Aus der gel­ben Ton­ne wird die Wert­stoff­ton­ne

Neu­es „Wert­stoff­ge­setz“soll Re­cy­cling­quo­te deut­lich er­hö­hen – Kom­mu­na­le Un­ter­neh­men re­agie­ren em­pört

Schwaebische Zeitung (Messkirch) - - WIRTSCHAFT - Von Han­na Gers­mann

BERLIN - Es rum­pelt, knackt ein we­nig. Und dann ist die Plas­tik­fla­sche im Au­to­ma­ten ver­schwun­den: Ein­weg – und weg. Mi­ne­ral­was­ser in Weg­werf­fla­schen. Li­mo ge­nau­so. Dis­coun­ter wie Al­di und Lidl bie­ten gar nichts an­de­res an. Stirbt die um­welt­freund­li­che Mehr­weg­fla­sche aus?

Bun­des­um­welt­mi­nis­te­rin Bar­ba­ra Hend­ricks (SPD) will nun da­ge­gen an­ge­hen: An La­den­re­ga­len soll es Hin­weis­schil­der ge­ben: „Mehr­weg“und „Ein­weg“. Da­mit je­der so­fort weiß, was er in den Ein­kaufs­wa­gen packt. Es ist ein Punkt in dem von ihr nun vor­ge­stell­ten Ent­wurf für ein neu­es „Wert­stoff­ge­setz“.

Hin­ter dem Na­men des Ge­set­zes ver­birgt sich vor al­lem ei­ne neue Müll­tren­nung: Ei­ne Wert­stoff­ton­ne oder ein Wert­stoffsack soll die gel­be Ton­ne er­set­zen. Ge­hör­ten in die gel­be Ton­ne bis­her nur Ver­pa­ckun­gen, dür­fen die Bür­ger in die Nach­fol­geTon­nen auch noch die­ses stop­fen: Rühr­schüs­seln und al­les an­de­re aus Plas­tik oder zer­kratz­te Töp­fe und Me­tal­le je­der Art. Vor­aus­ge­setzt, die Tei­le wie­gen nicht mehr als fünf Ki­lo. Elek­tro­ge­rä­te, Tex­ti­li­en und Schu­he ha­ben in der Wert­stoff­ton­ne nichts zu su­chen.

Die­se Wert­stoff­ton­nen oder -sä­cke gibt es man­cher­orts schon. Nun soll aber erst­mals ein bun­des­wei­tes Ge­setz re­geln, was ge­nau hin­ein­ge­hört. Ei­gent­lich woll­ten das schon Hend­ricks Vor­gän­ger – Sig­mar Ga­b­ri­el (SPD), Nor­bert Rött­gen und Pe­ter Alt­mai­er (bei­de CDU) – er­le­digt ha­ben. Doch die Sa­che ist po­li­tisch hei­kel. Die Kom­mu­nen und die Wirt­schaft strei­ten sich um die Ho­heit über die Ton­ne. Re­cy­cling­be­trie­be ho­len dar­aus Kunst­stof­fe, Me­tal­le und an­de­res. Da­mit las­sen sich teils noch Ge­schäf­te ma­chen.

Im Grun­de hat Hend­ricks Gu­tes im Sinn. Es soll we­ni­ger Müll ge­ben, mehr re­cy­celt und die Um­welt ge­schont wer­den. Ge­nau­er: 72 Pro­zent der Kun­stoff­ab­fäl­le, die bei den Bür­gern an­fal­len, wer­den künf­tig auf­be­rei­tet und wie­der als Roh­stoff ver­wen­det. Da­für soll das Gel­be-Ton­neSys­tem, das be­reits in den 1990erJah­ren ent­stan­den ist, er­neu­ert wer­den. Es hat ei­ne Re­pa­ra­tur nö­tig. Es lief nicht rund Die Ent­sor­gung der gel­ben Ton­nen für Ver­pa­ckungs­müll or­ga­ni­sie­ren neun pri­va­te Fir­men, die Dua­len Sys­te­me. Da­für sol­len In­dus­trie und Han­del zah­len. Doch tricks­ten sich schon mal Su­per­märk­te, Dro­ge­rie­ket­ten und Tank­stel­len aus dem Sys­tem raus. Es lief nicht rund. Zu­gleich kann längst mehr re­cy­celt wer­den als einst mal vor­ge­ge­ben. Die Tech­nik hat sich ver­bes­sert, jetzt soll, so ver­spricht die Mi­nis­te­rin, al­les „ef­fi­zi­en­ter“und „ein­fa­cher“wer­den.

