Das En­de ei­ner Ära

In Ar­gen­ti­ni­en hin­ter­lässt Cristina Kirch­ner ih­rem Nach­fol­ger schwe­re Auf­ga­ben

Schwaebische Zeitung (Messkirch) - - NACHRICHTEN & HINTERGRUND - Von Klaus Eh­ring­feld

BU­E­NOS AI­RES - In die­sen Ta­gen, in de­nen ei­ne Epo­che zu En­de geht, läuft das Le­ben in Ar­gen­ti­ni­en in ru­hi­gen Bah­nen. Kurz vor der Prä­si­den­ten­wahl am Sonn­tag scheint Po­li­tik ein Rand­the­ma in die­sem lei­den­schaft­lich de­bat­tie­ren­den Land. „Son to­do lo mis­mo“, sagt ge­nervt Mar­tín Ro­bles ein jun­ger Bank­an­ge­stell­ter. „Ist doch eh das­sel­be.“

Vi­el­leicht liegt es an den Kan­di­da­ten, dass der En­thu­si­as­mus so nied­rig ist wie sel­ten. Da­ni­el Scio­li von der re­gie­ren­den „Front für den Sieg“oder Mau­ricio Ma­cri von der Op­po­si­ti­on „Cam­bie­mos“sind bei­de blas­se Män­ner. Zu­dem sind sie sich in ih­ren po­li­ti­schen Pro­gram­men ähn­lich. „Wir ha­ben erst­mals in Ar­gen­ti­ni­en ei­ne Wahl, bei der die star­ken Kan­di­da­ten al­le aus dem Mit­te­rechts-La­ger kom­men“, sagt Ro­sen­do Fra­ga, Chef des Thinktanks „Nue­va Mayo­ria“in Bu­e­nos Ai­res. Wer auch im­mer ge­win­ne, wer­de den Aus­ga­ben-Wahn­sinn der ak­tu­el­len Re­gie­rung nicht mehr auf­recht er­hal­ten kön­nen, be­tont Fra­ga.

Vi­el­leicht liegt die ge­rin­ge Wahl­stim­mung aber auch dar­an, dass die Men­schen ein­fach nur froh sind, dass nach zwölf Jah­ren Kirch­ne­ris­mus mal ein an­de­rer das Ru­der über- nimmt. Von 2003 bis 2007 re­gier­te Nés­tor Kirch­ner das Land, und seit 2008 führt sei­ne Wit­we Cristina Fernán­dez das Ru­der am Rio de la Pla­ta. Seit Evi­ta und Juan Do­m­in­go Perón hat kein Ehe­paar die Po­li­tik Ar­gen­ti­ni­ens so ge­prägt und po­la­ri­siert.

Aber vie­le Ar­gen­ti­ni­er sind nur noch apa­thisch an­ge­sichts ei­ner ubi­qui­tä­ren Staats­che­fin, die al­lei­ne in die­sem Wahl­jahr 43 Mal auf „Ca­de­na Na­cio­nal“ge­schal­tet hat. Das heißt Pflicht­pro­gramm für al­le TV-Sen­der. Da wird dann die Te­le­no­ve­la ab­ge­setzt oder der Fuß­ball, und es wer­den vor lau­fen­der Ka­me­ra Au­to­bah­nen, Kran­ken­häu­ser oder Fa­b­ri­ken ein­ge­weiht, es wird po­li­tisch schwa­dro­niert. Und al­le Haus­hal­te müs­sen zu­schau­en – wenn sie den Fern­se­her nicht ganz ab­schal­ten.

Cristina Kircher ge­nießt die letz­ten Ta­ge, die ihr nach acht Jah­ren im Amt blei­ben. Sie wür­de ja ger­ne blei­ben. Doch das ver­bie­tet die Ver­fas­sung. Im­mer­hin schei­det sie mit ei­ner Zu­stim­mung von 40 Pro­zent aus der Ca­sa Ro­s­a­da, dem Prä­si­den­ten­pa­last. Kein ar­gen­ti­ni­sches Staats­ober­haupt konn­te das zu­vor von sich be­haup­ten. Goo­dies für al­le Das liegt an sol­chen Goo­dies wie „Fuß­ball für al­le“– die Über­tra­gungs­rech­te für die ar­gen­ti­ni­sche Bun­des­li­ga sind vom Staat ge­kauft, und der zeigt al­le Spie­le im frei emp­fang­ba­ren Fern­se­hen. Das kos­tet aber 170 Mil­lio­nen Eu­ro pro Sai­son. Die ho­he Zu­stim­mung zu CFK, wie Kirch­ner kurz ge­nannt wird, liegt fer­ner an den Dut­zen­den „Pla­nes so­cia­les“. Die So­zi­al­pro­gram­me be­inhal­ten Müt­ter- und Haus­frau­en­ren­te, Kin­der­geld und auch Cash für die ärms­ten Schich­ten der Be­völ­ke­rung. 18 Mil­lio­nen Ar­gen­ti­ni­er kom­men in den Ge­nuss sol­cher So­zi­al­plä­ne, knapp 40 Pro­zent der Be­völ­ke­rung. Wenn man da­ne­ben noch sieht, dass auch die Zahl der Be­am­ten mas­siv zu­ge­nom­men hat, ver­steht man ers- tens, war­um die Staats­aus­ga­ben um 30 Pro­zent des Brut­to­in­lands­pro­duk­tes ge­stie­gen sind und zwei­tens, war­um der Re­gie­rungs­kan­di­dat Scio­li bes­te Chan­cen hat, Kirch­ner zu be­er­ben. Die Men­schen fürch­ten, dass bei ei­ner an­de­ren Re­gie­rung die So­zi­al­leis­tun­gen ge­stri­chen wer­den.

Oder aber die Ar­gen­ti­ni­er ha­ben schlicht kei­ne Zeit für Po­li­tik, weil sie mit den Ab­sur­di­tä­ten der ar­gen­ti­ni­schen Wirt­schafts­po­li­tik jon­glie­ren müs­sen. 27 Pro­zent In­fla­ti­on, De­vi­sen­kon­trol­le, Mond­prei­se, min­des­tens zwei par­al­le­le Wech­sel­kur­se. Mitt­ler­wei­le ist der einst zweit­größ­te Rind­fleisch­ex­por­teur der Welt auf Platz elf zu­rück­ge­fal­len. Selbst das klei­ne Gua­te­ma­la ex­por­tiert mehr.

Da­zu kommt der stän­dig ag­gres­si­ve Dis­kurs der Prä­si­den­tin, die Gän­ge­lung von Pres­se und Jus­tiz. „Ar­gen­ti­ni­en ist ein Ve­ne­zue­la light“, sagt Ana­lyst Ro­sen­do Fra­ga. „Und dann sind da ja auch noch die vie­len Vor­wür­fe, die Prä­si­den­tin ha­be sich il­le­gal be­rei­chert.“Du­bio­se Grund­stücks­de­als un­ten in Pa­ta­go­ni­en, Geld­wä­sche-Vor­wür­fe, und der son­der­ba­re Tod des Staats­an­walts Al­ber­to Nis­man im Ja­nu­ar, der ge­gen die Prä­si­den­tin er­mit­tel­te. Ein biss­chen was von Po­lit-Thril­ler hat die nun zu En­de ge­hen­de Amts­zeit von Cristina Kirch­ner auf je­den Fall.

FOTO: DPA

Cristina Fernán­dez de Kirch­ner darf nach zwei Amts­zei­ten nicht mehr kan­di­die­ren.

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