Land­rä­te är­gern sich über „Tipps zum Wi­der­stand“

Hand­buch des Staats­mi­nis­te­ri­ums er­klärt Flücht­lings­hel­fern, wie man sich ei­ner Ab­schie­bung wi­der­set­zen kann

Schwaebische Zeitung (Messkirch) - - WIR IM SÜDEN - Von Ka­ra Ball­arin Der Leit­fa­den zum Nach­le­sen: schwa­ebi­sche.de/will­kom­men

STUTTGART - Un­ter den Land­rä­ten im Süd­wes­ten regt sich Un­mut über das Büch­lein mit dem Ti­tel „Will­kom­men!“, das vor gut ei­nem Mo­nat er­schie­nen ist. Zu den vie­len nütz­li­chen Tipps, die hier vom Staats­mi­nis­te­ri­um zu­sam­men­ge­tra­gen wur­den, ge­hört auch der, wie sich Flücht­lin­ge vor Ge­richt ge­gen ei­ne Ab­schie­bung weh­ren kön­nen. Und falls auch der Rechts­weg er­folg­los bleibt, weist das Hand­buch auf das Kir­chen­asyl hin. „Das ist schon ein star­kes Stück“, ur­teilt Joa­chim Wal­ter (CDU), Prä­si­dent des Land­kreis­tags. Pas­sa­ge „völ­lig falsch“„Das Ge­gen­teil von gut ist gut ge­meint“, heißt es in ei­nem Lied der deut­schen Band Kett­car. Ge­nau so könn­te Joa­chim Wal­ters Fa­zit zu dem lau­ten, was er ab Sei­te 76 in dem Hand­buch fin­det. Statt­des­sen drückt er sich so aus: „Es ist ja grund­sätz­lich ei­ne gu­te Sa­che, so ei­nen Leit­fa­den zu ma­chen. Aber das kann es nicht sein!“Ge­meint ist der Ab­schnitt mit der Über­schrift: „Wel­che Mög­lich­kei­ten gibt es, wenn der Asyl­an­trag ab­ge­lehnt wird?“Und Wal­ter, selbst Land­rat in Tübingen, sieht sich mit der Kri­tik nicht al­lein. Ein Groß­teil sei­ner Kol­le­gen, die al­le hän­de­rin­gend nach wei­te­ren Mög­lich­kei­ten zur Un­ter­brin­gung von Flücht­lin­gen such­ten, hiel­ten die­se Pas­sa­ge si­cher eben­so für völ­lig falsch.

Die Er­fah­rung hat auch Gu­drun Heu­te-Bl­uhm (CDU), ge­schäfts­füh- ren­der Vor­stand des ba­den-würt­tem­ber­gi­schen Städ­te­tags am Mon­tag ma­chen dür­fen: Sie ha­be ei­ni­ge Land­rä­te ge­trof­fen, und die hät­ten von ei­ner „An­lei­tung zum Wi­der­stand“ge­spro­chen. „So se­he ich das nicht“, sagt sie – der Städ­te­tag hat an dem Büch­lein ja auch mit­ge­ar­bei­tet. Als Mit­te Sep­tem­ber Staats­rä­tin Gi­se­la Er­ler (Grü­ne) das Werk nicht oh­ne Stolz vor­ge­stellt hat, sa­ßen auf dem Po­di­um auch Andre­as Lin­der vom Flücht­lings­rat, Mon­si­gno­re Bern­hard Appel von der Li­ga der frei­en Wohl­fahrts­pfle­ge – und Städ­te­tags­prä­si­den­tin Bar­ba­ra Bosch (par­tei­los).

Heu­te-Bl­uhm sieht es so: Al­le In­fos im Hand­buch sei­en zu­tref­fend und schaff­ten Trans­pa­renz und Ver­trau­en. In ei­nem Rechts­staat soll­ten In­for­ma­tio­nen nicht aus­ge­klam­mert oder vor­ent­hal­ten wer­den. Das Hand­buch sei kein po­li­ti­sches Pro­gramm, son­dern ei­ne wert­freie In­for­ma­ti­ons­quel­le. „08/15-In­for­ma­tio­nen“Andre­as Lin­der vom Flücht­lings­rat ge­hen die In­for­ma­tio­nen nicht weit ge­nug – das hat er be­reits bei der Vor­stel­lung des Bu­ches be­tont. Auch er ar­gu­men­tiert mit dem Rechts­staat. „Je­der Mensch hat das Recht, die recht­li­chen Mög­lich­kei­ten aus­zu­schöp­fen. Was hier steht ist 08/15.“In der Pra­xis sei schon tau­send­fach ge­gen ei­nen ab­ge­lehn­ten Asyl­an­trag Kla­ge ein­ge­reicht wor­den. Das Bun­des­amt für Mi­gra­ti­on und Flücht­lin­ge ge­be ja auch seit Jah­ren ein ent­spre­chen­des Schau­bild her­aus. „In ei­nem Rechts­staat gibt es Mög­lich­kei­ten, Kla­gen ein­zu­rei­chen. Dar­auf hin­zu­wei­sen ist auch un­se­re Pflicht“, sagt Lin­der.

In­for­ma­ti­on sei das ei­ne, sagt Wal­ter. „Wir in­for­mie­ren auf un­se­rer Home­page ja auch. Aber Rechts­be­ra­tung ge­gen Ab­schie­bung kommt nicht in­fra­ge.“Kein Wun­der, dass die Zahl der Ab­schie­bun­gen mit et­wa 1600 bis­her in die­sem Jahr so schlep­pend lau­fe. Da be­to­ne Mi­nis­ter­prä­si­dent Kret­sch­mann (Grü­ne), dass al­le, die nicht vor Krieg und Be­dro­hung ge­flo­hen sei­en, schnell wie­der zu­rück in ih­re Hei­mat müss­ten – und dann ge­be sein ei­ge­nes Staats­mi­nis­te­ri­um solch ei­ne An­lei­tung zum Wi­der­set­zen ge­gen Ab­schie­bung her­aus. Letz­ter Aus­weg: Kir­chen­asyl Ei­ne Stel­le macht ihn be­son­ders fuch­sig: der sie­ben Zei­len lan­ge Pas­sus zum Kir­chen­asyl. Die be­sagt in sei­nen Au­gen: Für wen ei­ne rechts­staat­lich über­prüf­te Ent­schei­dung – al­so die Ab­leh­nung des Asyl­an­trags – ge­trof­fen ist, wer dann auch noch den Rechts­weg aus­ge­schöpft hat, der kann sich ja im­mer noch ins Kir­chen­asyl ret­ten. „Das ist äu­ßerst un­gut und ge­fähr­lich“, sagt er.

FO­TOS: DPA/ HIL

In ei­ner Bro­schü­re gibt das Land Flücht­lings­hel­fern Tipps, wie man ge­gen ei­ne Ab­schie­bung vor­ge­hen kann. Land­kreis­tags­prä­si­dent Joa­chim Wal­ter (CDU) ist dar­über ver­är­gert, Gu­drun Heu­te-Bl­uhm vom Städ­te­tag (eben­falls CDU) hat mehr Ver­ständ­nis.

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