In der Flücht­lings­kri­se sind die Län­der am Zug

Asyl­ge­setz tritt ei­ne Wo­che frü­her in Kraft – Alt­mai­er rech­net mit 10 000 Ab­schie­bun­gen bis Jah­res­en­de

Schwaebische Zeitung (Messkirch) - - NACHRICHTEN & HINTERGRUND - Von Sa­bi­ne Lenn­artz

BERLIN - Die Ko­ali­ti­on macht Druck zur Be­wäl­ti­gung der Flücht­lings­kri­se. Wäh­rend die Kanz­le­rin am Sonn­tag zum EU-Spit­zen­tref­fen nach Brüs­sel reist, sol­len be­reits ab dem Wo­che­n­en­de ver­stärk­te Ab­schie­bun­gen statt­fin­den. Das neue Asyl­ge­setz tritt am Sams­tag in Kraft.

Es ging sehr viel schnel­ler als ge­wöhn­lich. Schon das Ge­setz selbst wur­de im Eil­ver­fah­ren zwi­schen Bund und Län­dern be­schlos­sen, jetzt wur­de es auch im Prä­si­di­al­amt rasch ge­gen­ge­zeich­net. Ur­sprüng­lich soll­te das Asyl­ge­setz erst zum 1. No­vem­ber im Ge­setz­blatt ste­hen.

Kaum war der neue Ter­min be­kannt, da kün­dig­te Kanz­ler­amts­mi­nis­ter Pe­ter Alt­mai­er, Flücht­lings­ko­or­di­na­tor der Bun­des­re­gie­rung, am Frei­tag schon mehr Ab­schie­bun­gen an. „Wir wer­den die Zahl der al­ten Fäl­le jetzt schnell be­ar­bei­ten“, sag­te er. „Wir sind im en­gen Ge­spräch mit den Kom­mu­nen.“Alt­mai­er rech­net mit „ei­ni­gen Zehn­tau­send“Ab­schie­bun­gen noch in die­sem Jahr. Da­mit schaf­fe man Platz für die, die un­ter­ge­bracht wer­den müs­sen. Vie­le si­mu­lie­ren Krank­heit Für die Ab­schie­bun­gen zu­stän­dig sind die Län­der, In­nen­mi­nis­ter Tho­mas de Mai­ziè­re hat aber an­ge­kün­digt, sie bei Be­darf mit Char­ter­ma­schi­nen zu un­ter­stüt­zen. Al­ler­dings weiß man auch in Berlin, dass Rück­füh­run­gen nicht im­mer leicht sind. „Vie­le si­mu­lie­ren ei­ne Krank­heit, da­mit sie nicht ab­ge­scho­ben wer­den, sind aber gar nicht krank“, sag­te am Frei­tag de Mai­ziè­re. Neu ist, dass die Be­trof­fe­nen vor ih­rer Ab­schie­bung nicht mehr in­for­miert wer­den.

„Die Ab­sicht, ab so­fort Mas­sen­ab­schie­bun­gen um­zu­set­zen, ist Was­ser auf die Müh­len von Pegida und an­de­ren Neo­na­zis“, be­fürch­tet die in­nen­po­li­ti­sche Spre­che­rin der Frak­ti­on die Lin­ke, Ul­la Jelp­ke. Sie meint, wenn die Bun­des­re­gie­rung jetzt an­kün­di­ge, die ab­ge­lehn­ten Asyl­be­wer­ber mög­lichst schnell in ih­re Her­kunfts­län­der zu­rück­zu­schi­cken, „wer­den die Ras­sis­ten das als Er­folgs­er­leb­nis ver­bu­chen nach dem Mot­to: Wenn Na­zis zün­deln, schiebt der Staat ab. “

Ne­ben der Be­schleu­ni­gung von Ab­schie­bun­gen um­fasst das Ge­set­zes­pa­ket auch Ver­schär­fun­gen. Asyl­be­wer­ber sol­len in Zu­kunft Sach­leis­tun­gen statt Geld be­kom­men, um den Ein­druck zu ver­mei­den, in Deutsch­land ge­be es Geld ge­schenkt. Al­le EU-Staa­ten sol­len mit­ma­chen Bei den zwi­schen Uni­on und SPD um­strit­te­nen Tran­sit­zo­nen könn­te es ei­ne An­nä­he­rung ge­ben. CSUChef Horst See­ho­fer be­grüß­te be­reits die Ei­ni­gung in der Gro­ßen Ko­ali­ti­on. Jus­tiz­mi­nis­ter Maas will je­doch da­von nichts wis­sen. Die SPD hat­te sich ge­gen Tran­sit­zo­nen ge­wandt. Sie hält sol­che Mas­sen­la­ger im Nie­mands­land für un­prak­ti­ka­bel. Die Uni­on ver­spricht sich da­ge­gen ei­ne schnel­le­re Ab­schie­bung von Flücht­lin­gen oh­ne Blei­be­per­spek­ti­ve, wenn die­se bis zur Ent­schei­dung in den Tran­sit­zo­nen blie­ben.

Auf dem Gip­fel in Brüs­sel will die Bun­des­re­gie­rung mit Un­garn, Kroa­ti­en und an­de­ren Staa­ten an der Bal­kan-Rou­te re­den, die die Auf­nah­me von Flücht­lin­gen ver­wei­gern und sie zum Zi­el­land Deutsch­land durch­schleu­sen. Ers­te Er­fol­ge sieht Kanz­ler­amts­mi­nis­ter Alt­mai­er dar­in, dass 160 000 Flücht­lin­ge nicht nach Deutsch­land kom­men, son­dern un­ter den EU-Staa­ten auf­ge­teilt wer­den sol­len. Al­ler­dings gibt es da­für bis­lang kei­ne kon­kre­ten Zu­sa­gen.

Axel Schä­fer, stell­ver­tre­ten­der SPD-Frak­ti­ons­vor­sit­zen­der, fin­det es skan­da­lös, dass der Fonds zur Be­kämp­fung der Flucht­ur­sa­chen noch fast leer ist. Und dass bei der an­ge­streb­ten Um­ver­tei­lung von Flücht­lin­gen noch nicht ein­mal 160 Men­schen ver­schickt wor­den sei­en. Berlin will am mor­gi­gen Sonn­tag auf ein ge­mein­sa­mes eu­ro­päi­sches Vor­ge­hen drän­gen. "Eu­ro­pa muss da­für sor­gen, dass der Zustrom ge­ord­net wird", so Pe­ter Alt­mai­er.

Der Flücht­lings­ko­or­di­na­tor Pe­ter Alt­mai­er (CDU) will Asyl­be­wer­ber schnel­ler ab­schie­ben, um Platz in den Un­ter­künf­ten zu schaf­fen.

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