Hoff­nung trotz Wahl zwi­schen zwei Übeln in Gua­te­ma­la

Schwaebische Zeitung (Messkirch) - - MEINUNG & DIALOG - Von Mo­ritz Schild­gen

K omi­ker oder Frau als Staats­ober­haupt? Vor die­ser Ent­schei­dung steht Gua­te­ma­la bei der Stich­wahl am 25. Ok­to­ber. In der ers­ten Run­de der Prä­si­dent­schafts­wahl An­fang Sep­tem­ber hat der Fern­seh­un­ter­hal­ter Jim­my Mora­les die ehe­ma­li­ge Prä­si­den­ten­gat­tin San­dra Tor­res und den Un­ter­neh­mer Ma­nu­el Bal­di­zon über­ra­schend auf die Plät­ze zwei und drei ver­wie­sen. Die Wahl zwi­schen Mora­les und Tor­res ist für vie­le Gua­te­mal­te­ken aber ei­ne Wahl zwi­schen zwei Übeln.

Der Au­ßen­sei­ter Mora­les hat ei­ne rechts­kon­ser­va­ti­ve Par­tei hin­ter sich, die „Front der na­tio­na­len An­nä­he­rung“(FCN), zu der Hard­li­ner des frü­he­ren Mi­li­tär­re­gimes zäh­len, de- nen Massaker an der in­di­ge­nen Be­völ­ke­rung in den 1980er-Jah­ren vor­ge­wor­fen wer­den. Weil Mora­les in sei­nen TV-Auf­trit­ten als Ko­mi­ker die Ma­ya, rund 60 Pro­zent der Be­völ­ke­rung, aufs Korn nimmt, wer­fen ihm man­che vor, Ras­sist zu sein. Aber bei jün­ge­ren In­di­ge­nen, die mehr Ab­stand zu der Zeit der Mi­li­tär­dik­ta­tur ha­ben, kommt der smar­te Rhe­to­ri­ker gut an. Mora­les’ Er­folg im ers­ten Wahl­gang liegt am Ver­druss an der eta­blier­ten Po­li­ti­kel­i­te, zu der auch San­dra Tor­res ge­hört.

Mit der so­zi­al­de­mo­kra­ti­schen „Na­tio­na­len Ein­heit der Hoff­nung“(UNE) steht ei­ne Par­tei zur Wahl, die be­reits re­giert hat – mit Prä­si­dent Ál­va­ro Co­lom. Von die­sem ließ sich San­dra Tor­res schei­den, um ver­fas­sungs­ge­mäß selbst als Prä­si­den­tin zu kan­di­die­ren. Sie un­ter­lag Ex-Ge­ne­ral Ot­to Pe­rez Mo­li­na, der jüngst we­gen Kor­rup­ti­on sein Amt ver­lor. Nun ver­sucht es Tor­res wie­der. Sym­pa­thi­en sam­mel­te sie als First La­dy. Da­mals war sie So­zi­al­mi­nis­te­rin und küm­mer­te sich um be­droh­te Frau­en.

Trotz des ver­meint­li­chen Schei­dungs­tricks se­hen vie­le Gua­te­mal­te­ken, be­son­ders die ge­bil­de­te­ren, die UNE-Kan­di­da­tin als das klei­ne­re Übel an. An­de­rer­seits steht sie für je­ne po­li­ti­sche Eli­te, von der das gua­te­mal­te­ki­sche Volk, dar­un­ter wie­der die Ge­bil­de­te­ren, so ver­dros­sen ist. Tor­res wird ge­rüch­te­wei­se nach­ge­sagt, mit Wahl­ver­lie­rer Ma­nu­el Bal­di­zon ge­mein­sa­me Sa­che zu ma­chen, um mit den Stim­men sei­ner An­hän­ger die Wahl zu ge­win­nen. Mul­ti­mil­lio­när Bal­di­zon al­ler­dings wird ge- mein­hin mit dem or­ga­ni­sier­ten Ver­bre­chen as­so­zi­iert.

So hoff­nungs­voll ei­ne de­mo­kra­ti­sche Wahl in Gua­te­ma­la schei­nen mag, das Land ist noch ent­fernt da­von, sich von Kor­rup­ti­on und al­ten Macht­struk­tu­ren zu lö­sen. Was wirk­lich Hoff­nung auf­kei­men lässt, ist ein neu­es Ge­fühl, das bei Sams­tags­de­mons­tra­tio­nen in der Haupt­stadt zum Aus­druck kommt. Ein Ge­fühl der Ge­mein­schaft über so­zia­le und eth­ni­sche Gren­zen hin­weg, ein Ge­fühl der Mit­be­stim­mung. Öf­fent­lich zu pro­tes­tie­ren war un­denk­bar, jetzt will je­der da­bei ge­we­sen sein. Das ist das Si­gnal der Hoff­nung: Egal wer Prä­si­dent wird: Wenn es ein schlech­ter Prä­si­dent wird, kann pro­tes­tiert wer­den, kann er oder sie zur Re­chen­schaft ge­zo­gen wer­den.

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