Im In­ter­net fal­len al­le Hem­mun­gen

Mob­bing, Sexting, Groo­m­ing: Ge­fah­ren in so­zia­len Netz­wer­ken wer­den oft un­ter­schätzt

Schwaebische Zeitung (Messkirch) - - OBERSCHWABEN UND DONAU - Von Mar­kus Repp­ner

RA­VENS­BURG - In den ver­gan­ge­nen Wo­chen hat sich Ti­na (Na­me von der Re­dak­ti­on ge­än­dert) im­mer wei­ter zu­rück­ge­zo­gen. Die 13-Jäh­ri­ge aus Ober­schwa­ben geht kaum noch vor die Tür, spricht nicht und geht nur wi­der­wil­lig zur Schu­le. Die El­tern ma­chen sich zu­nächst kei­ne gro­ßen Sor­gen, ihr Kind ist in der Pu­ber­tät. Da kann das schon mal vor­kom­men. „Und was wä­re, wenn ich nicht mehr da wä­re?“, schreibt sie dann ih­rer Chat-Grup­pe. Da wird es ih­rer Freun­din San­dra (Na­me von der Re­dak­ti­on ge­än­dert) un­heim­lich. Sie geht zur ih­rer Mut­ter und er­zählt ihr da­von. Geis­tes­ge­gen­wär­tig re­agiert die Mut­ter und in­for­miert Ti­nas El­tern. Die fin­den sie mit auf­ge­schnit­te­nen Puls­adern im Bad. Das Kind wird im letz­ten Mo­ment ge­ret­tet. Aus­weg: Selbst­mord Ti­na ist ein Mob­bing­op­fer. Sys­te­ma­tisch wur­de die Schü­le­rin über sechs Wo­chen auf übels­te Art und Wei­se be­schimpft, ver­leum­det und an den Pran­ger ge­stellt. Die Wor­te, die über das Netz gin­gen, sind kaum wie­der­zu­ge­ben. Die Tä­ter sind Freun­de und Be­kann­te aus ih­rer un­mit­tel­ba­ren Um­ge­bung, die sich im Chat zu ei­ner Grup­pe zu­sam­men­ge­schlos­sen ha­ben. Der Druck wur­de schließ­lich so groß, dass Ti­na kei­nen Aus­weg mehr sah.

Ti­na ist kein Ein­zel­fall – auch wenn es nicht im­mer so dra­ma­tisch en­den muss wie bei ihr. „Mob­bing in den so­zia­len Netz­wer­ken ist ein gro­ßes The­ma“, sagt Ger­hard Mes­ser, Po­li­zei­haupt­meis­ter und Mit­ar­bei­ter

AN­ZEI­GEN im Re­fe­rat „Prä­ven­ti­on“. Der 51-Jäh­ri­ge muss es wis­sen. Seit 2006 ar­bei­tet er in der Au­ßen­stel­le Ra­vens­burg des Po­li­zei­prä­si­di­ums Kon­stanz. Mes­sers Haupt­auf­ga­be ist, Ju­gend­li­che im Al­ter von 13 und 14 Jah­ren über die Ge­fah­ren der so­zia­len Netz­wer­ke auf­zu­klä­ren. Fast täg­lich ist er in Schu­len un­ter­wegs und spricht mit den Ju­gend­li­chen. Gleich­zei­tig ist er An­sprech­part­ner für Be­trof­fe­ne und de­ren El­tern.

Wie vie­le Mob­bing­fäl­le es in Ra­vens­burg gibt, dar­über gibt es kei­ne Sta­tis­tik, denn die we­nigs­ten wer­den an­ge­zeigt. Fest steht al­ler­dings, dass vie­le Ju­gend­li­che in der An­ony­mi­tät des In­ter­nets sämt­li­che Hem­mun­gen ver­lie­ren. „Wenn ein Op­fer aus­ge­macht ist“, sagt Mes­ser, „sprin­gen an­de­re schnell auf und prü­geln mit. Vie­le wis­sen gar nicht, was sie da­mit an­rich­ten.“Die Grup­pen­dy­na­mik zwingt zum Mit­ma­chen. Des­halb for­dert Mes­ser El­tern und Ju­gend­li­che auf, mit­ein­an­der zu re­den und Mob­bing­fäl­le be­kannt zu ma­chen. Das Pro­blem: Den Tä­tern dro­hen im höchs­ten Fall ein paar so­zia­le Ar­beits­stun­den. Für die Op­fer hin­ge­gen kann es schwe­re psy­chi­sche Fol­gen ha­ben, mit de­nen sie es ein Le­ben lang zu tun ha­ben.

Ein an­de­rer Fall: Pe­tra (Na­me von der Re­dak­ti­on ge­än­dert) ist zum ers­ten Mal rich­tig ver­liebt. Die 14-Jäh­ri­ge schickt ih­rem Schwarm als Zei­chen ih­rer Zu­nei­gung ein Bild von sich in Un­ter­wä­sche über den weit ver­brei­te­ten Chat-Di­enst Whats­App. Vol­ler Stolz und Ge­fall­sucht zeigt der Jun­ge das Bild sei­nen Freun­den und schickt es wei­ter. Plötz­lich hat die gan­ze Klas­se das Foto. Pe­tra wird zum Ge­spött und muss Hä­me und Be­schimp­fun­gen über sich er­ge­hen las­sen. Ir­gend­wann ist es so weit, dass sie die Schu­le wech­selt.

