Der Sü­den in­ves­tiert, der Nor­den fällt zu­rück

Deutsch­land lebt von sei­ner Sub­stanz – Ar­me Kom­mu­nen in Ab­wärts­spi­ra­le

Schwaebische Zeitung (Messkirch) - - WIRTSCHAFT - Von Tan­ja Tri­ca­ri­co

BERLIN - Wil­helms­ha­ven muss spa­ren. Stra­ßen­bau­pro­jek­te lie­gen brach, ka­put­te Schul­dä­cher müs­sen oft auf ei­ne Re­pa­ra­tur war­ten, für neue Schwimm­bä­der ist erst recht kein Geld da. Die Stadt im Nor­den Nie­der­sach­sens ist ver­schul­det, die Ar­beits­lo­sen­quo­te liegt bei rund 12 Pro­zent. Die schlech­te Haus­halts­la­ge lässt we­nig In­ves­ti­tio­nen in die In­fra­struk­tur zu. Nur rund 35 Eu­ro pro Kopf wur­den 2013 in öf­fent­li­che Bau­ten oder Stra­ßen ge­steckt.

Ganz an­ders sieht es da­ge­gen im Sü­den der Re­pu­blik aus. Im rei­chen München wer­den Schu­len mit mo­derns­ter Aus­stat­tung ge­baut, es gibt kaum Ar­beits­lo­sig­keit. Ent­spre­chend hoch sind auch die In­ves­ti­tio­nen, die der Land­kreis tä­ti­gen kann. Mehr als 700 Eu­ro wer­den pro Kopf je­des Jahr aus­ge­ge­ben. Der Land­kreis München zählt zu den Spit­zen­rei­tern ei­ner neu­en Er­he­bung des Deut­schen In­sti­tuts für Wirt­schafts­for­schung (DIW), Wil­helms­ha­ven ist Schluss­licht. In­ves­ti­ti­ons­quo­te hal­biert Die bei­den Kom­mu­nen sind Bei­spie­le für ei­nen Trend, der sich in Deutsch­land zu ver­fes­ti­gen droht: Wäh­rend die Re­gio­nen im Sü­den viel Geld in ih­re In­fra­struk­tur pum­pen, fällt der Nor­den zu­rück. „Der deut­sche Staat lebt von sei­ner Sub­stanz“, sagt Mar­cel Fratz­scher, Prä­si­dent des DIW. „Vor al­lem Kom­mu­nen mit ho­hen So­zi­al­aus­ga­ben in­ves­tie­ren deut­lich we­ni­ger.“In Meck­len­bur­gVor­pom­mern wer­den et­wa nur 150 Eu­ro pro Kopf in­ves­tiert. In Kom­mu­nen in Bay­ern sind es rund drei­mal so viel. Doch vor al­lem Städ­te und Ge­mein­den in Nord­rhein-West­fa­len be­rei­ten den Wis­sen­schaft­lern Sor­gen. In Bielefeld, Ha­gen oder Duis­burg feh­len seit Jah­ren Mil­li­ar­den für die kom­mu­na­le In­fra­struk­tur.

Es ist nicht das ers­te Mal, dass die Wis­sen­schaft­ler die feh­len­den In­ves­ti­tio­nen be­kla­gen. Seit 2003 wür­den die Kom­mu­nen we­ni­ger in ih­re In­fra­struk­tur in­ves­tie­ren, als es zur Wert­er­hal­tung not­wen­dig wä­re, heißt es in dem Be­richt. Nach Be­rech­nun­gen des DIW hat sich die In­ves­ti­ti­ons­quo­te von 1991 bis heu­te hal­biert. Seit dem Jahr 2000 reich­ten die kom­mu­na­len In­ves­ti­tio­nen nicht ein­mal mehr aus, um die be­ste­hen­de In­fra­struk­tur zu er­hal­ten oder zu mo­der­ni­sie­ren. Schät­zun­gen zu­fol­ge brau­chen die Kom­mu­nen rund 46 Mil­li­ar­den Eu­ro pro Jahr, um al­lein die In­fra­struk­tur zu er­hal­ten.

