Von Vö­geln und Men­schen

Jo­na­than Fran­zen gilt als bes­ter Schrift­stel­ler Ame­ri­kas – Jetzt wur­de er auf der In­sel Main­au als Vo­gel­schüt­zer ge­ehrt

Schwaebische Zeitung (Messkirch) - - SEITE DREI - Von Chris­toph Pla­te

MAIN­AU - Vö­gel? Vö­gel! John, wie ihn sei­ne Na­tur­schutz-Freun­de nen­nen, kennt die­se Fra­ge schon. Ja, er mag Vö­gel. Ir­gend­wann, vor 15 Jah­ren, da hat­te er schon ein paar Ro­ma­ne ver­öf­fent­licht, aber den ganz gro­ßen Durch­bruch hat­te der Mann aus New York noch nicht, da kauf­te er sich ein Fern­glas. Freun­de hat­ten ihm er­zählt, wie toll es sei, wenn man Vö­gel be­ob­ach­te, ihr Paa­rungs­ver­hal­ten, ih­ren Zug, den Nest­bau, die Auf­zucht, die An­mut des Flu­ges. Nun kön­nen Vo­gel­be­ob­ach­ter manch­mal schrul­li­ge Gestal­ten sein, de­nen es oft ge­nug um Recht­ha­be­rei geht. Jo­na­than Fran­zen fas­zi­nier­ten die Vö­gel, nicht die Vo­gel­be­ob­ach­ter. Im Cen­tral Park wa­ren ihm beim Spa­zie­ren­ge­hen die Vö­gel auf­ge­fal­len und er hat­te ge­dacht: „Wir le­ben mit ih­nen, an­ders als die Fi­sche sind die Vö­gel im­mer da, auch in der Wüs­te, am Süd­pol, am Nord­pol, über­all.“ Ein be­rühm­ter Mann Heu­te ist Jo­na­than Fran­zen 56 Jah­re alt und er gilt als der bes­te zeit­ge­nös­si­sche Schrift­stel­ler der Ver­ei­nig­ten Staa­ten von Ame­ri­ka. Nun ist Li­te­ra­tur na­tür­lich Ge­schmacks­sa­che und At­tri­bu­te wie „der bes­te“sind nicht nur dis­kri­mi­nie­rend ge­gen­über den vie­len an­de­ren, die auch gut sind, sie wir­ken auch be­lie­big. Aber wenn der Mann dem „Ti­me“-Ma­ga­zin ei­ne Ti­tel­ge­schich­te wert war, wenn die BBC ihn in feu­da­lem Am­bi­en­te in­ter­viewt, wenn es in Ham­burg und Berlin Ger­an­gel um die bes­ten Plät­ze in sei­nen Le­sun­gen gibt, dann dürf­te er schon ein gu­ter und ein im­mens er­folg­rei­cher Schrift­stel­ler sein.

Und jetzt sitzt er da in die­ser alt­ehr­wür­di­gen Bi­b­lio­thek des Schlos­ses auf der In­sel Main­au. An der Fens­ter­front ste­hen de­cken­hoch ver­glas­te Re­ga­le vol­ler Bü­cher. Hin­ter Fran­zen er­hebt sich ein rie­si­ger Ka­chel­ofen mit blau-wei­ßen Por­zel­lan­ma­le­rei­en, durch die Flü­gel­fens­ter geht der Blick auf den Bo­den­see. Dort schwim­men Hun­der­te En­ten, die Schnä­bel ins Ge­fie­der ge­steckt, in der mat­ten Ok­to­ber­son­ne. Strah­len­des Grin­sen Der Ame­ri­ka­ner be­ant­wor­tet Fra­gen mit ver­schmitz­tem Lä­cheln. Kli­cken die Ka­me­ra­ver­schlüs­se, setzt er gar ein strah­len­des ame­ri­ka­ni­sches Grin­sen auf. Be­ant­wor­tet Fran­zen ei­ne Fra­ge, schaut er sein Ge­gen­über nicht an. Ist er fer­tig, schürzt er die Lip­pen, er fährt die Au­gen­li­der nach un­ten, oh­ne die Au­gen zu schlie­ßen. Es wirkt, als den­ke er über den nächs­ten Satz nach, ob­wohl er längst fer­tig ist. Man könn­te das für ar­ro­gant hal­ten.

