Job-Be­ra­tung wird be­schleu­nigt

Wie ein Pi­lot­pro­jekt in Meß­stet­ten Flücht­lin­ge schnel­ler fit für den Ar­beits­markt macht

Schwaebische Zeitung (Messkirch) - - WIR IM SÜDEN - Von Ka­ra Ball­arin

MESS­STET­TEN - Pio­nier­ar­beit in Meß­stet­ten: Flücht­lin­ge kön­nen be­reits in der dor­ti­gen Lan­des­erst­auf­nah­me­stel­le (Lea) ei­ne Be­ra­tung wahr­neh­men, die ih­nen den Weg auf den deut­schen Ar­beits­markt er­leich­tern soll. Das Pi­lot­pro­jekt soll nun auf al­le Leas aus­ge­wei­tet wer­den.

Beim Be­such der Lea in Meß­stet­ten (Zol­ler­nalb­kreis) spricht In­te­gra­ti­ons­mi­nis­te­rin Bil­kay Öney (SPD) von Jür­gen Beck als „Glücks­fall“. Der ehe­ma­li­ge Leh­rer war zwölf Jah­re lang im Auf­trag des Kul­tus­mi­nis­te­ri­ums tä­tig. Bis zu sei­ner Pen­sio­nie­rung En­de 2014 über­prüf­te er die Qua­li­fi­ka­ti­on al­ler Leh­rer, die aus dem Aus­land nach Ba­den-Würt­tem­berg ka­men. Nun ar­bei­tet er in der Lea Meß­stet­ten – hier bie­tet er seit An­fang des Mo­nats An­er­ken­nungs­be­ra­tung an.

An zwei Ta­gen pro Wo­che hat Beck Sprech­stun­de. Wer zu ihm kommt, tut das frei­wil­lig. 245 Be­ra­tungs­ge­sprä­che hat er be­reits hin­ter sich, manch­mal auf Fran­zö­sisch, meis­tens auf Eng­lisch. So auch an die­sem Mitt­woch mit Sa­mi­ha Ald­ak­kak. „Mut­ter­land des Ma­schi­nen­baus“Beck hat ein For­mu­lar zur „Kom­pe­tenz­er­fas­sung für die An­er­ken­nung aus­län­di­scher Ab­schlüs­se“vor sich lie­gen. Sys­te­ma­tisch trägt er ein, was Ald­ak­kak ihm auf sei­ne Fra­gen ant­wor­tet. 1987 ist die Sy­re­rin ge­bo­ren, hat an der Uni­ver­si­tät in Da­mas­kus Ma­schi­nen­bau mit Spe­zi­al­ge­biet Tex­til-Tech­no­lo­gie stu­diert und 2014 ih­ren Ab­schluss ge­macht. Ihr Wunsch: in Deutsch­land den Mas­ter drauf­set­zen und par­al­lel ar­bei­ten. War­um aus­ge­rech­net in Deutsch­land? „Weil Deutsch­land das Mut­ter­land des Ma­schi­nen­baus ist“, sagt sie in flie­ßen­dem Eng­lisch. Lan­ge ge­nug hät­ten In­ge­nieu­re Kriegs­ge­rä­te ge­baut. „Jetzt ist es an der Zeit, dass sich ei­ne Ge­ne­ra­ti­on mit si­che­ren Ma­schi­nen be­schäf­tigt.“Ide­en da­für ha­be sie vie­le.

Wenn Ald­ak­kak bald aus der Erst­auf­nah­me zur nächs­ten Un­ter­kunft in ei­nen Stadt- oder Land­kreis kommt, hat sie mit dem For­mu­lar be­reits den ers­ten Schritt zur An­er­ken­nung ih­rer be­ruf­li­chen Aus­bil­dung in der Ta­sche. Beck er­klärt den Flücht­lin­gen die wei­te­ren Schrit­te: Wel­che Un­ter­la­gen sie noch brau­chen und wo die tat­säch­li­che An­er­ken­nung pas­siert. Denn da­für sind die Re­gie­rungs­prä­si­di­en zu­stän­dig. Das Land för­dert zu­dem Netz­wer­ke in den Land­krei­sen, die sich wei­ter mit der sprach­li­chen und be­ruf­li­chen Qua­li­fi­ka­ti­on der Men­schen be­fas­sen.

Das An­ge­bot, das in ara­bi­scher Spra­che in der Lea aus­hängt, rich­tet sich vor­nehm­lich an Aka­de­mi­ker. Vie­le Ju­ris­ten, Ärz­te, In­ge­nieu­re und Ar­chi­tek­ten sei­en bei ihm ge­we­sen, sagt Beck. „Die Per­so­nen sind al­le au­ßer­or­dent­lich be­müht, schnell Deutsch zu ler­nen“, zum Teil au­to­di­dak­tisch mit dem Han­dy. In des­sen Spei­cher trü­gen auch vie­le ih­re Do­ku­men­te bei sich – di­gi­tal ein­ge­scannt. Sei­ne Er­fah­rung: „Sie wol­len dem deut­schen Steu­er­zah­ler nicht auf der Ta­sche lie­gen, son­dern mög­lichst schnell ar­bei­ten.“ Schwie­rig­kei­ten bei Hand­wer­kern Pro­ble­ma­tisch wird es mit Hand­wer­kern, denn im Aus­land gibt es kei­ne dua­le Aus­bil­dung, be­tont Öney. „Vie­le Men­schen ar­bei­ten in Be­trie­ben so lan­ge mit, bis sie die nö­ti­ge Ex­per­ti­se ha­ben.“Hier sei­en die Kam­mern ge­for­dert, die Qua­li­fi­ka­ti­on der Flücht­lin­ge zu prü­fen. Dass es in un­zäh­li­gen Lehr­be­ru­fen Be­darf an Fach­kräf­ten gibt, be­to­nen die Kam­mern im­mer wie­der.

Seit 2012 gibt es im Land Kom­pe­tenz­zen­tren für die An­er­ken­nung aus­län­di­scher Be­rufs­ab­schlüs­se – in je­dem der vier Re­gie­rungs­be­zir­ke eins. Trä­ger ist je­weils ein Wohl­fahrts­ver­band. Für das Zen­trum in Ulm, das der Ver­band „In Via“ver­ant­wor­tet, ist Beck tä­tig. Bis En­de des Jah­res sol­len auch die an­de­ren drei Leas im Land esolch inen Be­ra­ter be­kom­men. An­ders als im Fall des Pro­fis Beck muss­ten die­se aber zu­nächst ge­fun­den und aus­ge­bil­det wer­den, sagt Öney. In der Lea in Ell­wan­gen, wo die Be­ra­tung von der Ar­bei­ter­wohl­fahrt be­treut wird, ste­he der Be­ginn der Sprech­stun­den kurz be­vor. Das On­li­ne- Dos­sier zum The­ma: schwa­ebi­sche.de/asyl

FOTO: KA­RA BALL­ARIN

Pen­sio­när als Pio­nier: Jür­gen Beck be­rät in der Lan­des­erst­auf­nah­me­stel­le in Meß­stet­ten Flücht­lin­ge wie Sa­mi­ha Ald­ak­kak zum Ein­stieg in den deut­schen Ar­beits­markt.

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