„Die­ser Fall von Sexting ist eben­falls kei­ne Aus­nah­me“, sagt Mes­ser. Was beim Sexting noch hin­zu­kommt, ist die Tat­sa­che, dass die Bil­der kei­nes­wegs weg sind, wenn man sie vom Smart­pho­ne löscht. In den all­ge­mei­nen Ge­schäfts­be­din­gun­gen von vie­len Di­ens­ten tritt der Be­nut­zer die Bild­rech­te an das Un­ter­neh­men ab. On­li­ne-Di­ens­te spei­chern die Da­ten nicht nur, son­dern sie han­deln auch da­mit. Das heißt, sie ver­kau­fen die Bil­der an Fir­men, die sie als Wer­be­mit­tel für ihr Mar­ke­ting ein­set­zen. Es kann al­so durch­aus sein, dass Pe­tras Bild ir­gend­wann auf ei­nem öf­fent­li­chen Pla­kat er­scheint, das für Un­ter­wä­sche wirbt.

Das so­ge­nann­te „Groo­m­ing“ist ei­ne per­fi­de Me­tho­de von Pä­do­phi­len, mit jun­gen Mäd­chen und Jun­gen in Kon­takt zu tre­ten. Tat­or­te sind auch hier so­zia­le Netz­wer­ke. Sie log­gen sich un­ter fal­schen Na­men ein und su­chen sys­te­ma­tisch nach Kri­te­ri­en wie Al­ter und Ge­schlecht. In ei­nem Selbst­ver­such der Po­li­zei, die sich als 10 Jah­re al­te Ju­lia in ei­nem Chat-Room re­gis­trier­te, mel­de­ten sich in­ner­halb ei­ner hal­ben St­un­de 100 Per­so­nen, die sich mit der fik­ti­ven Ju­lia tref­fen woll­ten. Re­den, wach­sam sein, auf­klä­ren „Re­den sie mit ih­ren Kin­dern, sei­en sie wach­sam und klä­ren sie über die mög­li­chen Ge­fah­ren im In­ter­net auf“, ap­pel­liert Mes­ser an die El­tern. „Dro­hun­gen, Ver­bo­te oder Kon­trol­le hel­fen we­nig.“Im Ge­gen­teil: Oft­mals bringt das die Kin­der noch mehr ge­gen die El­tern auf. Sie ma­chen heim­lich wei­ter und er­zäh­len gar nichts mehr. Ein Ver­trau­ens­ver­hält­nis auf­zu­bau­en, ist dann na­he­zu un­mög­lich. Ger­hard Mes­ser hat selbst zwei Kin­der im pu­ber­tie­ren­den Al­ter und kennt die Schwie­rig­kei­ten mit Her­an­wach­sen­den. „Im Um­gang mit dem Smart­pho­ne ha­ben die El­tern ei­ne Vor­bild­funk­ti­on“, sagt er. „Wenn es kla­re Nut­zungs­re­geln gibt, müs­sen sie sich selbst auch dar­an hal­ten.“

Ein­dring­lich ist auch Mes­sers Auf­for­de­rung, An­kün­di­gun­gen von Amok­läu­fen an Schu­len ernst zu neh­men, die in so­zia­len Me­di­en kur­sie­ren. Seit dem Dra­ma von Win­nen­den ist das The­ma be­son­ders sen­si­bel. „Bit­te in­for­mie­ren Sie so­fort den Ver­trau­ens­leh­rer an der Schu­le und die Po­li­zei und ma­chen Sie ein Bild­schirm­fo­to der Nach­richt“, ap­pel­liert Ger­hard Mes­ser.

Nie­mand kön­ne im Vor­hin­ein wis­sen, wie ernst es dem ver­meint­li­chen Tä­ter sei. Vie­le schre­cken da­vor zu­rück, ei­ne sol­che Nach­richt zu mel­den, da sie fürch­ten, sie müss­ten bei ei­nem Fehl­alarm für die Ein­satz­kos­ten auf­kom­men. Das sei aber nicht der Fall, ver­si­chert Mes­ser. Der ein­zi­ge, der haft­bar ge­macht wer­den kön­ne, sei der­je­ni­ge, der die Fal­sch­mel­dung ver­brei­tet.

In­for­ma­tio­nen klick­safe.de num­mer­ge­gen­kum­mer.de www.po­li­zei-Be­ra­tung.de

FOTO: DPA

Het­ze im In­ter­net ist auch in Ra­vens­burg vor al­lem un­ter Ju­gend­li­chen ein Pro­blem, sagt die Po­li­zei.

FOTO: FEU­ER­WEHR

für mehr Si­cher­heit im In­ter­net gibt es un­ter

oder Durch den hef­ti­gen Auf­prall wer­den die Au­tos in ei­ne Si­cker­gru­be ne­ben der Fahr­bahn ge­schleu­dert.

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