Sach­li­che Dis­kus­si­on über Flücht­lin­ge

Ver­tre­ter von Po­li­tik und Kir­che la­den ein

Schwaebische Zeitung (Messkirch) - - MENGEN/GÖGE/SCHEER - Von Vera Romeu

HO­HEN­TEN­GEN - Rund 70 en­ga­gier­te Bür­ger sind zu ei­nem Be­geg­nungs­abend von Kir­che und Po­li­tik des Saul­gau­er De­ka­nats im ka­tho­li­schen Ge­mein­de­haus St. Ma­ria ge­kom­men: Pfarr­ge­mein­de­rä­te, De­ka­nats­rä­te, Pries­ter und Or­dens­frau­en, Haupt­amt­li­che im kirch­li­chen Di­enst aus den vier Seel­sor­ge­ein­hei­ten so­wie Orts­vor­ste­her, Bür­ger­meis­ter und Land­tags­ab­ge­ord­ne­te tra­fen sich zum Ge­spräch über die der­zei­ti­ge Ein­wan­de­rung von Flücht­lin­gen.

De­kan Jür­gen Brumm­win­kel stell­te als Im­puls den bi­bli­schen Text, in dem Gott Abra­ham auf­for­dert, sein Land zu ver­las­sen und in das Land zu zie­hen, das er ihm zei­gen wer­de. „Ein Se­gen sollst Du sein. Ich will seg­nen, die Dich seg­nen“, sag­te Gott. Gott ha­be den Flücht­lin­gen den Auf­trag ge­ge­ben, das Le­ben zu su­chen. „Vi­el­leicht wer­den die Flücht­lin­ge für uns auch ein Se­gen sein und nicht nur ei­ne Last. Vi­el­leicht sind wir ein Se­gen für sie“, sag­te Brumm­win­kel. Wolf­gang Preiss-John, De­ka­nats­re­fe­rent, mo­de­rier­te den Abend.

Mar­tin Brölz, Lei­ter des Bad Saul­gau­er Ord­nungs­amts, er­klär­te aus Sicht der Ver­wal­tung, wel­che Auf­ga­ben die Stadt be­wäl­tigt, um die Flücht­lin­ge un­ter­zu­brin­gen, die ihr zu­ge­wie­sen wer­den. Rund 70 Flücht­lin­ge le­ben in Bad Saul­gau. Sie ha­ben be­reits die Sta­tio­nen der Erst­auf­nah­me durch­lau­fen und sind schon vor meh­re­ren Mo­na­ten in Deutsch­land an­ge­kom­men.

Vom Ca­ri­tas­ver­band sprach Lu­cia Braß über den All­tag der Flücht­lings­hil­fe vor Ort, die der Ver­band ko­or­di­niert. Sie be­ton­te, dass Flücht­lin­ge Hil­fe zur Selbst­hil­fe bräuch­ten und kei­ne Be­vor­mun­dung. Wich­tig sei, sie schnell in ge­mein­nüt­zi­ge Ar­beit zu brin­gen, weil das un­tä­ti­ge War­ten zer­mür­bend sei. Mit Hu­mor be­rich­te­te Braß, wie Selbst­ver­ständ­lich­kei­ten wie Müll­tren­nung und Kehr­wo­che ver­mit­telt wer­den. „Das ver­ste­hen ja schon die Bür­ger un­se­rer Nach­bar­län­der nicht“, sag­te sie.

Do­ris Gaiß­mai­er be­rich­te­te aus dem All­tag des Bad Saul­gau­er Asyl­krei­ses und warb da­für, sich zu en­ga­gie­ren. „Frem­de brau­chen Freun­de. Die Flücht­lin­ge sind für je­de Hil­fe

