For­schen statt Fuß­ball

An­ge­hen­de Che­mi­ker und In­ge­nieu­re wer­den im Schü­ler­for­schungs­zen­trum ge­för­dert – Ent­wi­ckelt wur­de die Nach­wuchs­un­ter­stüt­zung in Ober­schwa­ben

Schwaebische Zeitung (Messkirch) - - SEITE DREI - Von Anet­te Le Ri­che

BAD SAUL­GAU (lsw) - Phy­sik und Che­mie fin­det Li­nus Wio­ra so fas­zi­nie­rend wie an­de­re Leu­te in sei­nem Al­ter Pop­mu­sik und Fuß­ball. Seit der zwei­ten Klas­se ver­bringt der 18-Jäh­ri­ge sei­ne Frei­zeit im Schü­ler­for­schungs­zen­trum (SFZ) im ober­schwä­bi­schen Bad Saul­gau – zu­nächst mit Phy­sik­ex­pe­ri­men­ten, dann im Ro­bo­tics-Kurs mit dem Bau klei­ner Ro­bo­ter. „Im Schü­ler­for­schungs­zen­trum be­geis­tern mich die Mög­lich­kei­ten“, sagt Wio­ra. „Hier hat man Ge­rä­te wie das Mas­sen­spek­tro­me­ter, die man als Stu­dent nicht mal an der Uni be­nut­zen darf.“Zu­dem tref­fe er hier auf Gleich­ge­sinn­te – bei Wett­be­wer­ben so­gar auf na­tio­na­ler und in­ter­na­tio­na­ler Ebe­ne.

Für Ge­samt­lei­ter To­bi­as Beck sind die kos­ten­frei­en An­ge­bo­te an­ge­sichts des Fach­kräf­te­man­gels in Deutsch­land drin­gend not­wen­dig: „Bei Sport und Mu­sik ha­ben wir ei­ne per­fekt aus­ge­präg­te au­ßer­schu­li­sche För­de­rung“, sagt der Na­tur­wis­sen­schaft­ler. „Was wir nicht ha­ben, sind Ver­ei­ne für die MINT-Fä­cher (Ma­the­ma­tik, In­for­ma­tik, Na­tur­wis­sen­schaft und Tech­nik, die Re­dak­ti­on). Wer Fuß­bal­ler wer­den will, muss ki­cken dür­fen. Wer ei­ne Kar­rie­re in Ma­the­ma­tik, In­for­ma­tik, Na­tur­wis­sen­schaf­ten oder Tech­nik an­strebt, muss sich auch hier in der Frei­zeit aus­to­ben dür­fen.“

Bun­des­weit kön­nen Jung­for­scher sich in den La­bo­ren und Werk­stät­ten der SFZ aus­to­ben. Al­lein im Süd­wes­ten gibt es sol­che Ein­rich­tun­gen auch in Friedrichshafen, Über­lin­gen (bei­des Bo­den­see­kreis), Och­sen­hau- sen (Kreis Bi­be­rach), Tutt­lin­gen, Ulm und Wan­gen (Kreis Ra­vens­burg) so­wie neu­er­dings auch in Enin­gen (Kreis Reut­lin­gen).

