Ent­set­zen, Ak­tio­nis­mus, Rat­lo­sig­keit

Der RAF-Ter­ror im Sep­tem­ber und Ok­to­ber 1977 ist als „Deut­scher Herbst“in die Ge­schichts­bü­cher ein­ge­gan­gen – Er hat die Re­pu­blik nach­hal­tig er­schüt­tert

Schwaebische Zeitung (Messkirch) - - SEITE DREI - Von Klaus Nach­baur

m Schre­cken zu ver­brei­ten – und nichts an­de­res be­deu­tet Ter­ro­ris­mus im Wort­sin­ne – be­darf es nicht un­be­dingt ei­ner gro­ßen Ver­bre­cher­trup­pe à la „Is­la­mi­scher Staat“. Die Ter­ro­ris­ten der „Ro­te Ar­mee Frak­ti­on“(RAF), die von den 70er- bis in die 90er-Jah­re des ver­gan­ge­nen Jahr­hun­derts die al­te Bun­des­re­pu­blik nach­hal­ti­ger er­schüt­tert ha­ben als je­des an­de­re Nach­kriegs­ge­sche­hen, zähl­ten nach Er­kennt­nis­sen der Bun­des­an­walt­schaft über die Jah­re zu­sam­men­ge­rech­net nicht mehr als 300 Mi­li­tan­te. Den har­ten Kern bil­de­ten 60 bis 80 Män­ner und Frau­en. Auf dem Hö­he­punkt der Ter­ror­wel­le, im Herbst 1977, hat­te die RAF ge­ra­de mal um die 20 Mit­glie­der. Es mu­tet in der Rück­schau ge­ra­de­zu bi­zarr an, wie die­se 20 Ter­ro­ris­ten es schaf­fen konn­ten, ein gan­zes Land und sei­ne Re­gie­rung an den Rand der Hys­te­rie zu brin­gen. Aber die Er­klä­rung ist ein­fach: Ihr Ter­ror war ex­trem wir­kungs­voll.

Die Art und Wei­se, in der das The­ma auch die Me­di­en do­mi­nier­te, lässt heu­te noch gut nach­voll­zie­hen, wie sehr Po­li­tik und Ge­sell­schaft ver­un­si­chert wa­ren, zwi­schen Ent­set­zen, Ak­tio­nis­mus und Rat­lo­sig­keit schwank­ten. Es gab mit Aus­nah­me der Zeit des Mau­er­falls kei­ne Pha­se in der Ge­schich­te der „Schwä­bi­schen Zei­tung“in der die Über­schrif­ten der Auf­ma­cher auf Sei­te eins im­mer wie­der in 48-Punkt, al­so in Über­grö­ße, ge­druckt wor­den sind. Aus­ga­be vom 6. Sep­tem­ber 1977: „Ter­ro­ris­ten ent­füh­ren Hanns Mar­tin Schley­er/Vier Mann der Be­glei­tung kalt­blü­tig er­schos­sen“. Tags dar­auf, wie­der in Über­grö­ße: „Schley­er-Ent­füh­rer stel­len ih­re For­de­run­gen/Auch Stamm­hei­mer Häft­lin­ge sol­len frei­kom­men“. Sams­tag, 15. Ok­to­ber: „Die Ter­ro­ris­ten dro­hen mit der Er­schie­ßung ih­rer Gei­seln und des Ar­beit­ge­ber­prä­si­den­ten Schley­er“. Hilf­lo­se Staats­macht Zu die­sem Zeit­punkt hat­te ei­ne pa­läs­ti­nen­si­sche Ter­ror­grup­pe die Luft­han­sa-Ma­schi­ne „Lands­hut“in ih­re Ge­walt ge­bracht. Die Ent­füh­rer Schley­ers und des Flug­zeugs hat­ten sich ab­ge­stimmt. Ne­ben die­sem Auf­ma­cher stand der Leit­ar­ti­kel mit der viel­sa­gen­den Über­schrift: „Wo die Staats­macht hilf­los ist“. Und dann, am 20. Ok­to­ber 1977: „Schley­er er­mor­det im El­saß ge­fun­den/Lei­che lag im Kof­fer­raum ei­nes Au­tos“. Zu­vor hat­te die An­ti­ter­ror­ein­heit GSG 9 in ei­nem spek­ta­ku­lä­ren Ein­satz in Mo­ga­di­schu die ent­führ­te Luft­han­sa-Ma­schi­ne ge­stürmt und die Gei­seln be­freit. Die Stamm­hei­mer RAF-Häft­lin­ge Andre­as Baa­der, Gu­drun Ens­s­lin und Jan Carl Ras­pe hat­ten sich dar­auf­hin in ih­ren Zel­len um­ge­bracht.

