Frau­en­du­ell um die Macht

Wahl­kampf-End­spurt in Po­len: Bea­ta Szydlo for­dert Re­gie­rungs­che­fin Ewa Ko­pacz her­aus

Schwaebische Zeitung (Messkirch) - - NACHRICHTEN & HINTERGRUND - Von Eva Krafczyk

WAR­SCHAU (dpa) - Die künf­ti­ge Zu­sam­men­set­zung des pol­ni­schen Par­la­ments ist un­klar, nur ei­nes steht vor den Wah­len am Sonn­tag jetzt schon fest: An der Spit­ze der Re­gie­rung wird wie­der ei­ne Frau ste­hen. Im ka­tho­lisch ge­präg­ten Po­len, wo noch vor Jah­ren vie­le die Rol­le der Frau als tra­di­tio­nel­le Hü­te­rin von Heim und Fa­mi­lie sa­hen, gibt es gleich drei Spit­zen­kan­di­da­tin­nen.

Die pol­ni­sche Re­gie­rungs­che­fin Ewa Ko­pacz er­schien im dun­kel­blau­en Ko­s­tüm, ih­re na­tio­nal­kon­ser­va­ti­ve Her­aus­for­de­rin Bea­ta Szydlo im dun­kel­blau­en Ho­sen­an­zug. Mit der Farbaus­wahl en­de­te die Ge­mein­sam­keit der bei­den Po­li­ti­ke­rin­nen bei der De­bat­te aber auch schon. Ei­ne der bei­den dürf­te die künf­ti­ge Re­gie­rung füh­ren. Und auch die Links­al­li­anz Ver­ei­nig­te Lin­ke schickt mit der Fe­mi­nis­tin Bar­ba­ra No­wa­cka ei­ne Frau ins Ren­nen. Umfragen se­hen Szydlo vorn Die Pro­gno­sen der Mei­nungs­for­scher wei­chen stark von­ein­an­der ab. So sa­gen vier in die­ser Wo­che ver­öf­fent­lich­te Umfragen der PiS Er­geb­nis­se zwi­schen 32,5 Pro­zent und 40,5 Pro­zent vor­aus, der PO hin­ge­gen zwi­schen 22,1 und 28,4 Pro­zent. Der Wahl­kampf-End­spurt vor den Fern­seh­zu­schau­ern ge­riet al­ler­dings auf­fäl­lig blass. So­wohl die li­be­ral-kon­ser­va­ti­ve Ko­pacz, die auch als Par­tei­che­fin an der Spit­ze der re­gie­ren­den Bür­ger­platt­form (PO) steht, als auch Szydlo von der Par­tei „Recht und Ge­rech­tig­keit“(PiS) wie­der­hol­ten be­kann­te Par­teislo­gans. Wäh­rend Ko­pacz mit ei­nem ver­ein­fach­ten Steu­er­sys­tem und ei­nem Min­dest­lohn von zwölf Zlo­ty (et­wa drei Eu­ro) in der St­un­de Wirt­schaft und Wohl­stand stär­ken will, griff Szydlo das von der Re­gie­rung her­auf­ge­setz­te Ren­ten­al­ter an und klag­te, man­geln­de Per­spek­ti­ven trie­ben die jun­gen Po­len in die Emi­gra­ti­on.

Ko­pacz ver­such­te, Ängs­te vor ei­ner PiS-Re­gie­rung zu schü­ren, er­in­ner­te dar­an, wie die Hal­tung der letz­ten PiS-Re­gie­rung von 2005 bis 2007 das Land in­ner­halb der EU zu­neh­mend iso­liert hat­te. „Es droht ei­ne Mar­gi­na­li­sie­rung Po­lens“, warn­te sie. Zu­dem sei nach wie vor un­klar, wie die PiS die ver­spro­che­nen so­zia­len Pro­jek­te wie mehr Geld für Fa­mi­li­en und Rent­ner fi­nan­zie­ren wol­le.

