Si­sy­phos auf dem Bal­kan

Die Tra­gi­ko­mö­die „A Per­fect Day“star­tet heu­te im Ki­no

Schwaebische Zeitung (Messkirch) - - KULTUR - Von Rü­di­ger Suchs­land

eni­cio del To­ro, Tim Rob­bins, und Ol­ga Ku­ry­len­ko spie­len Mit­ar­bei­ter ei­ner Nicht­re­gie­rungs­or­ga­ni­sa­ti­on (NGO) am En­de des Bal­kan­kriegs. Sie kämp­fen für das Gu­te in der Welt. Ei­ne Si­sy­phos-Ar­beit – und ei­ne span­nen­de Aus­gangs­si­tua­ti­on: Men­schen wie wir in ei­ner Welt vol­ler Ge­walt und Ge­fahr, die man längst über­wun­den zu ha­ben glaub­te. Mit „A Per­fect Day“ist dem spa­ni­schen Re­gis­seur Fer­nan­do Le­on de Ara­noa ein her­aus­ra­gen­der Film ge­lun­gen. Span­nend und mit vie­len Stars, da­bei mit er­staun­li­cher Ko­mik bringt er ei­nen wich­ti­gen Stoff auf die Lein­wand. Mit der Flücht­lings­de­bat­te er­hält der Film zu­sätz­li­che Bri­sanz.

„Es war ein­mal, ir­gend­wo auf dem Bal­kan“steht am An­fang. Der ju­go­sla­wi­sche Bür­ger­krieg war ein Schock. Es ge­scha­hen Din­ge, die man in Eu­ro­pa für un­mög­lich ge­hal­ten hat­te. Man schreibt das Jahr 1995. Ein Team ei­ner in­ter­na­tio­na­len Hilfs­or­ga­ni­sa­ti­on ver­sucht, der Zi­vil­be­völ­ke­rung zu hel­fen. Es be­steht aus Mam­brú (Be­ni­cio del To­ro) und B (Tim Rob­bins), bei­des al­te Ha­sen, so­wie der un­er­fah­re­nen So­phie (Mé­la­nie Thier­ry). Be­glei­tet wer­den sie von meh­re­ren Ein­hei­mi­schen, dar­un­ter ih­rem Über­set­zer

Die Stra­ßen zu ih­ren Ein­satz­or­ten sind kur­vig, über­all lau­ern Ge­fah­ren. Zu ih­rer Ar­beit ge­hört es, ei­ne Lei­che aus ei­nem Brun­nen zu ho­len, die das Was­ser ver­gif­tet. Sie räu­men Land­mi­nen. Die könn­ten auch in ei­ner to­ten Kuh ver­steckt sein, die mit­ten auf der Stra­ße liegt. In der Tra­di­ti­on von „M.A.S.H.“Früh kom­men die Run­ning Gags: Die Lei­che im Brun­nen ist un­glaub­lich dick. Das Seil, mit dem sie aus dem Brun­nen ge­zo­gen wer­den soll, reißt wie­der und wie­der. Das ist ein lus­ti­ger Ef­fekt, je­doch kei­nes­wegs al­bern. Im Ge­gen­teil. Es ist ein trau­ri­ges Sinn­bild für die Ver­geb­lich­keit der Nothilfe. Die NGO-Hel­fer tun ihr Bes­tes und er­rei­chen doch ziem­lich we­nig. Das macht man­che zy­nisch, vie­le me­lan­cho­lisch.

Bald stößt die Rus­sin Ka­tya (Ol­ga Ku­ry­len­ko) zu der bun­ten Trup­pe. Sie ist ei­ne „Kon­flik­te­va­lua­to­rin“. Die­ser Be­griff ist ein Witz. Sar­kas­tisch wird in die­ser Fi­gur die Spe­zi­es der Con­trol­ler por­trä­tiert, die längst die Macht in den Un­ter­neh­men und Or­ga­ni­sa­tio­nen un­se­rer Län­der über­nom­men ha­ben, und dort ein an­ders ge­ar­te­tes, aber nicht min­der to­ta­li­tä­res Re­gime er­rich­ten. Ka­tya soll die NGO-Ein­heit auf­lö­sen, weil sie sich „nicht rech­net“.

So es­ka­lie­ren die Er­eig­nis­se lang­sam, aber si­cher. „A Per­fect Day“ist ei­ne An­ti-Kriegs­ko­mö­die in der Tra­di­ti­on von Ro­bert Alt­mans „M.A.S.H.“und „Catch-22“. Zu­gleich greift der Film Ele­men­te des ab­surdsur­rea­len Bal­kan-Hu­mors ei­nes De­nis Ta­no­vic oder Emir Kus­tu­rica auf. Re­gis­seur Fer­nan­do Le­on de Ara­noa ist in Spa­ni­en für rea­lis­ti­sche, en­ga­gier­te So­zi­al­dra­men wie „Mon­tags in der Son­ne“be­rühmt. Mit die­ser Ver­fil­mung des Ro­mans „De­jar­se ll­over“von Pau­la Fa­ri­as ver­sucht er et­was Neu­es, und es ist ihm her­vor­ra­gend ge­lun­gen: „A Per­fect Day“ist ei­ne Tra­gi­ko­mö­die. Nicht je­dem wird der teil­wei­se der­be Hu­mor ge­fal­len. Doch der Film macht sich nicht lus­tig über den Krieg oder die Men­schen auf dem Bal­kan. Der Hu­mor ist von Ver­zweif­lung durch­zo­gen. Die Wär­me der Men­schen, die der Film uns zeigt, ist ein Aus­gleich zu der bru­ta­len At­mo­sphä­re. Am En­de bleibt Me­lan­cho­lie. A Per­fect Day. Re­gie: Fer­nan­do León de Ara­noa. Mit Be­ni­cio del To­ro, Tim Rob­bins, Mé­la­nie Thier­ry und Ol­ga Ku­ry­len­ko. Spa­ni­en 2015. 106 Mi­nu­ten. FSK 12. Den Trai­ler fin­den Sie un­ter: www.schwa­ebi­sche. de/ aper­fect­day

FOTO: X- VER­LEIH

Be­ni­cio del To­ro spielt den Lei­ter ei­ner Grup­pe von Mit­ar­bei­tern ei­ner Hilfs­or­ga­ni­sa­ti­on im Bal­kan­krieg. „ A Per­fect Day“ist ein ko­misch- me­lan­cho­li­scher Film über Ver­geb­lich­keit.

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