa­weit, meh­re­re Her­stel­ler sind im Ge­spräch, auch Heck­ler & Koch will sich laut Un­ter­neh­mens­an­ga­ben „ger­ne“be­tei­li­gen.

FO­TO: AFP

Und es trifft doch: Sol­da­ten ha­ben kei­ne Pro­ble­me mit dem Sturm­ge­wehr G36.

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