Fran­zen zieht mit sei­nen Ant­wor­ten die Fra­ger an sich, so wie es sei­ne Ge­schich­ten tun. Die sind im­mer sehr, sehr lang, so wie der Wäl­zer „Kor­rek­tu­ren“, mit dem er 2001 welt­be­rühmt wur­de. Aber die Fran­zen- An­hän­ger hal­ten die­sen fas­zi­nie­ren­den Sog auch über mehr als 700 Sei­ten durch.

Am Mitt­woch in der Bi­b­lio­thek und da­nach im Wei­ßen Schloss­saal hat Jo­na­than Fran­zen rein gar nicht über Li­te­ra­tur ge­spro­chen. Und das mach­te sei­nen Auf­tritt so an­ders als al­les, was die Li­te­ra­tur­welt sonst von ihm kennt.

Kei­ne Li­te­ra­tur­grou­pies und le­se­freu­di­ge Da­men mit ent­rück­tem Blick, nicht die üb­li­chen Ei­tel­kei­ten, son­dern auf der Main­au ging es aus­schließ­lich um Vö­gel.

Fran­zen be­kam den Eu­roNa­turP­reis 2016 für sei­nen Ein­satz um die Vo­gel­welt. Frü­her ha­ben et­wa Mich­ail Gor­bat­schow oder der ehe­ma­li­ge deut­sche Um­welt­mi­nis­ter Klaus Töp­fer den Preis er­hal­ten. Die Na­tur- schutz­or­ga­ni­sa­ti­on aus Ra­dolf­zell be­müht sich in ih­ren Schutz­pro­gram­men um die Ko­exis­tenz des Men­schen, sei­ner Häu­ser, Fa­b­ri­ken und Fel­der mit der Na­tur. Und sie schützt Vö­gel. Vor al­lem an der Adria und auf dem Bal­kan, wo je­des Jahr meh­re­re Mil­lio­nen Sing­vö­gel Jä­gern zum Op­fer fal­len.

Fran­zen weiß, dass vie­le Men­schen auf der Welt an­de­re Sor­gen ha­ben als den Vo­gel­schutz. Er­zäh­len die Eu­ro­pä­er oder die Ame­ri­ka­ner den Ägyp­tern über die Nach­hal­tig­keit von Vo­gel­schutz, ist das ähn­lich wir­kungs­los, als prei­se man die De­mo­kra­tie an, wäh­rend die Men­schen doch zu­al­ler­erst ein­mal Nah­rung und Si­cher­heit wol­len. Fran­zen pro­pa­giert die Ko­exis­tenz: den Men­schen Per­spek­ti­ven zei­gen und gleich­zei­tig et­was für die Schöp­fung zu tun.

Ein Schrift­stel­ler, der sich für Vo­gel­schutz ein­setzt, das weiß Fran­zen, das wirkt in Eu­ro­pa et­was merk­wür­di­ger als in den USA. Ernst Jün­ger oder Vla­di­mir Na­bo­kov ha­ben Schmet­ter­lin­ge ge­fan­gen. An­de­re Künst­ler set­zen sich für den Süd­su­dan ein oder für die Au­f­ar­bei­tung der Sta­si-Ver­gan­gen­heit in Bul­ga­ri­en. Aber Vö­gel?

Die wür­den ge­jagt, weil sie Po­tenz ver­sprä­chen, sagt Fran­zen, weil man Geld für ihr Fleisch oder Ge­fie­der be­kä­me, oder weil es in Ägyp­ten, Ita­li­en und Al­ba­ni­en eben Tra­di­ti­on sei.