Es war der so­ge­nann­te Deut­sche Herbst. Be­gon­nen hat­te die Ter­ror­wel­le aber Jah­re zu­vor. Nähr­bo­den war ei­ne ge­sell­schaft­li­che Um­bruch­zeit, die sich zu­nächst in den Stu­den­ten­pro­tes­ten der Jah­re 1967 und 1968 nie­der­schlug. Der Tod des Ber­li­ner Stu­den­ten Ben­no Oh­ne­s­org, der in Berlin bei ei­ner De­mons­tra­ti­on ge­gen den Schah-Be­such von ei­nem Po­li­zis­ten er­schos­sen wor­den war, ra­di­ka­li­sier­te die Be­we­gung. Die Abrech­nung mit der Vä­ter- und Tä­ter­ge­ne­ra­ti­on der Hit­ler-Bar­ba­rei wur­de zum gro­ßen The­ma, der Viet­nam­Krieg war eben­so ei­nes wie die ver­hun­gern­den Kin­der in Biaf­ra. 34 RAF-Mor­de 1970 grün­de­ten Andre­as Baa­der, Gu­drun Ens­s­lin, Horst Mah­ler und Ul­ri­ke Mein­hof die ers­te von drei Ge­ne­ra­tio­nen der RAF nach dem Vor­bild der süd­ame­ri­ka­ni­schen Stadt­gue­ril­la. Bis die Ter­ror­grup­pe 28 Jah­re spä­ter of­fi­zi­ell ih­re Selbst­auf­lö­sung er­klär­te, gin­gen 34 Mor­de, An­schlä­ge mit mehr als 200 Ver­letz­ten so­wie Bank­über­fäl­le und Ent­füh­run­gen auf ihr Kon­to. Ei­ni­ge Ver­bre­chen – bei­spiels­wei­se die Er­mor­dung von Ge­ne­ral­bun­des­an­walt Sieg­fried Bu­back – sind bis heu­te nicht auf­ge­klärt, weil die ver­ur­teil­ten Mör­der ei­sern schwei­gen. Auch die neun Mor­de, wel­che die drit­te RAF-Ge­ne­ra­ti­on bis in die 1990erJah­re ver­üb­te, sind nicht ge­klärt. Die Mehr­zahl der Op­fer wa­ren kei­ne Pro­mi­nen­ten, son­dern ein­fa­che Po­li­zei­be­am­te, Zoll­be­am­te, ein US-Sol­dat, ei­ne un­be­tei­lig­te Pas­san­tin, de­ren Na­men heu­te ver­ges­sen sind. Der Staat re­agier­te un­ter an­de­rem mit hek­ti­scher Ge­setz­ge­bung. Die Ras­ter­fahn­dung wur­de ein­ge­führt, die Straf­pro­zess­ord­nung mehr­fach ver­schärft. Da­mit wur­den die Ver­tei­di­ger der an­ge­klag­ten Ter­ro­ris­ten in ih­ren Rech­ten ein­ge­schränkt. Vie­le gal­ten der Jus­tiz und der Öf­fent­lich­keit als Sym­pa­thi­san­ten ih­rer Man­dan­ten. Au­ßer­dem war es erst­mals mög­lich, ei­ne Ver­hand­lung in Ab­we­sen­heit der An­ge­klag­ten zu füh­ren.

In Ba­denWürt­tem­berg schlu­gen die Ter­ro­ris­ten mehr­mals zu. Nach­dem Mord an Ge­ne­ral­bun­des­an­walt Sieg­fried Bu­back und sei­ner zwei Be­glei­ter am 7. April 1977 wur­den zwei der Tat­ver­däch­ti­gen, Ve­re­na Becker und Gün­ter Son­nen­berg, in Sin­gen ge­stellt. Bei dem Schuss­wech­sel mit der Po­li­zei wur­den Son­nen­berg und ein Be­am­ter le­bens­ge­fähr­lich ver­letzt. Der Ter­ro­rist ist dann im Psych­ia­tri­schen Lan­des­kran­ken­haus (heu­te ZfP) Wei­ßenau bei Ra­vens­burg be­han­delt wor­den und wur­de dort rund um die Uhr be­wacht. Und Hanns Mar­tin Schley­er hat­te noch kurz vor der Ent­füh­rung sei­nen Ur­laub in Meers­burg am Bo­den­see ver­bracht. Es gibt Hin­wei­se, dass die RAF ge­plant hat­te, be­reits dort zu­zu­schla­gen.

FOTO: DPA

Per­fi­de Zur­schau­stel­lung: Hanns Mar­tin Schley­er als Ge­fan­ge­ner der „Ro­te Ar­mee Frak­ti­on“.

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