Al­ler­dings se­hen das nicht al­le so. Hend­ricks will die Wert­stoff­ton­ne – das Sam­meln, Sor­tie­ren, Ver­wer­ten – den Dua­len Sys­te­men über­las­sen. Trä­ger sind wie­der In­dus­trie und Han­del. Ei­ne neue von der Wirt­schaft fi­nan­zier­te „zen­tra­le Stel­le“soll si­cher­stel­len, dass al­les mit rech­ten Din­gen zu­geht. Die „be­ste­hen­de Pro­dukt­ver­ant­wor­tung“der Wirt­schaft wer­de „er­wei­tert“, er­klä­ren Hend­ricks Leu­te.

Ein Schlupf­loch fällt so­fort auf: Her­stel­ler ma­chen ih­re Pro­duk­te ex­tra schwer, da sie nur bis fünf Ki­lo in der Pflicht ste­hen. Und Tho­mas Fi­scher, Ab­fall­ex­per­te der Deut­schen Um­welt­hil­fe, mo­niert, dass es zum Bei­spiel kei­ne „kla­ren Re­geln für Re­cy­cling­qua­li­tät“ge­be, „um­fas­sen­de Kon­trol­len“fehl­ten, „Sam­mel­quo­ten zu nied­rig“sei­en, Hend­ricks al­so das „öko­lo­gi­sche Po­ten­zi­al nicht“he­be.

Der Ver­band Kom­mu­na­ler Un­ter­neh­men, des­sen Ge­schäfts­füh­re­rin die CDU-Po­li­ti­ke­rin Kat­ha­ri­na Rei­che ist, schreibt in ei­nem Po­si­ti­ons­pa­pier: „Ein fai­rer In­ter­es­sen­aus­gleich zwi­schen Pri­vat­wirt­schaft und kom­mu­na­ler Ent­sor­gungs­wirt­schaft“ sei das nicht. Die Wer­stof­fent­sor­gung wer­de „voll­stän­dig“pri­va­ti­siert. Auch der Deut­sche Städ­te­und Ge­mein­de­bund zeig­te sich „ent­täuscht“.

Kom­mu­nen kön­nen den Dua­len Sys­te­men, so ist es bis­her vor­ge­se­hen, nur Vor­ga­ben ma­chen, wie oft die Wer­stoff­ton­ne ge­leert wird, und ob es ei­ne Ton­ne oder ein Sack sein soll. An­sons­ten dür­fen sie sich wie bis­her nur um die graue Rest­müll­ton­ne küm­mern. Das Ka­bi­nett wird sich im nächs­ten Jahr mit dem Ge­setz be­schäf­ti­gen, das Bun­des­um­welt­mi­nis­te­ri­um er­ar­bei­tet nun erst­mal ei­nen Re­fe­ren­ten­ent­wurf. Wer das Mehr­weg­sys­tem schon jetzt stüt­zen will, muß ge­nau auf die Fla­sche gu­cken.

Mehr­weg gibt es so­wohl aus Glas als auch aus Plas­tik. Manch­mal steht das Wort Mehr­weg drauf. Manch­mal ist das Um­welt­zei­chen „Blau­er En­gel – Mehr­weg“ab­ge­druckt. In der Re­gel ist das Pfand nied­ri­ger als für Ein­weg: acht oder 15 Cent statt 25.

FOTO: DPA

Um­welt­mi­nis­te­rin Bar­ba­ra Hend­ricks will mit dem Wert­stoff­ge­setz das Dua­le Sys­tem re­for­mie­ren.

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