War­um ihn gera­de Vö­gel be­rühr­ten, will je­mand in der Schloss­bi­blio­thek von Fran­zen wis­sen. „Sie sind flie­gen­de Warm­blü­ter, sie ha­ben Fe­dern, sie sin­gen, wir kön­nen vom Di­no­sau­ri­er die Ent­wick­lung bis zum Rot­kehl­chen nach­ver­fol­gen“, sagt der Ame­ri­ka­ner und schließt wie­der die Au­gen­li­der. Es­says über Vö­gel Heu­te weiß Fran­zen mor­gens manch­mal nicht, ob er lie­ber Vö­gel be­ob­ach­ten ge­hen oder am neu­en Ro­man schrei­ben soll. Die Vö­gel sei­en ein Teil sei­nes Le­bens ge­wor­den, 3300 Ar­ten hat er schon be­ob­acht. Es ist der Vor­teil ei­nes be­rühm­ten Man­nes, dass er gar nie­man­den über­zeu­gen muss, son­dern ein­fach nur er­zäh­len will. „Als ich mich für Vö­gel zu in­ter­es­sie­ren be­gann, wur­de ich gera­de als Schrift­stel­ler be­rühmt.“Und so be­gann das Vor­stands­mit­glied von ABC, der Ame­ri­can Bird Con­ser­va­tio­nist, auf das Schick­sal je­ner Sing- und Zug­vö­gel auf­merk­sam zu ma­chen, die auf dem Weg von Eu­ro­pa in den Na­hen Os­ten oder nach Afri­ka in Net­ze ge­ra­ten, ge­fan­gen oder ge­schos­sen, an man­chen Or­ten auch ver­gif­tet wer­den.

Vor sie­ben, acht Jah­ren ent­stan­den ers­te Es­says für die an­ge­se­he­ne Zeit­schrift „New Yor­ker“. Für den „Na­tio­nal Geo­gra­phic“reis­te Fran­zen nach Al­ba­ni­en und Ägyp­ten, er be­such­te Jä­ger, die aus pu­rer Lust Vö­gel aus dem Him­mel schos­sen, be­ob­ach­te­te Be­dui­nen, die Pi­ro­le fin­gen und ih­nen die Keh­le durch­schnit­ten.

Kühl und sach­lich be­schreibt Fran­zen das, was er in Ägyp­ten sah, als Rot­rü­cken­wür­ger, Hals­band­schnäp­per, Grau­schnäp­per, Pi­ro­le, Zilp­zalps, Mönchs­gras­mü­cken oder Wald­laub­sän­ger ge­fan­gen wur­den. Aber an­ders als an­de­re, die em­pört über den lust­vol­len Fre­vel schrei­ben, er­zählt Fran­zen nur. Von der Lan­ge­wei­le der jun­gen, rei­chen Ägyp­ter, die auf die Jagd ge­hen, oder vom Über­le­bens­kampf ei­nes Bau­ern, der, oh­ne Vö­gel zu fan­gen, kaum über­le­ben könn­te. Er klagt nicht an und am En­de des Ta­ges isst er gar mit den Jä­gern ge­bra­te­ne Tau­ben.

Vö­gel sei­en den Men­schen sehr na­he, sagt er oh­ne Sen­ti­men­ta­li­tät. Vö­gel sei­en da, nur oft be­merk­ten wir sie nicht. „Schau­en Sie, wie sie sich put­zen und pfle­gen, wie sie ihr Nest bau­en, wie sie sehr ger­ne Sex ha­ben.“

