„Die Si­tua­ti­on hier ist ka­ta­stro­phal“

Die aus Kiß­legg stam­men­de Stu­den­tin Vic­to­ria Scheyer hilft Flücht­lin­gen in Slo­we­ni­en – und er­lebt dort viel Leid

Schwaebische Zeitung (Messkirch) - - NACHRICHTEN & HINTERGRUND -

RA­VENS­BURG - Die Pas­sau­er Stu­den­tin Vic­to­ria Scheyer (Foto: pri­vat) hilft zur­zeit den Flücht­lin­gen im slo­we­ni­schen Bre­zice. Im Ge­spräch mit Ale­xei Ma­kart­sev er­zählt die 23Jäh­ri­ge von den Nö­ten der an­kom­men­den Men­schen und dem Cha­os an der Gren­ze zu Kroa­ti­en. War­um sind Sie nach Slo­we­ni­en ge­fah­ren? Wir sind fünf Stu­den­tin­nen aus Pas­sau. Wir ha­ben ge­hört, wie schlimm hier die La­ge ist, und ka­men hier­her mit fünf Au­tos vol­ler Es­sen, Klei­dung und 3000 Eu­ro an Spen­den. Wir woll­ten hier Le­bens­mit­tel kau­fen und sie an die Men­schen ver­tei­len. Was ha­ben Sie nach Ih­rer An­kunft am Mitt­woch an der Gren­ze er­lebt? Ge­gen zehn Uhr abends sah ich aus dem Wald vie­le Men­schen her­aus­kom­men, sie lie­fen durch den Matsch und über­quer­ten ei­nen Fluss. Es müs­sen ei­ni­ge Tau­send ge­we­sen sein, die kroa­ti­sche Po­li­zei hat­te sie ei­ni­ge Ki­lo­me­ter vor der „grü­nen Gren­ze“ab­ge­setzt. Die Men­schen ha­ben ge­schrien: „Öff­net die Gren­ze!“– doch die slo­we­ni­schen Mi­li­tärs lie­ßen sie nicht rein. Die Flücht­lin­ge stan­den lan­ge auf dem Feld und fro­ren in ih­ren nas­sen Klei­dern, auch Frau­en und Kin­der, dann muss­ten sie elf Ki­lo­me­ter zum Camp lau­fen. Wir woll­ten Was­ser ver­tei­len, doch die Po­li­zis­ten ha­ben uns weg­ge­scho­ben. Ich ha­be mich um ei­nen 15-jäh­ri­gen sy­ri­schen Jun­gen ge­küm­mert, der sei­ne Mut­ter im Cha­os ver­lo­ren hat­te. Dann sah ich ei­ne Frau mit ei­nem Ba­by auf dem Arm, sie wirk­te to­tal ent­kräf­tet. Ich nahm ihr das Kind ab und bin ei­ni­ge Ki­lo­me­ter mit­ge­lau­fen, sie wä­re sonst si­cher zu­sam­men­ge­bro­chen. Wo sind die Flücht­lin­ge jetzt? Ich se­he vier Pan­zer vor dem ab­ge­sperr­ten La­ger, das an ei­nen Schwei­ne­stall er­in­nert. Die Men­schen sind in die­sen „Lauf­stall“ein­ge­pfercht, sie ste­hen dort im Matsch und in der Käl­te un­ter frei­em Him­mel. Zel­te gibt es nicht. Heu­te Nacht fiel die Tem­pe­ra­tur auf drei Grad. Die Men­schen sind schlecht ge­klei­det, man­che ka­men bar­fuß hier­her. Ich hat­te drei Paar Woll­so­cken an, ei­nes da­von ha­be ich ei­nem wei­nen­den Mann ge­ge­ben, der mich um Hil­fe an­fleh­te. Sind Me­di­zi­ner vor Ort? Ja, aber nur sehr we­ni­ge. Ich ha­be ein Kind ge­se­hen, das Schmer­zen hat­te und sich an den Bauch hielt. Ich bat ei­nen Po­li­zis­ten um Hil­fe, doch er war nur da­mit be­schäf­tigt, neue Ab­sper­run­gen auf­zu­stel­len. Wie ist die Ver­sor­gung? Die Be­hör­den hier sind völ­lig über­for­dert, nie­mand weiß, was zu tun ist. Das Ro­te Kreuz hat Es­sen ver­teilt, doch sie hat­ten nur ei­ni­ge Ein­kaufs­wa­gen voll für 3000 Men­schen, die sehr hung­rig wa­ren. Es gibt im Camp kaum Toi­let­ten, die Men­schen müs­sen ne­ben ei­ge­nen Ex­kre­men­ten schla­fen. Die Flücht­lin­ge brau­chen vor al­lem Es­sen und Was­ser, sie ha­ben sich um die Was­ser­fla­schen ge­prü­gelt. Man­che ha­ben mir ge­sagt, dass sie seit ei­nem Tag nichts mehr ge­trun­ken ha­ben. Was ha­ben Sie noch vor? Wir blei­ben bis zum Wo­che­n­en­de und wer­den die mit­ge­brach­te Klei­dung ver­tei­len. Die wol­len hier aber kei­ne Hel­fer ha­ben, ich ha­be Angst, dass wir ge­hen müs­sen. Die Hilfs­or­ga­ni­sa­tio­nen müs­sen drin­gend alar­miert wer­den, denn die Si­tua­ti­on der Men­schen hier ist ka­ta­stro­phal.

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