„La­sches Kom­pro­miss­pa­pier ver­ab­schie­det“

Kir­chen­kri­ti­ker se­hen zu viel Angst auf der Syn­ode – Hoff­nung auf Papst Fran­zis­kus

Schwaebische Zeitung (Messkirch) - - NACHRICHTEN & HINTERGRUND -

ULM (sz) - Die of­fe­ne in­ner­kirch­li­che Re­form­be­we­gung „Wir sind Kir­che“ist von den Er­geb­nis­sen der Fa­mi­li­en-Syn­ode in Rom ent­täuscht. Ihr Spre­cher Chris­ti­an Weis­ner (Foto: PR) sag­te im Ge­spräch mit Lud­ger Möl­lers, dass nur klei­ne Schrit­te nach vorn für ge­schie­de­ne Wie­der­ver­hei­ra­te­te und fast nichts für Ho­mo­se­xu­el­le er­reicht wor­den sei. Die Hoff­nun­gen der Kir­chen­kri­ti­ker ru­hen auf dem Papst. Kann man das Er­geb­nis der Syn­ode für Lai­en ver­ständ­lich er­klä­ren? Ob­wohl der Syn­oden­text die bis­her üb­li­che ri­go­ris­ti­sche Spra­che zu ver­mei­den ver­sucht, sind vie­le Ant­wor­ten doch in der al­ten theo­lo­gi­schen Den­ke. Und vie­les er­in­nert an den Satz: „Gut, dass wir drü­ber ge­spro­chen ha­ben“, bleibt al­so un­kon­kret. Dies ist um­so ent­täu­schen­der, als die Bi­schö­fe ja die „Haus­auf­ga­be“hat­ten, kon­kre­te Lö­sungs­an­sät­ze mit­zu­brin­gen. Sind Sie mit der Bi­lanz zu­frie­den? Nein, mit dem Er­geb­nis kann man nicht zu­frie­den sei, denn es gibt fast kei­ne kon­kre­ten Er­geb­nis­se. Die deut­schen Ka­tho­li­ken hat­ten sich mehr ge­wünscht und er­war­tet. So­gar Kar­di­nal Marx hat sich un­zu­frie­den ge­zeigt, dass für Ho­mo­se­xu­el­le so we­nig er­reicht wor­den ist. Was ist denn er­reicht wor­den? Die gro­ßen Pro­ble­me wie Flucht, Ge­walt und pre­kä­re Ar­beits­ver­hält­nis­se wur­den zu we­nig an­ge­spro­chen und als exis­ten­zi­el­le Pro­ble­me wahr­ge­nom­men. Wie soll denn ein Fa­mi­li­en­le­ben ge­plant wer­den, wenn die Grund­la­gen da­für feh­len? Aber die Kir­che ver­ab­schie­det sich mit dem Syn­oden­pa­pier von ei­nem idea­li­sie­ren­den Fa­mi­li­en­bild und nimmt wahr, dass es über­all Kri­sen ge­ben kann. Und die Kir­che ist auf dem Weg, sich nicht län­ger als Rich­te­rin, son­dern als Be­glei­te­rin der Men­schen in un­ter­schied­li­chen Le­bens­si­tua­tio­nen zu se­hen. Da ist der Ab­schied von ei­ner ri­go­ris­ti­schen Spra­che wich­tig. Wird sich der Kir­chen­um­gang mit Paa­ren, die nach ei­ner Schei­dung wie­der ge­hei­ra­tet ha­ben, än­dern? Hier ist ein win­zi­ger Tür­spalt ge­öff­net wor­den. In der deutsch­spra­chi- gen Grup­pe hat Kar­di­nal Müller, der Lei­ter der rö­mi­schen Glau­bens­kon­gre­ga­ti­on, zu­ge­bil­ligt, dass die­se Paa­re in Aus­nah­me­fäl­len zu den Sa­kra­men­ten zu­ge­las­sen wer­den kön­nen. Ein ers­ter Schritt. Die Kir­che muss sich da­von ver­ab­schie­den, bei ge­schie­de­nen Wie­der­ver­hei­ra­te­ten von per­ma­nen­ter Sün­de zu spre­chen. Und die Ho­mo­se­xu­el­len? Die Ho­mo­se­xu­el­len sind si­cher be­son­ders ent­täuscht, denn die Syn­ode spricht sich ge­gen die An­er­ken­nung von Le­bens­ge­mein­schaf­ten aus. Sie bleibt auf dem Stand des