Die Idee da­zu hat­te der Saul­gau­er Leh­rer Ru­dolf Lehn, der En­de der 1970er-Jah­re die ers­ten Phy­sik-Schü­ler­grup­pen grün­de­te. 2003 ent­stand dar­aus das Saul­gau­er Stamm­haus. Heu­te fin­den dort rund 150 Tüft­ler auf mehr als 500 Qua­drat­me­tern Che­mie- oder Phy­sik­la­bo­re, wie sie sonst nur For­schungs­ein­rich­tun­gen bie­ten. Da­ne­ben kön­nen sie Na­no­che­mie-Kur­se oder Work­shops zur Steue­rung von Werk­zeug­ma­schi­nen be­le­gen. Mit ma­the­ma­ti­schen Kno­be­lei­en und Pro­jek­ten wie dem Tu­ning von Gum­mi­bär­chen wer­den schon Grund­schü­ler zu klei­nen Wis- sen­schaft­lern. Auch Un­ter­richts­ma­te­ria­li­en und Ide­en­samm­lun­gen für Tüft­ler-Klubs und Er­fin­der-AGs gibt das SFZ her­aus. „Wir be­die­nen den Spit­zen­sport, aber gleich­zei­tig auch den Brei­ten­sport“, be­tont Beck. Prio­ri­tät Na­tur­wis­sen­schaft Auch Ja­na Braun­ger ver­bringt ih­re Frei­zeit am liebs­ten im SFZ: „Die Na­tur­wis­sen­schaft steht bei ihr weit über al­len an­de­ren In­ter­es­sen“, sagt ih­re Mut­ter Bri­git­te. Mit ei­ner Freun­din ent­wi­ckelt die 16-Jäh­ri­ge der­zeit ei­ne Me­tho­de zum Nach­weis von krebs­er­re­gen­dem Gly­pho­sat in gen­tech­nisch ver­än­der­tem So­ja. Das SFZ ver­fü­ge über ei­nen Fluo­res­zen­zDe­tek­tor, der be­stimm­te Sub­stan­zen zum Leuch­ten bringt und so die Ana­ly­se er­mög­li­che. „Es macht Spaß, wenn Me­tho­den nach lan­gem Rum­pro­bie­ren und Ver­fei­nern ir­gend­wann funk­tio­nie­ren“, schwärmt die Bi­be­r­a­cher Schü­le­rin.

Lan­des­weit be­treu­en et­wa 150 Leh­rer, Stu­den­ten und Eh­ren­amt­li­che nun knapp 500 Schü­ler. Bun­des­weit ent­stan­den so­gar schon mehr als 30 Zen­tren nach ober­schwä­bi­schem Vor­bild: „Ich füh­re hier re­gel­mä­ßig Grup­pen durch, zu­letzt aus Ober­fran­ken und Hamburg“, er­zählt Beck.

Den Fi­nanz­be­darf der acht Zen­tren im Süd­wes­ten von jähr­lich et­wa 300 000 Eu­ro plus Miet­kos­ten de­cken Fir­men, Wirt­schafts­ver­bän­de und Kom­mu­nen. Auch das Land zählt zu den Un­ter­stüt­zern und ver­leiht Lehr­kräf­te im Um­fang von knapp 170 Wo­chen­stun­den. „Aus un­se­rer Sicht sind die Schü­ler­for­schungs­zen­tren ein ab­so­lu­tes Er­folgs­mo­dell, wenn es dar­um geht, Schü­ler für MINT zu be­geis­tern“, sagt Chris­ti­ne Satt­ler vom Kul­tus­mi­nis­te­ri­um. „Sie sind des­we­gen so er­folg­reich, weil sie es schaf­fen, Schü­ler über den Un­ter­richt hin­aus zu be­geis­tern.“

Mehr als 20 sol­cher For­schungs­ein­rich­tun­gen för­de­re das Mi­nis­te­ri­um ins­ge­samt, dar­un­ter auch das Pha­e­no­vum in Lör­rach.

Die Schü­ler räu­men re­gel­mä­ßig Prei­se auf re­gio­na­ler, na­tio­na­ler und in­ter­na­tio­na­ler Ebe­ne ab. Zu­letzt ge­lang ei­nem SFZ-Trio aus Über­lin­gen mit ei­nem Mi­ni­k­raft­werk zur Um­wand­lung über­schüs­si­ger Wind- und Son­nen­kraft in spei­cher­ba­res Methan der ganz gro­ße Wurf: Die drei Schü­ler vom Bo­den­see wur­den da­mit Bun­des­sie­ger bei „Ju­gend forscht“. Ein pen­sio­nier­ter An­walt im SFZ hilft ih­nen nun bei der Pa­ten­tie­rung.

FOTO: DPA

Der For­scher Ru­dolf Bin­der ( links) im Schü­ler­for­schungs­zen­trum in Bad Saul­gau mit ei­nem Abitu­ri­en­ten. In dem Zen­trum fin­det der Nach­wuchs op­ti­ma­le Be­din­gun­gen vor für sei­ne Ex­pe­ri­men­te.

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