Ein klei­ner Schritt, von ei­nem Mil­lio­nen­pu­bli­kum ge­fei­ert

Am 21. Ju­li 1969 stand erst­mals ein Mensch auf dem Mond – Raum­fahrt hat Blick auf die Welt ver­än­dert

Schwaebische Zeitung (Messkirch) - - SEITE DREI - Von Clau­dia Kling

RA­VENS­BURG - Zwei­fels­oh­ne war das ei­ne be­son­de­re Nacht. Mit ei­nem Er­eig­nis, be­deu­ten­der als je­des Fuß­ball-WM-Fi­nal­spiel, auf je­den Fall ein­zig­ar­ti­ger als al­les bis­lang Er­leb­te. Am 21. Ju­li 1969 be­trat um 3.56 Uhr und 20 Se­kun­den erst­mals ein Mann den Mond. Genau ge­nom­men wa­ren es zwei Män­ner, al­ler­dings stieg der zwei­te, der As­tro­naut Buzz Al­drin, et­was spä­ter aus der Mond­fäh­re „Ad­ler“. Neil Arm­strong hat­te der­weil schon Ge­le­gen­heit, sich um­zu­schau­en im „Meer der Stil­le“, und was sag­te er, als er auf der Mond­ober­flä­che stand? „Ich schaue auf die Er­de. Sie ist groß, strah­lend und schön.“Wäh­rend er sei­ne ers­ten Schrit­te tat, „stand sein Hei­mat­pla­net Er­de hoch über sei­nem Kopf am luna­ren Mor­gen­him­mel“, schrieb die „Schwä­bi­sche Zei­tung“am 22. Ju­li 1969 auf der „Drit­ten Sei­te“.

Die Mond­lan­dung – für die­je­ni­gen, die das Er­eig­nis nicht be­wusst mit­er­lebt ha­ben, ist es kaum nach­voll­zieh­bar, wie groß die Auf­re­gung da­mals war. Ge­hört es doch in­zwi­schen zum Selbst­ver­ständ­nis, dass Men­schen mo­na­te­lang im Wel­tall zu­brin­gen kön­nen, auf der In­ter­na­tio­na­len Raum­sta­ti­on ISS for­schen und die Erd­be­woh­ner na­he­zu oh­ne Zeit­ver­zö­ge­rung da­bei sind. Alex­an­der Gerst, der Raum­fah­rer aus dem Ho­hen­lo­hi­schen, ließ al­lein über den Kurz­nach­rich­ten­dienst Twit­ter rund 214 000 Men­schen an sei­nen kos­mi­schen Aben­teu­ern teil­ha­ben. Und der welt­raum­taug­li­che Klein­wa­gen na­mens „Cu­rio­si­ty“lie­fert Bil­der vom Mars, die uns bei­spiels­wei­se dar­über in­for­mie­ren, dass es dort vor Mil­li­ar­den Jah­ren Se­en und Fluss­läu­fe ge­ge­ben ha­ben soll. Pu­b­lic Viewing gab es schon Im Som­mer 1969 starr­ten die Men­schen noch nicht auf ein Smart­pho­ne oder ei­nen Ta­blet-Com­pu­ter, wenn sie Zeu­ge ex­tra­or­di­nä­rer Er­eig­nis­se wer­den woll­ten, aber ge­starrt ha­ben sie den­noch: auf ei­nen Fern­se­her, der da­mals noch Mö­bel­cha­rak­ter hat­te. 600 Mil­lio­nen Men­schen, ein Fünf­tel der Erd­be­völ­ke­rung da­mals, wa­ren live da­bei, als die Tür der Mond­fäh­re sich öff­ne­te und Neil Arm­strong sei­nen „klei­nen Schritt“mach­te, der für die Mensch­heit ein „ge­wal­ti­ger Sprung“sein soll­te. Auch das so­ge­nann­te Pu­b­lic Viewing gab es schon, nur hieß es noch nicht so. Aus Pa­ris be­rich­te­te die „Schwä­bi­sche Zei­tung“, dass auf der Champs-Ély­sées die Bil­der von der Mond­lan­dung auf Groß­lein­wand über­tra­gen wur­den und die Fran­zo­sen be­geis­tert ap­plau­diert ha­ben. In Nea­pel sei das Welt­rau­ma­ben­teu­er so­gar mit Sekt und Tanz ge­fei­ert wor­den – heu­te kaum mehr vor­stell­bar, dass ein ame­ri­ka­ni­sches Pres­ti­ge­pro­jekt in Eu­ro­pa mit so viel Sym­pa­thie und Freu­de be­glei­tet wird.

