„Kir­chen­asyl ist ei­ne Ran­der­schei­nung“

Staats­rä­tin Gi­se­la Er­ler steht trotz Kri­tik zu Hand­buch für Flücht­lings­hel­fer

Schwaebische Zeitung (Messkirch) - - WIR IM SÜDEN -

STUTTGART - Gro­ße Auf­re­gung um ein klei­nes Büch­lein: Das Hand­buch „Will­kom­men!“, das Eh­ren­amt­li­chen in der Flücht­lings­ar­beit nütz­li­che Tipps bie­tet, ent­hält auch In­for­ma­tio­nen da­zu, wie sich Flücht­lin­ge mit ab­ge­lehn­tem Asyl­an­trag ge­gen ei­ne Ab­schie­bung weh­ren kön­nen. Kri­tik ha­gelt es un­ter an­de­rem von den Land­rä­ten. Vor al­lem ei­ne Pas­sa­ge im Buch stößt ih­nen auf: der Hin­weis auf das Kir­chen­asyl. Ka­ra Ball­arin hat die Her­aus­ge­be­rin des Bu­ches, Staats­rä­tin Gi­se­la Er­ler (Grü­ne), da­zu be­fragt. Frau Er­ler, ver­ste­hen Sie die Auf­re­gung um das Büch­lein? Ich muss ehr­lich sa­gen, dass ich dar­über sehr über­rascht war, in der Zwi­schen­zeit auch be­sorgt bin. Das Hand­buch be­inhal­tet ja ganz neu­tra­le In­for­ma­tio­nen, die je­dem zu­ste­hen. Zu be­haup­ten, dass wir mit dem Hin­weis auf das Kir­chen­asyl ge­gen das Grund­ge­setz ver­sto­ßen und Wi­der­stand ge­gen die Staats­ge­walt leis­ten, ver­schärft das Kli­ma. Wel­che Rück­mel­dun­gen hö­ren Sie? Der Vor­wurf der Op­po­si­ti­on, des Ge­mein­de- und Land­kreis­tags lau­tet, dass wir die Staats­ge­walt be­dro­hen. Aber in ei­nem Rechts­staat, ist es not­wen­dig, Men­schen über ih­re Rechts­schutz­mög­lich­kei­ten auf­zu­klä­ren. Das er­gibt sich aus der staat­li­chen Rechts­we­ge­ga­ran­tie und be­inhal­tet auch die Mög­lich­keit des Wi­der­spruchs. In un­se­rer Bro­schü­re wird der Ablauf ei­nes Asyl­ver­fah­rens ganz nüch­tern dar­ge­stellt. Was pas­siert, wenn je­mand ab­ge­lehnt wird, steht da auch. Ne­ben der Ab­schie­bung ist auch das Kir­chen­asyl er­wähnt. Üb­ri­gens: Das Kir­chen­asyl ist auch auf der Web­sei­te des Bun­des­in­nen­mi­nis­te­ri­ums dar­ge­stellt, und zwar viel aus­führ­li­cher als bei uns. Die Rück­kehr­be­ra­tung in Ba­den-Würt­tem­berg ist uns viel wich­ti­ger, das sieht man auch am Um­fang. War­um muss ei­ne staat­li­che Stel­le über­haupt auf das Kir­chen­asyl hin­wei­sen? Man soll­te fair in­for­mie­ren. Gu­drun Heu­te-Bl­uhm vom Städ­te­tag sagt rich­tig: „In ei­nem Staat, der für Trans­pa­renz und Of­fen­heit steht, soll­te das nicht ver­hehlt wer­den.“Das Kir­chen­asyl wird of­fi­zi­ell von der Bun­des­re­gie­rung ge­dul­det. Aber las­sen wir doch mal die Kir­che im Dorf: Kir­ch­asyl wird sehr sel­ten ge­währt, ist ei­ne win­zig klei­ne Ran­der­schei­nung. In der ers­ten Auf­la­ge wur­den 10 000 Bü­cher ge­druckt. Wie vie­le gibt es mitt­ler­wei­le? Wir dru­cken jetzt noch mal 50 000 Ex­em­pla­re in der drit­ten Auf­la­ge. Dann sind es ins­ge­samt 80 000 Bü­cher. Wir ha­ben ei­ne sehr stark stei­gen­de Nach­fra­ge, auch von of­fi­zi­el­len Stel­len wie der Po­li­zei, das meis­te geht aber an Eh­ren­amt­li­che in ganz Ba­den-Würt­tem­berg. Ei­ne gro­ße Stif­tung er­wägt, das Buch für ganz Deutsch­land zu dru­cken. Und ei­ne gro­ße Fir­ma über­setzt es der­zeit ins Eng­li­sche, weil sich vie­le ih­rer Mit­ar­bei­ter, die selbst aus dem Aus­land

(69, Foto: dpa) ist als Staats­rä­tin in der Lan­des­re­gie­rung zu­stän­dig für Zi­vil­ge­sell­schaft und Bür­ger­be­tei­li­gung. Die in Bi­be­rach ge­bo­re­ne Grü­nen-Po­li­ti­kern hat zu­vor als So­zi­al­wis­sen­schaft­le­rin und Un­ter­neh­me­rin ge­ar­bei­tet. (sz) kom­men, in der Flücht­lings­ar­beit en­ga­gie­ren. Es ist das ein­zi­ge Buch, das ganz ge­nau auf die In­for­ma­ti­ons­be­dürf­nis­se der Eh­ren­amt­li­chen zu­ge­schnit­ten ist. Die an­de­ren Hand­rei­chun­gen sind zu ju­ris­tisch, zu fach­lich, zu um­fang­reich. Wir be­kom­men da­für sehr viel An­er­ken­nung. Wird es bei wei­te­ren Auf­la­gen des Bu­ches und bei der di­gi­ta­len Ver­si­on auf der Home­page des Staats­mi­nis­te­ri­ums Än­de­run­gen ge­ben? Wenn nach den 80 000 noch ei­ne wei­te­re Auf­la­ge kommt, wer­den wir Er­gän­zun­gen vor­neh­men: wie et­wa Frau­en oder Men­schen mit Be­hin­de­run­gen noch bes­ser un­ter­stützt und in die deut­sche Ge­sell­schaft in­te­griert wer­den kön­nen. Das sind Aspek­te, die uns zu­ge­ru­fen wur­den. Und die Pas­sa­ge mit dem Kir­chen­asyl bleibt? Ich ge­he nicht da­von aus, dass es ei­ne Än­de­rung beim Hin­weis auf das Kir­chen­asyl gibt, denn es ist Rea­li­tät. Man kann dar­über strei­ten, ob Kir­chen­asyl sinn­voll ist. Aber ich den­ke, dass es sinn­voll ist, es zu er­wäh­nen. Was die Kri­ti­ker sa­gen, und was im Leit­fa­den steht: schwa­ebi­sche.de/will­kom­men

Gi­se­la Er­ler

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