We­nig So­li­da­ri­tät auf der Bal­kan­rou­te

Auf dem EU-Tref­fen stel­len sich ei­ni­ge Staa­ten stur – Slo­we­ni­en nennt Flücht­lings­kri­se „un­er­träg­lich“

Schwaebische Zeitung (Messkirch) - - NACHRICHTEN & HINTERGRUND - Von Da­nie­la Wein­gärt­ner und dpa

BRÜS­SEL - Auf der Bal­kan­rou­te von der grie­chisch-tür­ki­schen Gren­ze durch die Staa­ten des ehe­ma­li­gen Ju­go­sla­wi­en bis nach Deutsch­land wird die La­ge im­mer ver­zwei­fel­ter. Flücht­lin­ge müs­sen vor dem neu­en Auf­nah­me­zen­trum auf der In­sel Les­bos im Frei­en aus­har­ren, weil es nicht ge­nü­gend Re­gis­trie­rungs­be­am­te gibt, wie die Hilfs­or­ga­ni­sa­ti­on „Ärz­te oh­ne Gren­zen“be­rich­te­te. An­de­re ste­cken bei ei­si­gen Tem­pe­ra­tu­ren im Nie­mands­land zwi­schen Kroa­ti­en und Slo­we­ni­en fest.

Bes­se­re Zu­sam­men­ar­beit könn­te die Ab­fer­ti­gung auf der Haupt­flucht­rou­te rei­bungs­lo­ser ma­chen. Des­halb griff Kanz­le­rin An­ge­la Mer­kel An­fang der Wo­che zum Hö­rer und reg­te beim EU-Kom­mis­si­ons­prä­si­den­ten ein Tref­fen der be­trof­fe­nen An­rai­ner­staa­ten an. Am Sonn­tag setz­te sich Mer­kel mit den Re­gie­rungs­chefs der be­trof­fe­nen EU-Staa­ten so­wie der Kan­di­da­ten­län­der Ma­ze­do­ni­en und Ser­bi­en, den Ver­tre­tern der EU-In­sti­tu­tio­nen und dem Ho­hen Kom­mis­sar für Flücht­lings­fra­gen der Uno zu­sam­men. Doch vie­le der Teil­neh­mer stell­ten sich stur. Un­garn ist nur „Be­ob­ach­ter“„Un­garn liegt nicht mehr auf der Flucht­rou­te, wir sind nur noch Be­ob­ach­ter“, er­klär­te der un­ga­ri­sche Re­gie­rungs­chef Vik­tor Or­ban auf die Fra­ge, was er bei dem Tref­fen zu su­chen ha­be. Or­ban hat sein Land mit St­a­chel­draht ge­gen die Nach­barn ab­ge­schot­tet. Gern wer­de er aber sei­nen Rat wie­der­ho­len, auf den in der Ver­gan­gen­heit nie­mand ge­hört ha­be: „Wir müs­sen ge­mein­sam die grie­chisch-tür­ki­sche Gren­ze ver­tei­di­gen, wenn Grie­chen­land da­zu al­lein nicht in der La­ge ist. Ich hof­fe, die­ser Sonn­tag­nach­mit­tag macht end­lich Schluss mit der Po­li­tik der of­fe­nen Gren­zen.“

Ähn­lich un­ge­rührt äu­ßer­te sich Kroa­ti­ens Re­gie­rungs­chef Zoran Mi­la­no­vic. „Wenn wir hier ver­ein­ba­ren, kei­nen Flücht­ling mehr ge­gen den Wil­len sei­nes Nach­barn wei­ter zu schi­cken, dann hat Kroa­ti­en kein Pro­blem mehr. Wir sind erst das vier­te Land in der Ket­te, nach Grie­chen­land, Ma­ze­do­ni­en und Ser­bi­en. Aber so wird es na­tür­lich nicht kom­men, und des­halb ist das hier ein völ­lig frucht­lo­ser Sonn­tag­nach­mit­tags­plausch.“

Län­der wie Un­garn oder Kroa­ti­en, die erst vor we­ni­gen Jah­ren zur EU ge­sto­ßen sind, schei­nen sich der eu­ro­päi­schen So­li­da­ri­tät nicht ver­pflich­tet zu füh­len. Of­fe­ner für mehr Las­ten­tei­lung zei­gen sich Ma­ze­do­ni­en und Ser­bi­en, die ei­ne EU-Mit­glied­schaft an­stre­ben. In Brüs­sel wird des­halb die Fra­ge auf­ge­wor­fen, ob die EU-Kom­mis­si­on ih­ren bis En­de 2019 ver­häng­ten Er­wei­te­rungs­stopp wird durch­hal­ten kön­nen.

Der slo­we­ni­sche Re­gie­rungs­chef Mi­ro Cerar warn­te: „Eu­ro­pa steht auf dem Spiel, wenn wir nicht al­les tun, was in un­se­rer Macht steht, um ge­mein­sam ei­ne Lö­sung zu fin­den.“Sonst sei dies „der An­fang vom En­de der EU und von Eu­ro­pa als sol­ches“. 60 000 Flücht­lin­ge in Slo­we­ni­en In den ver­gan­ge­nen zehn Ta­gen sind laut Cerar in sei­nem Land mehr als 60 000 Flücht­lin­ge an­ge­kom­men, dies sei „ab­so­lut un­er­träg­lich“. Um­ge­rech­net auf ein gro­ßes Land wie Deutsch­land wür­de dies ei­ner hal­ben Mil­li­on An­kömm­lin­ge in Deutsch­land pro Tag ent­spre­chen.

Selbst wenn Tref­fen im klei­nen Kreis wie der Mi­ni­gip­fel ges­tern da­für sor­gen soll­ten, dass die Ab­spra­chen bes­ser klap­pen, Nach­barn mit­ein­an­der re­den und der Flücht­lings­strom bes­ser ge­steu­ert wird, bleibt der Druck auf die Au­ßen­gren­zen be­ste­hen. Die Bun­des­re­gie­rung will die Re­gis­trier­zen­tren in Grie­chen­land und Ita­li­en zu Sor­tier­schleu­sen aus­bau­en, wo al­le re­gis­triert und die aus­sichts­lo­sen Fäl­le so­fort in ge­schlos­se­ne Ab­schie­be­la­ger wei­ter­ge­schickt wer­den.

Ein EU-Ex­per­te rech­ne­te am Sonn­tag vor, dass bei ge­schätz­ten 2000 Neu­an­kömm­lin­gen pro Tag und ei­ner durch­schnitt­li­chen Be­ar­bei­tungs­dau­er von 30 Ta­gen Schlaf­plät­ze für 60 000 Men­schen be­reit­ge­hal­ten wer­den müss­ten. Auch un­ter Si­cher­heits­as­pek­ten ist ei­ne der­ar­ti­ge Sam­mel­stel­le für je­des be­trof­fe­ne Land ein Alp­traum. Aus Krei­sen der Bun­des­re­gie­rung hieß es, Asyl­be­wer­ber aus Län­dern mit ei­ner An­er­ken­nungs­quo­te von we­ni­ger als 50 Pro­zent soll­ten so­fort zu­rück­ge­schickt wer­den.

FOTO: DPA

Wäh­rend An­ge­la Mer­kel (CDU) bes­se­re Zu­sam­men­ar­beit auf dem Bal­kan er­rei­chen möch­te, sieht Un­garns Mi­nis­ter­prä­si­dent Vik­tor Or­ban sein ab­ge­schot­te­tes Land schon nicht mehr auf der Flucht­rou­te.

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