Ka­te­chis­mus von 1993 ste­hen, in dem eben­falls nur von Re­spekt die Re­de war. Wel­che Hoff­nun­gen set­zen Sie auf Papst Fran­zis­kus? Zu be­dau­ern ist, dass die Syn­oden­vä­ter nicht den Mut ha­ben, der Auf­for­de­rung Fran­zis­kus’ zu fol­gen, neue We­ge zu ge­hen. Sie ha­ben ein doch eher la­sches Kom­pro­miss­pa­pier ver­ab­schie­det. Jetzt ru­hen al­le Hoff­nun­gen und auch un­se­re auf dem Papst. Wie be­grün­den Sie die­se Hoff­nung? In sei­ner An­spra­che vom Sams­tag ver­wen­det der Papst ei­ne an­de­re Spra­che als die der Syn­oden­vä­ter. Sie ist auf die Le­bens­wirk­lich­keit be­zo­gen und for­dert zu mehr Rea­li­täts­sinn auf. Da­her ist die Hoff­nung be­rech­tigt, dass die von Angst be­ses­se­nen Geg­ner je­der Re­form am En­de nicht die Ober­hand be­hal­ten wer­den. Wel­che nächs­ten Schrit­te sind Ih­rer Mei­nung nach an­ge­zeigt? Nun müs­sen wir se­hen, wel­che In­hal­te das Schrei­ben des Paps­tes zur Syn­ode brin­gen wird. Lei­der wir­ken auch kon­ser­va­ti­ve Kräf­te wie die Kar­di­nä­le Pell und Sa­rah dar­an mit. Die deut­schen Bi­schö­fe ste­hen in der Pflicht, end­lich wie­der syn­oda­le Ele­men­te auf al­len Ebe­nen zu in­stal­lie­ren, so wie es zu­letzt bei der Würz­bur­ger Syn­ode vor 40 Jah­ren war. Wie muss die Kir­che aus­se­hen, um zeit­ge­mä­ße Ant­wor­ten auf drän­gen­de Fra­gen ge­ben zu kön­nen? Die Kir­che muss ak­zep­tie­ren, dass wir in ei­ner glo­ba­li­sier­ten Welt le­ben und dass es welt­weit Un­ter­schie­de gibt. Es ist da­her nö­tig, für die un­ter­schied­li­chen Kul­turzo­nen un­ter­schied­li­che Ant­wor­ten zu ge­ben. Das gilt auch für Ehe und Se­xu­al­mo­ral. 94 Punk­te um­fasst das Ab­schluss­do­ku­ment der Syn­ode. Das sind die wich­tigs­ten Er­geb­nis­se: Wie­der­ver­hei­ra­te­te Ge­schie­de­ne: Die Bi­schö­fe ha­ben sich mit Zwei­drit­tel­mehr­heit da­für aus­ge­spro­chen, mehr Of­fen­heit zu zei­gen und den je­wei­li­gen Ein­zel­fall zu be­trach­ten. Die Zu­las­sung zur Kom­mu­ni­on wird nicht di­rekt an­ge­spro­chen. Ho­mo­se­xu­el­le: Bei die­sem Punkt dürf­te es vie­le Ent­täu­schun­gen ge­ben: Nur ei­nen Ab­satz gibt es, es wird le­dig­lich be­tont, Ho­mo­se­xu­el­le müss­ten mit Re­spekt be­han­delt und an­er­kannt wer­den. Ja zur Fa­mi­lie: Ei­nig wa­ren sich die Syn­oden­vä­ter, dass der Wert der Fa­mi­lie für die Ge­sell­schaft und ih­re Be­deu­tung in der Welt po­si­tiv ge­se­hen wer­den müs­se. Wil­de Ehe: Die Si­tua­ti­on von Paa­ren, die oh­ne Trau­schein zu­sam­men­le­ben, wird im Ab­schluss­do­ku­ment nicht nur ne­ga­tiv ge­se­hen. Die Syn­oden­vä­ter for­dern da­zu auf, auch die po­si­ti­ven Aspek­te der wil­den Ehe zu se­hen. Frau­en: Die Rol­le der Frau in der Ge­sell­schaft wird ge­wür­digt, die Kir­che wünscht sich zu­dem mehr Ver­ant­wor­tung und Ent­schei­dungs­be­fug­nis­se für Frau­en. (dpa)

FOTO: DPA

Papst Fran­zis­kus schließt die Syn­ode in Rom ab.

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