Zu den größ­ten Pos­ten ge­hö­ren in al­len Re­gio­nen der Bau von Stra­ßen oder Ge­bäu­den. Pro Jahr wer­den bun­des­weit rund vier Mil­li­ar­den Eu­ro al­lein in Ge­mein­de- und Kreis­stra­ßen in­ves­tiert. Wei­te­re vier Mil­li­ar­den flie­ßen in den Bau von Schul­ge­bäu­den oder Kin­der­ta­ges­stät­ten. Hin­zu kom­men Ver­wal­tungs­ge­bäu­de, Sport­stät­ten und Schwimm­bä­der.

Ein wei­te­rer gro­ßer Bro­cken sind die So­zi­al­aus­ga­ben. Hier rei­ßen vor al­lem die Kos­ten für Hei­zung und Woh­nen für Hartz-IV-Emp­fän­ger rie­si­ge Lö­cher in die Haus­halts­kas­se. Zwi­schen elf und zwölf Mil­li­ar­den Eu­ro pro Jahr wer­den da­für aus­ge­ge­ben. Aus­ga­ben, die die Kom­mu­nen tä­ti­gen müs­sen und nicht wie bei Bau­pro­jek­ten auf­schie­ben kön­nen, wenn das Geld knapp wird.

Für Ste­phan Ar­ti­cus, Haupt­ge­schäfts­füh­rer des Deut­schen Städ­te­tags, ist das ei­ne be­sorg­nis­er­re­gen­de Ent­wick­lung. „In fi­nanz­schwa­chen Kom­mu­nen ist der größ­te Teil der knap­pen Mit­tel in den So­zi­al­haus­hal­ten der Städ­te ge­bun­den“, sagt Ar­ti­cus. „In­ves­ti­ti­ons­haus­hal­te sind zu So­zi­al­haus­hal­ten ge­wor­den.“Er for­dert Bund und Län­der auf, die fö­de­ra­len Fi­nanz­be­zie­hun­gen schnell neu zu re­geln. „Ziel muss es sein, gleich­wer­ti­ge Le­bens­ver­hält­nis­se in den Re­gio­nen zu för­dern, die an­ge­kün­dig­te wei­te­re Ent­las­tung der Kom­mu­nen von So­zi­al­aus­ga­ben ab­zu­si­chern und ih­re In­ves­ti­ti­ons­kraft dau­er­haft zu ver­bes­sern“, er­klärt Ar­ti­cus. Er be­steht auf lang­fris­ti­ge An­schub­hil­fen für ein­kom­mens­schwa­che Ge­bie­te. So­li für Kom­mu­nen nut­zen Mit der wach­sen­den Zahl an Flücht­lin­gen neh­men auch die Be­las­tun­gen für die Kom­mu­nen in den kom­men­den Mo­na­ten zu. „Noch sind Städ­te und Ge­mein­den über­zeugt, dass Bund und Län­der sie un­ter­stüt­zen wer­den“, sagt Ron­ny Frei­er, Re­gio­nal­ex­per­te des DIW. „Es kom­men nicht nur die Kos­ten der Grund­si­che­rung auf die Re­gio­nen zu, son­dern auch wei­te­re Aus­ga­ben für die In­te­gra­ti­on der Flücht­lin­ge.“Wie viel Geld ge­braucht wird, lässt sich je­doch noch nicht ab­schät­zen.

Doch ge­nau über Geld müs­sen Kom­mu­nen, Bund und Län­der sp­re- chen. Die Wis­sen­schaft­ler schla­gen bei­spiels­wei­se vor, die Kom­mu­nen auch über den So­li­da­ri­täts­zu­schlag bei den So­zi­al­aus­ga­ben stär­ker zu ent­las­ten. Für Steu­er­er­hö­hun­gen se­hen sie kei­ne Not­wen­dig­keit. Doch al­lein ei­ne Auf­sto­ckung der Mit­tel wird nicht aus­rei­chen. Es müss­ten kla­re Im­pul­se für ein wirt­schaft­li­ches Wachs­tum in den Re­gio­nen ge­ben.

FOTO: DPA

Ma­ro­de Stra­ßen sind in den meis­ten Kom­mu­nen das größ­te In­fra­struk­tur­pro­blem.

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