„Ge­set­ze sind dar­auf an­ge­legt, Men­schen auf­grund des Aus­se­hens zu ver­däch­ti­gen“

Men­schen­recht­ler hält Tei­le der Re­geln für Po­li­zei­ar­beit für ver­fas­sungs­wid­rig

Schwaebische Zeitung (Messkirch) - - JOURNAL -

RA­VENS­BURG - Die Bun­des­po­li­zei darf Rei­sen­de auch na­he der Gren­zen zu EU-Nach­bar­staa­ten nicht oh­ne kon­kre­ten Ver­dacht kon­trol­lie­ren. Das hat am Frei­tag das Ver­wal­tungs­ge­richt Stuttgart ent­schie­den. Es gab da­mit in Tei­len ei­nem Deutsch-Af­gha­nen recht. er war in ei­nem ICE bei Ba­den-Ba­den kon­trol­liert wor­den – als Ein­zi­ger in ei­nem Ab­teil mit acht Pas­sa­gie­ren. Sei­ner An­sicht nach hat­ten ihn die Be­am­ten we­gen sei­nes Aus­se­hens kon­trol­liert. Er fühl­te sich da­her dis­kri­mi­niert. Die Stutt­gar­ter Rich­ter gin­gen in ih­rem Ur­teils­spruch am Frei­tag aber nicht auf die­se Fra­ge ein. Men­schen­rechts­ex­per­ten wie Hen­drik Cre­mer (44) drän­gen seit Jah­ren dar­auf, Ge­set­ze zur Po­li­zei­ar­beit zu än­dern, um Kon­trol­len nur auf­grund des Aus­se­hens zu ver­hin­dern. Im Ge­spräch mit Kat­ja Korf er­klärt der Ju­rist, was er von dem Stutt­gar­ter Ur­teil hält. Wel­che Fol­gen könn­te das Stut­ta­grter Ur­teil ha­ben? Ich ge­he nicht da­von aus, dass die Bun­des­po­li­zei jetzt un­mit­tel­bar ih­re Kon­trol­len ein­stellt. Es wird sich zei­gen, ob Bun­des­po­li­zei und Bun­des­re­gie­rung Kon­se­quen­zen zie­hen. Ich ver­mu­te, dass die Po­li­zei hier Be­ru­fung ein­le­gen wird. Die Bun­des­re­gie­rung ar­gu­men­tiert, die Kon­trol­len sei­en not­wen­dig, um ge­gen il­le­ga­le Ein­wan­de­rung vor­zu­ge­hen. Was hal­ten Sie von die­ser Ar­gu­men­ta­ti­on? Das hat das Ver­wal­tungs­ge­richt Stuttgart ja am Frei­tag klar her­aus­ge­stellt. Die­se Kon­trol­len wi­der­spre­chen ei­ner der Grund­ide­en der Eu­ro­päi­schen Uni­on, dem Schen­genRaum. Die­se Idee be­sagt ja, dass es in­ner­halb Eu­ro­pas kei­ne Grenz­kon­trol­len mehr ge­ben darf, son­dern nur noch an den Au­ßen­gren­zen. Die Stutt­gar­ter Rich­ter ha­ben sich in ih­rem Ur­teil nicht mit der Fra­ge aus­ein­an­der­ge­setzt, ob der Klä­ger auf­grund sei­nes Aus­se­hens kon­trol­liert wur­de. Was hal­ten Sie da­von? Ich möch­te nicht die ein­zel­nen Ent­schei­dun­gen von Ge­rich­ten be­wer­ten. Beim Blick auf al­le ab­ge­schlos­se­nen und lau­fen­den Ver­fah­ren kann man aber fest­stel­len: Die Rich­ter klam­mern die Fra­ge, ob Kon­trol­len ras­sis­tisch wa­ren, oft aus. Wie auch jetzt in Stuttgart ent­schei­den sie die­se Fra­ge nicht, son­dern be­schäf­ti­gen sich et­wa mit der Ver­ein­bar­keit mit dem EU-Recht. Den Ge­rich­ten fällt es schein­bar schwer, die Pra­xis der Po­li­zei, Kon­trol­len wie die im Stutt­gar­ter Fall, als Ver­stoß ge­gen das grund- und men­schen­recht­li­che Ver­bot ras­sis­ti­scher Dis­kri­mi­nie­rung Die Stutt­gar­ter Rich­ter stüt­zen sich bei ih­rer Ent­schei­dung vom Frei­tag auf ein Ur­teil des Eu­ro­päi­schen Ge­richts­hof von 2010. Dar­in hat­ten die Rich­ter ein fran­zö­si­sches Ge­setz über­prüft, das dem deut­schen Bun­des­po­li­zei­ge­setz äh­nelt. Das Ur­teil aus Lu­xem­burg: Kon­trol­len in EU-Mit­glieds­staa­ten dür­fen nicht wie Grenz­kon­trol­len wir­ken – die­se zu be­wer­ten. Oft wird eben die­ser Vor­wurf in der Kla­ge er­ho­ben, in der Ent­schei­dung set­zen sich die Rich­ter aber nicht mit die­ser Fra­ge aus­ein­an­der. War­um? Das ist ei­ne Fra­ge, die nur die Ge­rich­te be­ant­wor­ten kön­nen. Was müss­te aus Ih­rer Sicht nun ge­sche­hen? Wir hal­ten meh­re­re Pas­sa­gen im Bun­des­po­li­zei­ge­setz seit Lan­gem für pro­ble­ma­tisch. Sie sind dar­auf an­ge­legt, Men­schen auf­grund äu­ße­rer Merk­ma­le zu ver­däch­ti­gen und zu über­prü­fen. Das wi­der­spricht dem Grund­ge­setz. Der ge­setz­li­che Auf­trag an die Po­li­zei lau­tet: Sie sol­len oh­ne An­lass nach Per­so­nen Aus­schau hal­ten. Der Zweck: So soll kon­trol­liert wer­den, ob sich Men­schen il­le­gal in Deutsch­land auf­hal­ten. Die­se Re­gel sug­ge­riert: Man kann an­hand äu­ße­rer Merk­ma­le er­ken­nen, ob je­mand oh­ne gül­ti­ge Pa­pie­re im Land ist. Wenn die Po­li­zei so vor­geht, führt das au­to­ma­tisch zu ei­ner ras­sis­ti­schen Pra­xis. Des­we­gen se­hen wir hier vor al­lem den Ge­setz­ge­ber in der Pflicht, die Re­geln zu än­dern. sind nach EU-Recht im Schen­genRaum nur an Au­ßen­gren­zen Eu­ro­pas zu­läs­sig. Doch die Bun­des­po­li­zei kon­trol­liert wei­ter­hin oh­ne kon­kre­ten Ver­dacht Per­so­nen, die sich in Grenz­ge­bie­ten be­we­gen. Zu­läs­sig sind da­ge­gen laut EURecht vor­über­ge­hen­de Kon­trol­len di­rekt an den Staats­gren­zen – so­wie der­zeit an­ge­sichts der an­kom­men­den Flücht­lin­ge. (tja)

Hen­drik Cre­mer

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