TRAUERANZEIGEN dank­bar“, sag­te sie. Vie­le sei­en de­pres­siv, weil sie nichts aus ih­rer Hei­mat hö­ren, weil ihr Freun­des­kreis auf der gan­zen Welt ver­streut ist. „Ich möch­te nicht tau­schen. Es hat sich kei­ner aus­ge­sucht, in In­di­en auf die Welt zu kom­men“, gab sie zu be­den­ken. Die Zu­hö­rer stell­ten vie­le Fra­gen. Es ging um Geld und Gi­ro­kon­ten. Do­ris Gaiß­mai­er sprach ih­ren Är­ger dar­über aus, dass Ban­ken Flücht­lin­gen kein Gi­ro­kon­to ge­ben. „So müs­sen sie das Geld, das ih­nen ein­mal im Mo­nat aus­be­zahlt wird, im­mer in der Ho­sen­ta­sche mit sich füh­ren“, sag­te sie. Flücht­lin­ge be­kom­men mo­nat­lich 326 Eu­ro – ei­nen Be­trag, der un­ter dem Hartz-IV-Satz liegt. Vie­le kämp­fen mit Trau­ma­ta War­um nicht al­le Flücht­lin­ge an Sprach­kur­sen teil­neh­men, war ei­ne Fra­ge. Lu­cia Braß er­klär­te, dass man­che Men­schen sehr von den Fluch­t­er­leb­nis­sen trau­ma­ti­siert und da­von ge­lähmt sei­en. An­de­re sei­en in ih­rem Hei­mat­land nur ein oder zwei Jah­re zur Schu­le ge­gan­gen. Da sei es schwer zu ver­mit­teln, was Un­ter­richt ist. Wie­der an­de­re Flücht­lin­ge stie­gen aus dem Bus aus, er­kun­dig­ten sich so­fort nach Sprach­kur­sen und sei­en hoch mo­ti­viert. Die CDU-Land­tags­ab­ge­ord­ne­ten Klaus Bur­ger und Ru­dolf Kö­ber­le be­rich­te­ten aus der Po­li­tik. Sie be­kä­men vie­le An­ru­fe und viel Post von auf­ge­brach­ten Bür­gern, die mit der Ein­wan­de­rung nicht zu­recht­kom­men. „Das sind Chris­ten, die zum Teil in den Kir­chen­ge­mein­den en­ga­giert sind – und kei­ne rechts­ra­di­ka­len Leu­te“, sag­te Kö­ber­le. Dies stieß bei man­chen im Pu­bli­kum auf Un­ver­ständ­nis. Chris­ten sei­en ja ge­ra­de­zu be­ru­fen, Frem­den zu hel­fen.

An­de­re ver­tra­ten den Standpunkt, dass man als Kir­che und Po­li­tik die Ängs­te ernst neh­men, mit den Leu­ten spre­chen und sie in Kon­takt mit Flücht­lin­gen brin­gen müs­se. „Je we­ni­ger Bür­ger mit Flücht­lin­gen zu tun ha­ben, des­to häu­fi­ger ent­ste­hen un­be­grün­de­te Ängs­te“, sag­te Do­ris Gaiß­mai­er. Pe­ter Grun­del von der Ca­ri­tas warf der Po­li­tik vor, Wer­te zu re­la­ti­vie­ren. Man dür­fe kei­ne Gren­zen schlie­ßen. Auch müss­ten sich Bür­ger be­wusst wer­den, dass Eu­ro­pa an den Flucht­ur­sa­chen be­tei­ligt sei. „Ich weiß nicht, war­um in Zei­ten vol­ler Kühl­schrän­ke über Asyl nicht sach­lich dis­ku­tiert wer­den kann“, sag­te Klaus Bur­ger.

Der SPD-Kan­di­dat für die Land­tags­wahl, Micha­el Fem­mer, sag­te: „Es tut weh, Bil­der von Men­schen mit Kin­dern zu se­hen, die bei Re­gen und Dun­kel­heit an der Gren­ze ste­hen.“Man­che Bür­ger ver­brei­te­ten be­wusst Din­ge, die nicht wahr sind, um Flücht­lin­ge in ein schlech­tes Licht zu rü­cken. Die Be­su­cher wa­ren sich ei­nig, dass Kir­che und Po­li­tik mehr In­for­ma­ti­ons­ver­an­stal­tun­gen zur Auf­klä­rung über das The­ma or­ga­ni­sie­ren müs­sen.

„Je we­ni­ger Bür­ger

mit Flücht­lin­gen zu tun ha­ben, des­to häu­fi­ger ent­ste­hen un­be­grün­de­te Ängs­te“,

sagt Do­ris Gaiß­mai­er.

FOTO: VERA ROMEU

Rund 70 kirch­lich und po­li­tisch en­ga­gier­te Bür­ger kom­men ins ka­tho­li­sche Ge­mein­de­haus, um sich über Flücht­lings­ar­beit und Hil­fe zu in­for­mie­ren und dar­über zu dis­ku­tie­ren.

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