Zu­stand der EU ist be­kla­gens­wert

Schwaebische Zeitung (Messkirch) - - ERSTE SEITE - Von Mar­kus Riedl m. riedl@ schwa­ebi­sche. de

Um in den Be­schlüs­sen des Brüs­se­ler Mi­ni­gip­fels zur Flücht­lings­kri­se den Be­ginn ei­ner ab­ge­stimm­ten EU-Flücht­lings­po­li­tik zu se­hen, wie es Kanz­ler­amts­mi­nis­ter Pe­ter Alt­mai­er am Mon­tag tat, braucht es schon viel Op­ti­mis­mus. Und dass der an­ge­bracht ist, steht lei­der zu be­zwei­feln.

Bei dem Tref­fen scho­ben sich die Re­gie­rungs­chefs lan­ge Zeit ge­gen­sei­tig die Schuld an der Kri­se zu, an­statt zu­sam­men­zu­ar­bei­ten. Die Bal­kan­staa­ten kri­ti­sier­ten Grie­chen­land, das sei­ne See­gren­ze zur Tür­kei nicht kon­trol­lie­re. Mer­kel be­ar­bei­te­te den Athe­ner Re­gie­rungs­chef Al­exis Tsi­pras wie­der und wie­der, da­mit er der Ein­rich­tung von 50 000 Erst­auf­nah­me­plät­zen in sei­nem Land zu­stimm­te. Und Un­garns Mi­nis­ter­prä­si­dent Vik­tor Or­ban ging so weit, sich nur als „Be­ob­ach­ter“zu be­zeich­nen, da in sei­nem Land we­gen der Grenz­zäu­ne kaum noch Flücht­lin­ge an­kä­men.

Die EU ist in ei­nem be­kla­gens­wer­ten Zu­stand. Bei Pro­ble­men wer­den „eu­ro­päi­sche Lö­sun­gen“vor al­lem dann be­schwo­ren, wenn es Geld zu ho­len gibt. Viel län­ger schon als die Po­li­tik des Durch­win­kens in der Flücht­lings­kri­se exis­tiert in der EU die Po­li­tik des Ab­stau­bens. Eu­ro­pa ist so lan­ge wich­tig, wie es dem ei­ge­nen Land nützt. Der­zeit sind es vor al­lem die Ost­eu­ro­pä­er, die die­sem Prin­zip fol­gen. Doch Deutsch­land von al­ler Schuld frei­zu­spre­chen, greift zu kurz.

Mer­kels Ent­schei­dung, die Flücht­lin­ge aus Un­garn un­kon­trol­liert auf­zu­neh­men, hat eu­ro­päi­sches Recht ge­bro­chen. Zu­dem darf man die Hal­tung der Ost­eu­ro­pä­er auch als Re­tour­kut­sche für Mer­kels als au­to­ri­tär emp­fun­de­nen Kurs in der Grie­chen­land-Kri­se ver­ste­hen. Und man muss sich ver­deut­li­chen, dass das Wohl­stands­ni­veau in Un­garn oder Kroa­ti­en mit dem in Deutsch­land noch lan­ge nicht Schritt hal­ten kann. Ver­lust­ängs­te in der Kri­se sind dort je­den­falls ver­ständ­li­cher als im ver­gleichs­wei­se rei­chen Deutsch­land.

Die Wahl in Po­len muss al­len als War­nung die­nen. Eu­ro­pa funk­tio­niert nur, wenn al­le Mit­glie­der zu­sam­men­ar­bei­ten – frei von na­tio­na­len Ego­is­men, aber auch von all­zu mo­ra­li­sie­ren­den Rat­schlä­gen der gro­ßen an die klei­nen Part­ner.

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