Die Hand Got­tes – Braucht der Fuß­ball den Vi­deo­be­weis?

Schwaebische Zeitung (Messkirch) - - MENSCHEN -

Wenn man mich ganz schnell auf die Pal­me brin­gen will, muss man mir nur mit sol­chen Ar­gu­men­ten kom­men: „Der Fuß­ball braucht Fehl­ent­schei­dun­gen, da­mit man was zu dis­ku­tie­ren hat.“Ach, ja! Was für ein arm­se­li­ger Sport muss das sein? Nächs­tes Reiz­wort: Wem­bley. An­geb­lich wird noch im­mer lei­den­schaft­lich dar­über dis­ku­tiert, ob der Ball von Ge­off Hurst zum 3:2 wirk­lich im Tor war. Ei­ne Le­gen­de. Wen in­ter­es­siert die­se ol­le Ka­mel­le, wenn der Nach­schub an ak­tu­el­len, ha­ne­bü­che­nen Fehl­ent­schei­dun­gen nie ab­reißt. 1966 war das Fern­se­hen noch nicht so weit, dass es zur Auf­klä­rung hät­te bei­tra­gen kön­nen. Das ist heu­te an­ders. Es will mir nicht im min­des­ten ein­leuch­ten, was reiz­voll dar­an sein soll, wenn Mil­lio­nen aus meh­re­ren Per­spek­ti­ven ge­se­hen ha­ben, dass der Ball durchs Au­ßen­netz ging oder mit der Hand ins Tor be­för­dert wur­de, der al­lein be­dau­erns­wert ah­nungs­lo­se Schieds­rich­ter aber auf Tor er­kennt, ob­wohl ihm so­fort ein auf­klä­ren­des Vi­deo prä­sen­tiert wer­den könn­te. Das wä­re „Fair­play“, je­ner hö­he­re Ge­dan­ke vom Spiel, den die Fi­fa mit ge­hö­ri­gem fi­nan­zi­el­len Auf­wand so pha­ri­sä­er­haft pro­pa­giert. End­lich ei­ne Art Ober­schieds­rich­ter vor den Bild­schirm zu set­zen, um die gröbs­ten Bö­cke zu ver­hin­dern, das wä­re Fair­play – Spie­lern, Ver­ei­nen und Zu­schau­ern ge­gen­über. Aber die Herr­schaf­ten in Blat­ters Kor­rup­ti­ons­sta­del ha­ben na­tür­lich an­de­re Sor­gen.

Von Bernd Hüt­ten­ho­fer

b.hu­et­ten­ho­fer@schwa­ebi­sche.de

Ich be­ken­ne mich schul­dig: Auch ich ha­be schon auf der Tri­bü­ne mei­nes Lieb­lings­fuß­ball­ver­eins ge­stan­den und mit hoch­ro­tem Kopf in das harm­lo­se Lied­chen „Schi­ri, wir wis­sen, wo dein Au­to steht“ein­ge­stimmt. Kurz dar­auf ha­be ich den ge­wiss net­ten Herrn in Schwarz in Ge­dan­ken – Schimpf und Schan­de über mich – gar in die Nä­he ei­nes grun­zen­den, lei­der aber in die­sem Fall gänz­lich blin­den Nutz­tiers ge­rückt, weil er ein glas­kla­res Ab­seits­tor des Geg­ners an­er­kannt hat. Ein Grund für den Vi­deo­be­weis und an­de­re elek­tro­ni­sche Hel­fer­lein, um den Schieds­rich­ter aus der Schuss­li­nie zu neh­men und dem Recht zum Durch­bruch zu ver­hel­fen? Pap­per­la­papp, nie und nim­mer! Denn der Fuß­ball, die schöns­te Haupt­sa­che der Welt, lebt von die­sen Emo­tio­nen, von den lei­den­schaft­li­chen Dis­kus­sio­nen auch über men­sch­li­che Fehl­ent­schei­dun­gen. Oder wür­den wir uns sonst noch – fast 50 Jah­re spä­ter – an das le­gen­dä­re Wem­bley-Tor er­in­nern und dar­über ei­nen gan­zen Abend vor­treff­lich de­bat­tie­ren? Eben! Nein, der Fuß­ball soll sein wie das wah­re Le­ben, köst­lich und un­ter­halt­sam – und manch­mal eben un­ge­recht. Ge­spielt wird näm­lich auf dem Platz und nicht vor dem Men­schen­ge­richts­hof. Die tech­ni­sier­te Welt braucht den mensch­li­chen Feh­ler und kei­ne Soft­ware, die ir­gend­wann das gan­ze Spiel vor­ab be­rech­net und er­setzt. Der Ball ist rund – und kei­nes­wegs elek­tro­nisch!

Von Dirk Uh­len­bruch

d.uh­len­bruch@schwa­ebi­sche.de

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.