Auch die Flücht­lings­kri­se in Eu­ro­pa spielt im Wahl­kampf ei­ne Rol­le. Die PiS warnt vor Über­frem­dung und Ter­ror­ge­fahr, be­tont die „Fremd­heit“is­la­mi­scher Flücht­lin­ge und wirft der Re­gie­rung vor, mit der Zu­sa­ge, mehr als 2000 Flücht­lin­ge in In Po­len weckt kaum ein an­de­rer Po­li­ti­ker so hef­ti­ge Emo­tio­nen bei An­hän­gern und Geg­nern wie der erz­kon­ser­va­ti­ve Op­po­si­ti­ons­chef Ja­roslaw Kac­zyn­ski von der EUskep­ti­schen Par­tei Recht und Ge­rech­tig­keit (PiS). Zur Par­la­ments­wahl tritt er nicht selbst an. Statt­des­sen schickt er die als „Stroh­frau“an­ge­se­he­ne Bea­ta Szydlo ins Ren­nen. Be­reits im Mai hat­te der Strip­pen­zie­her Kac­zyn­ski ei­nen Coup ge­lan­det, als sein Par­tei­freund An­drzej Du­da die Prä­si­dent­schafts­stich­wahl ge­wann. den kom­men­den zwei Jah­ren auf­zu­neh­men, dem Brüs­se­ler Druck nach­ge­ge­ben zu ha­ben. Die PO-Re­gie­rung wie­der­um hat lan­ge ge­zö­gert, Flücht­lin­ge in grö­ße­rer Zahl auf­zu­neh­men und lehnt wei­ter­hin ver­bind­li­che Quo­ten ab. Der 66-jäh­ri­ge Kac­zyn­ski hat selbst Re­gie­rungs­er­fah­rung. Im Ju­li 2006 ver­ei­dig­te ihn sein spä­ter bei ei­nem Flug­zeug­ab­sturz in Russ­land ums Le­ben ge­kom­me­ner Zwil­lings­bru­der Lech als Re­gie­rungs­chef. Doch sein Mi­nis­ter­prä­si­den­ten­amt ver­lor Ja­roslaw Kac­zyn­ski schon we­ni­ge Mo­na­te spä­ter – bei der vor­ge­zo­ge­nen Par­la­ments­wahl im Ok­to­ber 2007. Der Po­li­to­lo­ge Mi­ko­laj Czes­nik sag­te ein­mal, Kac­zyn­ski kön­ne la­ten­te Ängs­te we­cken, an­ti-eu­ro­päi­sche Ge­füh­le und So­zi­al­neid. (dpa)

Acht Mil­lio­nen Fern­seh­zu­schau­er ver­folg­ten die De­bat­te, die Ein­schalt­quo­te be­trug 46 Pro­zent. Ers­te Mei­nungs­um­fra­gen der pol­ni­schen Nach­rich­tenpor­ta­le sa­hen Szydlo im Vor­teil: Sie ha­be sou­ve­rä­ner ge­wirkt als die Re­gie­rungs­che­fin, die ge­le­gent­lich Ner­vo­si­tät zeig­te und mit der ihr zu­ge­teil­ten Re­de­zeit sel­ten aus­kam. Szydlo da­ge­gen wirk­te, als ha­be sie ih­re Sät­ze mit der Stopp­uhr mi­nu­ten­ge­nau vor­be­rei­tet. An Spon­ta­ni­tät ließ sie es da­bei aber feh­len.

Punk­te sam­mel­te Szydlo auch nach der ei­gent­li­chen De­bat­te: Wäh­rend Ko­pacz hin­ter den Ku­lis­sen des Fern­seh­stu­di­os In­ter­views gab, war­te­te drau­ßen auf Szydlo ei­ne Grup­pe ju­beln­der und fah­nen­schwen­ken­der PiS-An­hän­ger – und Szydlo nutz­te die Ge­le­gen­heit zu ei­nem Auf­tritt, der feu­ri­ger war als die vor­an­ge­gan­ge­ne De­bat­te und live im öf­fent­lich­recht­li­chen Fern­se­hen über­tra­gen wur­de. Sie­ges­ge­wiss spreiz­te sie die Fin­ger zum Vic­to­ry-Zei­chen und rief: „Wir schaf­fen das!“

FOTO: DPA

Her­aus­for­de­rin Bea­ta Szydlo (li.) und Re­gie­rungs­che­fin Ewa Ko­pacz in Po­len.

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