In der EU ge­he es den meis­ten Vö­geln gut, we­gen der „Vo­gel­schutz­richt­li­ni­en“, sagt er und rollt das „r“auf Deutsch. In den 1980er-Jah­ren hat der jun­ge Ame­ri­ka­ner, der Schrift­stel­ler wer­den woll­te, in München und in West­ber­lin stu­diert. Er hat ge­fro­ren, ver­geb­lich ei­ne deut­sche Freun­din ge­sucht und ge­lit­ten. Heu­te sagt er, dass die­se zwei Jah­re in Deutsch­land ihn erst rich­tig zum Schrift­stel­ler ge­macht hät­ten. Und in Berlin ist er mitt­ler­wei­le Mit­glied der Aka­de­mie der Küns­te. Für die Vö­gel scheint es sich vor­über­ge­hend aus­ge­zahlt zu ha­ben, dass so ein be­rühm­ter Mann die Stim­me für sie er­hebt. Nach Al­ba­ni­en fuhr Fran­zen mit Eu­roNa­tur, schrieb dar­über, der Text wur­de auch ins Al­ba­ni­sche über­setzt, es ent­stand ei­ne De­bat­te im Land, die Re­gie­rung er­ließ ir­gend­wann ein zwei­jäh­ri­ges Jagd­ver­bot. Dass Fran­zens Text nun die al­ba­ni­schen Mi­nis­ter im Sturm er­obert und über­zeugt hät­te, ist nicht zu ver­mu­ten. Aber er schuf ei­ne Öf­fent­lich­keit, auch bei je­nen im Wes­ten, von de­nen die Re­gie­rung in Ti­ra­na fi­nan­zi­ell ab­hän­gig ist.

Bei der Eh­rung im Wei­ßen Schloss­saal auf der Main­au, mit viel Blatt­gold an den De­cken und Mu­sik von Jo­hann Se­bas­ti­an Bach auf dem Sa­xo­fon, ist dann eben nicht nur ein Kult-Au­tor zu se­hen, der viel­leicht ir­gend­wann ein­mal den Li­te­ra­tur­no­bel­preis be­kommt, der so­wie­so seit Lan­gem mal wie­der nach Ame­ri­ka ge­hört. Son­dern da ist ein wit­zi­ger Mitt­fünf­zi­ger in Je­ans und of­fe­nem Hemd, der durch di­cke Bril­len­glä­ser freund­lich blickt und vor Schüch­tern­heit manch­mal nicht recht weiß, wo er sei­ne Hän­de las­sen soll.

Neu­lich, nicht lan­ge be­vor er auf Le­se­rei­se nach Deutsch­land ging und auf die In­sel Main­au kam, saß Jo­na­than Fran­zen mal wie­der im Cen­tral Park, der grü­nen Oa­se im New Yor­ker Meer aus Lärm, Cool­ness und Be­ton. „Ich hat­te das Ge­fühl, die Vö­gel sei­en we­ni­ger ge­wor­den als frü­her“, sagt er und be­rich­tet dann von den vie­len sel­te­nen Vo­gel­ar­ten, die es ei­ne Au­to­stun­de ent­fernt in den Wäl­dern um New York Ci­ty ge­be. Der größ­te Feind des Vo­gels in Ame­ri­ka sei nicht der Jä­ger, so wie in Al­ba­ni­en, Kroa­ti­en oder Ägyp­ten. Die häu­figs­te To­des­ur­sa­che für ame­ri­ka­ni­sche Sing­vö­gel sind: 1) Kat­zen, 2) ho­he Ge­bäu­de 3) Pes­ti­zi­de.

„Schau­en Sie, wie sie

sich put­zen und pfle­gen, wie sie ihr Nest bau­en, wie sie sehr ger­ne Sex ha­ben.“

Jo­na­than Fran­zen

FO­TO: KERS­TIN SAU­ER

Jo­na­than Fran­zen mit dem Preis, der Eu­roNa­tur-Ge­dan­ken­müh­le des Künst­lers Da­le Schä­fer.

FO­TO: COLOURBOX

Ein Pi­rol ( Orio­lus chi­nen­sis).

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