Pferd­chen lauf Ga­lopp!

Frank Cas­torf gibt sein Stutt­gar­ter Re­gie­de­büt mit der Dra­ma­ti­sie­rung von Pla­to­nows Ro­man „Tsche­wen­gur“

Schwaebische Zeitung (Messkirch) - - KULTUR - Von Jür­gen Ber­ger

STUTTGART - Ist schon ei­ne gran­dio­se Büh­ne, die Aleksan­dar De­nic da für Frank Cas­torf ge­baut hat. Ei­ne rie­si­ge nach­ge­bau­te Lo­ko­mo­ti­ve aus der Früh­zeit der UdSSR thront auf­ge­bockt über ei­ner ver­schach­tel­ten Wohn­land­schaft. So schafft man ein Büh­nenen­sem­ble, das ein ge­sell­schaft­li­ches Ge­fü­ge ab­bil­den kann. Auf ei­ner Sei­te des sich dre­hen­den Raums gibt es ei­nen dre­cki­gen Hüh­ner­stall, der für Men­schen be­stimmt ist. Hier wohnt man, weil man nichts an­de­res hat. Auf der an­de­ren Sei­te lockt ein Eta­blis­se­ment mit ei­ner knall­ro­ten Leucht­schrift in ky­ril­li­schen Let­tern. Könn­te ein ver­kom­me­nes Bor­dell sein, ist aber ein „Club der Ar­bei­ter­klas­se”. Das schwe­re Le­ben der ein­fa­chen Men­schen Das ist die Büh­ne der fast sechs­stün­di­gen Stutt­gar­ter Dra­ma­ti­sie­rung von „Tsche­wen­gur. Die Wan­de­rung mit of­fe­nem Her­zen“. And­rei Pla­to­now ging es um die so­zi­aluto­pi­schen bis an­ar­chis­ti­schen Stim­mungs­la­gen im nach­re­vo­lu­tio­nä­ren Russ­land. Man meint, er sei mit am Tisch ge­ses­sen, als Sta­lin und Ge­nos­sen mit Zwangs­kol­lek­ti­vie­run­gen und Po­gro­men die so­zia­lis­ti­sche UdSSR form­ten. Schon mit dem Un­ter­ti­tel „Die Wan­de­rung mit of­fe­nem Her­zen“si­gna­li­sier­te Pla­to­now aber, dass ihm vor al­lem die wi­der­sprüch­li­che Le­bens­wirk­lich­keit in den wei­ten Ebe­nen der ent­ste­hen­den So­wjet­macht am Her­zen lag: das Elend, die Not und den Hun­ger der ein­fa­chen Men­schen auf dem Lan­de.

Ge­schrie­ben ist das mit gro­ßer Lie­be für je­de der Fi­gu­ren, die aus al­len Win­keln der Step­pe zu krie­chen schei­nen. Be­liebt hat Pla­to­now sich mit sei­ner Sicht der Din­ge nicht ge­macht. Die so­wje­ti­sche Kul­turin­qui­si­ti­on grenz­te ihn aus. Ge­stor­ben ist er 1951, zwei Jah­re vor Sta­lin. Cas­torf nun springt in der Er­zähl­struk­tur des Ro­mans und lässt die Stutt­gar­ter Schau­spie­le­rin­nen und Schau­spie­ler so schrill über­steu­ert agie­ren, wie man das von ihm ge­wohnt ist. Für die Schwa­ben ist das in­so­fern okay, als sie in ih­rer Haupt­stadt nun end­lich auch Ber­li­ner Hys­te­ri­en be­stau­nen kön­nen. Vor al­lem aber dehnt Cas­torf sei­ne Kunst der pro­vo­zie­ren­den Zu­schau­er­er­mü­dung in Rich­tung der Sech­stun­den­mar­ke. Min­des­tens ei­ne da­von ist völ­lig über­flüs­sig, geht es ge­gen En­de doch nur noch um läh­men­de Vi­deo­ein­spie­lun­gen und Be­bil­de­run­gen von Text­stel­len.

