Mit­glied der IHK Stuttgart klagt ge­gen sei­ne Kam­mer

Re­bel­lie­ren­de „Kak­tus-Initia­ti­ve“will zu­ge­wähl­te Mit­glie­der durch Ge­richts­be­schluss zu Rück­tritt zwin­gen

Schwaebische Zeitung (Messkirch) - - WIRTSCHAFT - Von Ka­ra Ball­arin und Andre­as Knoch

STUTTGART/RA­VENS­BURG - Ge­gen­wind für die In­dus­trie- und Han­dels­kam­mer (IHK) Re­gi­on Stuttgart: Ei­ne Grup­pe aus ih­rer Mit­te, die sich „Kak­tus-Initia­ti­ve“nennt, kämpft für Re­for­men. Jür­gen Klaff­ke von die­ser Re­bel­len-Grup­pe hat am Di­ens­tag Kla­ge beim Stutt­gar­ter Ver­wal­tungs­ge­richt ge­gen die Kam­mer ein­ge­reicht. IHK-Haupt­ge­schäfts­füh­rer Andre­as Rich­ter spricht von ei­ner „Pro­test­ma­schi­ne­rie“vor der Wahl der Voll­ver­samm­lung kom­men­des Jahr. Was sich in Stuttgart ab­spielt, könn­te sich auch auf an­de­re Kam­mern aus­wir­ken.

2011 ha­ben sich Kri­ti­ker der IHK zu­sam­men­ge­tan, um nach ei­ge­nen An­ga­ben für mehr Trans­pa­renz, für De­mo­kra­tie und be­son­ders ge­gen die Zwangs­mit­glied­schaft in der Kam­mer zu kämp­fen. Da­für gibt es nun ei­nen „ak­tu­el­len Fa­den“, wie Klaff­ke sagt, den die Grup­pe auf­ge­nom­men hat: die Ko­op­tier­ten, al­so die Zu­ge­wähl­ten. Zu­nächst wäh­len die Mit­glieds­un­ter­neh­men der IHK das höchs­te Gre­mi­um, die 100 Mit­glie­der star­ke Voll­ver­samm­lung. Die­se wie­der­um kann wei­te­re Mit­glie­der hin­zu­wäh­len, al­so ko­op­tie­ren. In der Re­gel dient die­ses Vor­ge­hen da­zu, all die ver­schie­de­nen Be­rei­che, für die die Kam­mer zu­stän­dig ist, auch im Gre­mi­um wie­der­zu­spie­geln.

Das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt (BVG) in Leipzig hat sich mit ei­ner Kla­ge ge­gen die IHK Duis­burg be­schäf­tigt. Es hat Ko­op­ta­ti­on in sei­nem Ur­teil vom Ju­ni nicht grund­sätz­lich ver­bo­ten, wohl aber Re­geln auf­ge­stellt. Auf­grund des­sen sind An­fang Ok­to­ber fünf ko­op­tier­te Mit­glie­der der IHK Heil­bronn Fran­ken, dar­un­ter der Prä­si­dent Ha­rald Un­kel­bach, zu­rück­ge­tre­ten. Die fünf Mit­glie­der wur­den im Fe­bru­ar 2013 in die Voll­ver­samm­lung zu­ge­wählt. Die Wahl­ord­nung ent­sprach je­doch nicht sämt­li­chen An­for­de­run­gen des BVG-Ur­teils. Un­ter an­de­rem hät­te die Kam­mer vor der Hin­zu­wahl klar de­fi­nie­ren müs­sen, wel­che Bran­chen ver­tre­ten sein müs­sen.

Glei­ches gel­te für die IHK Re­gi­on Stuttgart, fin­det die Kak­tus-Initia­ti- ve. Weil ih­re 17 ko­op­tier­ten Mit­glie­der noch im­mer Teil der Voll­ver­samm­lung sind, hat Klaff­ke am Di­ens­tag Kla­ge ein­ge­reicht. „Es gibt das grund­sätz­li­che Pro­blem, dass wir die Ko­op­ta­ti­on für kein de­mo­kra­ti­sches Mit­tel hal­ten“, be­grün­det er den Schritt. Wäh­rend der Wahl­aus­schuss die 100 ge­wähl­ten Mit­glie­der prü­fe, sei das bei den ko­op­tier­ten nicht der Fall. Die Wahl­ord­nung le­ge nicht fest, nach wel­chen Kri­te­ri­en ko­op­tiert wer­den kön­ne – ge­nau das ist aber im Ur­teil des BVG ge­for­dert.

IHK-Haupt­ge­schäfts­füh­rer Andre­as Rich­ter sieht das an­ders. „In un­se­rem Fall ent­spre­chen die elf Ko­op­ta­tio­nen der Ver­tei­lung der Bran­chen­ge­wich­te“, sagt er. Ei­ne neue, kla­re­re Wahl­ord­nung sei aber be­reits be­schlos­sen und gül­tig für die Wahl der Voll­ver­samm­lung, die wohl im Ju­li 2016 statt­fin­den wird. „Das ist ei­ne rei­ne Pro­zess­han­se­lei“, sagt er über das Agie­ren der „Kak­te­en“. Nun wer­de das Stutt­gar­ter Ge­richt ent­schei­den, ob die Ko­op­tier­ten recht­mä­ßig in der IHK-Voll­ver­samm­lung sei­en oder nicht. Ob sie bis da­hin von ih­rer Mit­glied­schaft zu­rück­tre­ten, sei al­lein ih­re Ent­schei­dung.

Auch die IHK Bo­den­see-Ober­schwa­ben hat zu­ge­wähl­te Mit­glie­der in den Rei­hen ih­rer 47-köp­fi­gen Voll­ver­samm­lung. „Ak­tu­ell sind es zwei Un­ter­neh­mens­ver­tre­ter, je­weils aus den Bran­chen In­dus­trie und Han­del. De­ren Ko­op­ti­on ist aber rechts­wirk­sam“, be­stä­tigt IHK-Spre­che­rin Ni­na Gers­ten­korn.

Ge­mäß der Sat­zung der Kam­mer kön­nen bis zu fünf Un­ter­neh­mens­ver­tre­ter mit­tel­bar hin­zu ge­wählt wer­den. Die neu­en An­for­de­run­gen des BVG-Ur­teils wol­le man im Zu­ge der Über­ar­bei­tung der Wahl­ord­nung im kom­men­den Jahr be­rück­sich­ti­gen, so Gers­ten­korn. 2018 steht hier die nächs­te Wahl zur Voll­ver­samm­lung an.

„Al­les recht­mä­ßig“, ist auch der Te­nor bei der IHK Ost­würt­tem­berg. Laut Pres­se­spre­cher Pe­ter Gring gibt es zur­zeit drei ko­op­tier­te Mit­glie­der. „Al­le Ko­op­tio­nen sind von den IHK Mit­glieds­un­ter­neh­men wi­der­spruchs­los be­stä­tigt wor­den“, so Gring. Auch im Hin­blick auf das BVG-Ur­teil gibt man sich in Hei­den­heim ge­las­sen.

FOTO: OH

Andre­as Rich­ter

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