Der My­thos fei­ert eher lei­se

Erst weltbester Ball­streich­ler, dann Wel­ten­bumm­ler – Ed­son Aran­tes do Na­sci­men­to ali­as Pelé wird 75

Schwaebische Zeitung (Messkirch) - - SPORT -

RIO DE JANEI­RO (SID) - Er jet­tet von Kon­ti­nent zu Kon­ti­nent, ließ 2015 nur Afri­ka aus und war in der Vor­wo­che noch in In­di­en. Doch im­mer­hin: An sei­nem Eh­ren­tag gönnt sich Pelé ei­ne Ver­schnaufpau­se im engs­ten Fa­mi­li­en­kreis. Der bes­te Fuß­bal­ler al­ler Zei­ten fei­ert heu­te sei­nen 75. Ge­burts­tag – oh­ne gro­ßes Tam­tam.

Es scheint ei­ne Ewig­keit her zu sein: Vor 38 Jah­ren trug Ed­son Aran­tes do Na­sci­men­to zum letz­ten Mal das le­gen­dä­re Tri­kot mit der Num­mer 10: Am 1. Ok­to­ber 1977 im New Yor­ker Gi­ants Sta­di­um schrieb der drei­ma­li­ge Welt­meis­ter – der 1958 als 17-Jäh­ri­ger zwei sei­ner sechs Tur­nier­to­re im Fi­na­le schoss, 1962 ver­letzt kaum mit­wirk­te und 1970 gar von den gast­ge­ben­den Me­xi­ka­nern eu­pho­risch auf den Schul­tern ge­tra­gen wur­de – das Schluss­ka­pi­tel ei­ner fa­mo­sen Kar­rie­re. 1365 Spie­le, nicht al­le of­fi­zi­ell, 1281 To­re, ob im Tri­kot des FC San­tos oder von Cos­mos New York, der Se­leçao oder – in sei­ner Mi­li­tär­zeit – ei­ner Sol­da­ten­aus­wahl, elf­mal bes­ter Tor­jä­ger ei­ner Meis­ter­schaft oder ei­nes Tur­niers, aber ku­rio­ser­wei­se nie bei ei­ner WM. Schnell, ro­bust, trick­reich, treff­si­cher, fast im­mer ma­jes­tä­tisch, all dies mach­te ihn zum „Rei“, Bra­si­li­ens Kö­nig des Fuß­balls.

Pelé, das ist ein My­thos. „Vi­el­leicht ken­nen nicht al­le auf der Welt Je­sus, aber von Pelé ha­ben sie schon ge­hört“, be­kräf­tigt der 75-Jäh­ri­ge stets. Trotz man­cher heik­ler Schrit­te sei­nes Al­ter Ego ab­seits des Ra­sens. Ob eher er­folg­lo­se Aus­flü­ge ins Schla­ger- oder Film­ge­schäft, zwei au­ßer­ehe­li­che Kin­der, ein in Dro­gen­ge­schäf­te ver­wi­ckel­ter Sohn: Nichts, was Ed­son Aran­tes „ver­kehrt“an­stell­te, scha­de­te Pelés Po­pu­la­ri­tät.

So er­füllt sein Auf­stieg aus ar­men Ver­hält­nis­sen das Kli­schee al­ler Bil­der­buch­kar­rie­ren: vom Stra­ßen­fuß­bal­ler zum Welt­star. Pelé hat ein ein­fa­ches Ge­müt, bos­haf­te Hin­ter­ge­dan­ken sind ihm fremd. Aber: Auch we­gen des Igno­rie­rens ge­sell­schaft­li­cher Pro­ble­me vor der WM 2014 im ei­ge­nen Land – in Bra­si­li­en ist der Pro­phet längst nicht mehr so po­pu­lär. Da­für im Aus­land: Ei­ne US-ame­ri­ka­ni­sche Wer­be­agen­tur hat sich für viel Geld die Rech­te an sei­ner Per­son bis über sei­nen Tod hin­aus ge­si­chert.

Das Rei­se­pro­gramm ge­horcht mitt­ler­wei­le aber auch Pelés Kör­per: Wir­bel­säu­le, Pro­sta­ta, Nie­ren­stei­ne – das Al­ter macht sich be­merk­bar. Pelé mag ewig sein, Ed­son Aran­tes nicht. Heu­te wer­den bei­de ge­fei­ert.

FOTO: DPA

Das ju­gend­li­che Grin­sen hat er bis heu­te: Pelé mit sei­ner Frau Mar­cia Ao­ki.

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