Kaum vor­stell­bar ist al­ler­dings auch, mit wie viel Ener­gie, fi­nan­zi­el­lem Ein­satz und Fort­schritts­glau­ben die Ame­ri­ka­ner die Apol­lo-Mis­sio­nen zum Zwe­cke der Mon­der­kun­dung vor­an­ge­trie­ben ha­ben. Knapp 25 Mil­li­ar­den Dol­lar in­ves­tier­ten die USA in das Pro­gramm. Fast 400 000 Men­schen wa­ren di­rekt dar­in ein­ge­bun­den, in Uni­ver­si­tä­ten, For­schungs­ein­rich­tun­gen und na­tür­lich in Tau­sen­den In­dus­trie­un­ter­neh­men.

Das Ziel hat­te der jun­ge Prä­si­dent John F. Ken­ne­dy 1963 in ei­ner Re­de vor dem US-Kon­gress aus­ge­ge­ben: „Ich den­ke, die­se Na­ti­on soll­te sich das Ziel set­zen, bis En­de des Jahr­zehnts ei­nen Men­schen si­cher zum Mond zu brin­gen und zu­rück.“Das war die Initi­al­zün­dung für Apol­lo.

Dass die Ame­ri­ka­ner die­se gi­gan­ti­sche An­stren­gung nur zum all­ge­mei­nen Woh­le der Mensch­heit auf sich ge­nom­men hät­ten, glaub­ten die Eu­ro­pä­er, zu­min­dest die Ober­schwa­ben, trotz al­ler Eu­pho­rie über die ge­glück­te Mond­lan­dung nicht. „Im trü­ben Auf­takt der Ni­xon-Prä­si­dent­schaft er­scheint der Mon­dT­ri­umph als ein­zi­ger Licht­blick; der Prä­si­dent wä­re gut be­ra­ten, die­se Chan­ce zu nut­zen, auch wenn sie ihm und der Na­ti­on über ein Fort­set­zungs­pro­gramm nicht gera­de bil­lig kä­me“, schrieb Dio­nys Hart­mann, bis in die 90erJah­re Re­dak­teur der „Schwä­bi­schen Zei­tung“, in ei­nem Kom­men­tar am 22. Ju­li 1969. Der „Tri­umph“der Ame­ri­ka­ner be­stand na­tür­lich dar­in, schnel­ler als die So­wjet­uni­on ei­nen Fuß auf den Mond­bo­den ge­setzt zu ha­ben. So konn­te die Schmach, die un­ter dem Be­griff „Sput­nik­schock“in die Ge­schichts­bü­cher ein­ging, doch noch ge­sühnt wer­den. Zwölf Jah­re zu­vor hat­te die So­wjet­uni­on den ers­ten künst­li­chen Erd­sa­tel­li­ten ins All ge­schos­sen, und da­mit de­mons­triert, dass sie auch das US-Ter- ri­to­ri­um mit In­ter­kon­ti­nen­tal­ra­ke­ten er­rei­chen könn­te. Ei­ne bit­te­re Er­kennt­nis für ei­ne Na­ti­on, die sich lan­ge Zeit auf ei­ge­nem Bo­den un­ver­letz­bar fühl­te.

Apro­pos Ver­letz­lich­keit: 1968, ein Jahr vor der Mond­lan­dung, ging ein von Apol­lo 8 auf­ge­nom­me­nes Bild durch die Welt­pres­se, das die Er­de als blaue Ku­gel mit wei­ßen Wol­ken­bän­dern mut­ter­see­len­al­lein vor dem schwar­zen Kos­mos zeigt. Die­ses Bild wur­de zum Sym­bol. Es hat da­zu bei­ge­tra­gen, dass im­mer mehr Men­schen ge­gen die un­ge­zü­gel­te Aus­beu­tung der Res­sour­cen auf dem Raum­schiff Er­de kämpf­ten. So ge­se­hen ist die Um­welt­be­we­gung mit­un­ter ei­ne Fol­ge der Raum­fahrt, auch wenn dies we­der im Sin­ne der Er­fin­der noch im In­ter­es­se der Mäch­ti­gen in den USA war. So ha­ben die Welt­rau­ma­ben­teu­er der ver­gan­ge­nen Jahr­zehn­te dann doch mehr ge­bracht als Tef­lon­pfan­ne, Öl­bren­ner, Brems­schei­ben und na­tür­lich all die an­de­ren sa­tel­li­ten­ge­stütz­ten Seg­nun­gen der Mensch­heit.

FO­TO: NA­SA/ LANGLEY RE­SE­ARCH CEN­TER

Iko­ne der Fo­to­gra­fie: Neil Arm­strong spie­gelt sich am 21.07.1969 im Helm­vi­sier Buzz Al­d­rins.

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