Be­vor der neue Cas­torf-Abend gänz­lich zer­fa­sert, ist man aber doch im­mer wie­der ganz nah an ei­nem Ro­man, den man we­gen sei­ner ly­ri­schen Sprach­macht ge­le­sen ha­ben soll­te und der nicht sel­ten wirkt, als wür­den heu­ti­ge Pro­blem­la­gen kom­men­tiert. Auch die Stutt­gar­ter Dra­ma­ti­sie­rung des Ro­mans ak­zen­tu­iert die Macht so­zi­aluto­pi­scher Ide­en­ge­bäu­de, die dem Wohl des Vol­kes die­nen sol­len, tat­säch­lich aber nur Dik­ta­tu­ren in­thro­ni­sie­ren und mas­sen­haf­te Ar­mut zur Fol­ge ha­ben. Das ist auch heu­te der Grund für ei­ni­ge der Flücht­lings­strö­me aus Bür­ger­kriegs­län­dern. Wie das mit der Ar­mut ist, führt Cas­torf gleich zu Be­ginn vor. Wir sind in der Fa­mi­lie von Ma­wra. Sie hat sieb­zehn Schwan­ger­schaf­ten hin­ter sich, nicht al­le Kin­der über­leb­ten. Da han­gelt sich As­trid Mey­er­feldt dau­er­schwan­ger von ei­ner Ge­burt zur nächs­ten und ent­sorgt ein to­tes Ba­by schon mal im Müll. Ist nicht wirk­lich ro­man­tisch, wenn du nichts zu Es­sen hast.

Dann kommt das Wai­sen­kind Sa­scha da­zu, der heim­li­che Held des Ro­mans, und Jo­hann Jür­gens darf ein schüch­tern lin­ki­scher Jun­ge sein. Spä­ter wird er vom Zieh­va­ter zum Bet­teln los­ge­schickt, vor­erst zeigt er aber, wel­cher Künst­ler in die­sem Aschen­put­tel steckt. Bei Pla­to­now könn­te aus dem spä­te­ren Chef­pla­ner des So­zia­lis­mus ein Schrift­stel­ler wer­den, in Stuttgart spielt er Cel­lo. Krass da­ge­gen ge­setzt ist der leib­li­che Sohn der Fa­mi­lie und spä­te­re Hard­li­ner in der so­zia­lis­ti­schen No­men­kla­tu­ra des fik­ti­ven Step­pen­städt­chens Tsche­wen­gur. Mat­ti Krau­se ist als Prosch­ka ein schril­ler Em­por­kömm­ling und der auf­fäl­ligs­te Schau­spie­ler an ei­nem Abend, der im­mer wie­der mit schö­nen Ide­en über­rascht.

An der Sei­te von Sa­scha zum Bei­spiel ist der Rot­ar­mist Kop­jon­kin un­ter­wegs, der sein mäch­ti­ges Pferd „Pro­le­ta­ri­sche Kraft“nennt und für die von den Ka­pi­ta­lis­ten im Wes­ten so schänd­lich er­mor­de­te Ro­sa Lu­xem­burg schwärmt. Pla­to­nows Re­vo­lu­ti­ons­pferd spart Cas­torf sich bis zur Pau­se auf. Es dau­ert al­so mehr als zwei St­un­den, bis Han­na Plaß wie ei­ne Pri­ma­bal­le­ri­na im Tu­tu tän­zeln und ent­hemmt wie­hern darf. Wir no­tie­ren: Mit der­art zar­ten Reit­pferd­chen ist nun mal kein so­zia­lis­ti­scher Staat zu ma­chen, da­mals nicht und heu­te auch nicht. Nächs­te Auf­füh­run­gen am 29.10., 7.11., 22.11., 13.12. www.staats­thea­ter-stuttgart.de Kar­ten­te­le­fon: (0711) 20 20 90

FOTO: THO­MAS AU­RIN

Frank Cas­torf hat sich den Nach­bau ei­ner al­ten UdSSR-Lo­ko­mo­ti­ve auf die Stutt­gar­ter Büh­ne wuch­ten las­sen. Die Schau­spie­le­rin­nen As­trid Mey­er­feldt (rechts) und Han­na Plaß wir­ken da­ne­ben ganz klein.

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.