Dä­ne­mark ge­gen die Dis­ney-Welt

Trotz Pro­tes­ten se­zie­ren Zoos wei­ter öf­fent­lich Tie­re

Schwaebische Zeitung (Messkirch) - - JOURNAL - Von Ju­lia Wäschenbach

ODENSE (dpa) - 2014 löst der Ko­pen­ha­ge­ner Zoo welt­weit Ent­rüs­tungs­stür­me aus: Er tö­tet ei­ne ge­sun­de Gi­raf­fe und zer­legt sie vor Kin­der­au­gen. Nun gibt es ei­nen neu­en Auf­schrei: Am Don­ners­tag lag ein Lö­we öf­fent­lich auf dem Se­zier­tisch.

Rund 400 neu­gie­ri­ge Kin­der und Er­wach­se­ne schau­en da­bei am Don­ners­tag im Zoo von Odense zu. Man­che hal­ten sich die Na­se zu, der Ka­da­ver stinkt. Bio­lo­ge Ras­mus Ko­lind hält die Le­ber des Raub­tiers in die Luft. „Was glaubt ihr, was das ist?“

Der neun Mo­na­te al­te Lö­we wur­de be­täubt und ge­tö­tet, weil nicht ge­nug Platz im Kä­fig war und In­zucht droh­te. In­dem Ko­lind und ei­ne Kol­le­gin ihn vor Kin­der­au­gen aus­neh­men, wol­len sie den Jun­gen und Mäd­chen zei­gen, wie die Tie­re aus­se­hen – in Wirk­lich­keit, nicht im Film. „Wir wol­len ger­ne er­zäh­len, wie fan­tas­tisch Lö­wen sind und wie­viel ihr Kör­per­bau mit un­se­rem ge­mein­sam hat“, sagt Ko­lind.

Für die­se Art Lehr­stun­de ha­ben vie­le Men­schen welt­weit kein Ver­ständ­nis: Ei­ne Pe­ti­ti­on im In­ter­net hat­te am Don­ners­tag mehr als 130 000 Un­ter­stüt­zer. In so­zia­len Me­di­en be­schimp­fen wü­ten­de Nut­zer den Zoo seit Ta­gen als „Tier­mör­der“und die Dä­nen als „Bar­ba­ren“.

Vie­le Be­su­cher in Odense sind an­de­rer Mei­nung. „Ich fin­de, das ist ei­ne na­tür­li­che Art, den Kin­dern so et­was na­he­zu­brin­gen“, sagt Ole Varn, der mit sei­ner En­ke­lin An­ne zu­sieht. Der Groß­va­ter ver­steht die Auf­re­gung um den Lö­wen nicht: „Wenn man be­denkt, wie vie­le Schwei­ne im Jahr ge­schlach­tet wer­den …“

Er­schro­cke­ne oder ängst­li­che Kin­der­ge­sich­ter sieht man in Odense nicht – nicht ein­mal, als Ko­lind dem Lö­wen das Fell vom Kopf zieht. Eher neu­gie­ri­ge. An­ne, die in der ers­ten Rei­he steht, fin­det die Se­zie­rung „span­nend, aber es stinkt!“. Als der Lö­we längst in vie­le Ein­zel­tei­le zer­legt ist, ste­hen im­mer noch vie­le Kin­der um das Raub­tier her­um und fra­gen den Bio­lo­gen Lö­cher in den Bauch. „Das war rich­tig span­nend, dass man so viel über die Tie­re ler­nen konn­te“, sagt Vik­tor Vas­quez Plog, ein sechs­jäh­ri­ger Jun­ge mit brau­nen Lo­cken un­ter der grau­en Schirm­müt­ze.

Der Tod ist Teil des Le­bens, fin­den vie­le Dä­nen. Und Kin­der soll­ten ru­hig wis­sen, wie ein Tier von in­nen aus­sieht. „Wir ma­chen das seit 20 Jah­ren je­des Jahr in den Schul­fe­ri­en“, sagt Zoo­lo­gin Ni­na Chris­ten­sen. „Aber dies­mal lau­fen die Me­di­en völ­lig Amok.“Selbst, als sie ein­mal Be­such von ei­ner dä­ni­schen Prin­zes­sin hat­ten, sei­en nicht so vie­le Leu­te da ge­we­sen.

Grund da­für ist ein an­de­res to­tes Tier: das Gi­raf­fen­jun­ge Ma­ri­us, das der Ko­pen­ha­ge­ner Zoo im Fe­bru­ar 2014 tö­te­te und eben­falls vor Kin­der­au­gen aus­ein­an­der­nahm. An­schlie­ßend war Ma­ri­us an die Lö­wen ver­füt­tert wor­den. Zoo­di­rek­tor Bengt Holst hat­te das Vor­ge­hen ei­sern ver­tei­digt. Trotz Mord­dro­hun­gen ge­gen ihn wehr­te er sich ge­gen die „Dis­ney­fi­zie­rung“von Zoo­tie­ren.

Wenn Tier­parks in Eu­ro­pa für über­zäh­li­ge Jung­tie­re kei­nen an­de­ren Zoo fin­den, müs­sen die Tie­re ster­ben. Das ist auch in Deutsch­land gän­gi­ge Pra­xis. In Odense pas­siert so et­was „we­ni­ger als zehn­mal im Jahr“, schätzt Chris­ten­sen. Als im Ja­nu­ar ein Ta­pir und ein Lö­we ge­tö­tet und öf­fent­lich se­ziert wur­den, blieb der Auf­schrei aus. An­schei­nend hat­ten die Me­di­en da­von nichts mit­be­kom­men.

„Span­nend, aber es

stinkt!“

Zoo­be­su­che­rin An­ne

FO­TO: DPA

400 Kin­der und Er­wach­se­ne schau­ten am Don­ners­tag zu, wie Bio­lo­gen den Ka­da­ver des to­ten Zoo­lö­wen in Odense se­zier­ten.

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