Spre­chen ja, zah­len nein

Kri­sen­plan der EU-Staa­ten für die Bal­kan­rou­te lässt die Fi­nan­zie­rung of­fen

Schwaebische Zeitung (Messkirch) - - NACHRICHTEN & HINTERGRUND - Von Da­nie­la Wein­gärt­ner und KNA

BRÜS­SEL - Täg­lich sind Flücht­lin­ge über die Bal­kan­rou­te in Rich­tung Ös­ter­reich und Deutsch­land un­ter­wegs. Mit ei­nem 17-Punk­te-Plan wol­len die be­trof­fe­nen Län­der die La­ge ent­schär­fen. Die in der Nacht zu Mon­tag in Brüs­sel ge­trof­fe­nen Ver­ein­ba­run­gen se­hen un­ter an­de­rem mehr Un­ter­künf­te für Flücht­lin­ge und ver­stärk­te Grenz­kon­trol­len vor.

Das Neue an die­sen Be­schlüs­sen: Je­des Land ent­lang der Bal­kan­rou­te be­nennt ei­ne Kon­takt­per­son, die EUKom­mis­si­on über­nimmt die Ko­or­di­nie­rung. Al­le ver­pflich­ten sich, die Flücht­lin­ge nicht wei­ter­zu­rei­chen, son­dern zu re­gis­trie­ren und erst dann auf an­de­re EU-Län­der zu ver­tei­len. Setzt sich den­noch ein Treck in Be­we­gung, wer­den die be­trof­fe­nen Nach­barn so­fort in­for­miert.

Ein­mal pro Wo­che schal­ten sich die Län­der zu ei­ner Te­le­fon­kon­fe­renz zu­sam­men. In Grie­chen­land wer­den bis Jah­res­en­de 30 000, 2016 noch ein­mal 20 000 Über­gangs­plät­ze ge­schaf­fen. Ent­lang der Bal­kan­rou­te ent­ste­hen mit Hil­fe des UNFlücht­lings­hilfs­werks UNHCR et­wa 50 000 Plät­ze für die kurz­fris­ti­ge Un­ter­brin­gung. Schwam­mi­ge For­mu­lie­run­gen Man merkt je­doch den For­mu­lie­run­gen an, dass die gan­ze Nacht dar­um ge­run­gen wur­de und sich nie­mand all­zu ge­nau fest­le­gen will. Man wer­de den Treck Rich­tung Gren­ze „nicht för­dern“und „Flücht­lin­ge nicht durch­win­ken, oh­ne die Nach­barn zu in­for­mie­ren“, heißt es in der Er­klä­rung der Re­gie­rungs­chefs. Fi­nan­zi­el­le Un­ter­stüt­zung für Grie­chen­land wer­de „er­war­tet“.

Die be­tei­lig­ten Län­der wol­len die die Zu­sam­men­ar­beit mit Her­kunfts­län­dern wie Af­gha­nis­tan, Ban­gla­desch und Pa­kis­tan „ver­stär­ken“. Zen­tra­le Fra­gen wie die un­ter­schied­li­che Be­wer­tung der Si­cher­heits­si­tua­ti­on in Af­gha­nis­tan und an­de­ren Her­kunfts­län­dern wer­den im Do­ku­ment gar nicht an­ge­spro­chen.

Nach kon­kre­ten Fi­nanz­zu­sa­gen sucht man in der Ver­ein­ba­rung in­des ver­ge­bens. Auch wer die 400 zu­sätz­li­chen Po­li­zis­ten für Slo­we­ni­en be­zah­len soll, steht nicht drin. Die EUKom­mis­si­on wird noch die­se Wo­che ein Tref­fen ein­be­ru­fen, um ein Fi­nan­zie­rungs­pa­ket zu­sam­men­zu­stel­len. Doch schon jetzt sind die Mit­glieds­staa­ten in ih­ren Zah­lun­gen an das UNHCR im Ver­zug.

Im­mer­hin sind sich jetzt al­le ei­nig, dass zu den ge­plan­ten „Hots­pots“für die Flücht­lin­ge an den EUAu­ßen­gren­zen nicht nur Schal­ter ge­hö­ren, an de­nen die Fin­ger­ab­drü­cke ge­nom­men wer­den, son­dern auch La­ger, in de­nen die Men­schen bis zur Wei­ter­rei­se blei­ben. Dass je­der Asyl­be­wer­ber in­ner­halb von we­ni­gen Ta­gen ein Flug­ti­cket ins Auf­nah­me­land oder ei­nen Ab­schie­be­ter­min in die Hei­mat er­hält, glaubt al­ler­dings heu­te nie­mand.

Von den 160 000 von den nörd­li­chen Mit­glieds­staa­ten in Aus­sicht ge­stell­ten Plät­zen ist nur ein Bruch­teil ver­bind­lich zu­ge­sagt wor­den. An­rei­ze und Ab­schre­ckung Was aber ge­schieht mit de­nen, die sich nicht re­gis­trie­ren las­sen? Die EU setzt hier auf An­rei­ze und Ab­schre­ckung. Theo­re­tisch kann je­der, der oh­ne Pa­pie­re auf­ge­grif­fen wird, ab­ge­scho­ben wer­den – die Fra­ge ist nur, wo­hin. Wenn ein Flücht­ling sein Her­kunfts­land ver­schweigt, sind die Be­hör­den macht­los. Auch die Dro­hung, den An­spruch auf So­zi­al­leis­tun­gen zu ver­lie­ren, greift nur bei de­nen, die sich Hoff­nung auf Asyl ma­chen kön­nen. Al­le an­de­ren ha­ben die Al­ter­na­ti­ve, sich oh­ne staat­li­che Hil­fe durch­zu­schla­gen oder zu­rück­ge­schickt zu wer­den.

Die EU hofft, dass ver­schie­de­ne Fak­to­ren – der ein­set­zen­de Win­ter, die Zu­sa­ge der Tür­kei, kei­ne Flücht­lin­ge mehr durch­zu­las­sen und die Ver­ein­ba­run­gen des Sonn­tags – vor­über­ge­hend zu ei­ner Be­ru­hi­gung der La­ge füh­ren wer­den. Doch wenn es in Sy­ri­en, Irak und Af­gha­nis­tan so un­si­cher bleibt wie bis­lang, wer­den sich spä­tes­tens im Früh­jahr wie­der Tau­sen­de auf den Weg ma­chen.

Die Rou­te kann sich da­bei än­dern. Der selbst­be­wuss­te Auf­tritt des un­ga­ri­schen Mi­nis­ter­prä­si­den­ten Vik­tor Or­ban am Sonn­tag in Brüs­sel dürf­te vie­le sei­ner EU-Kol­le­gen nach­denk­lich ge­stimmt ha­ben. Seit Or­ban den St­a­chel­draht um sein Land ge­zo­gen hat, ist er das Pro­blem los.

FOTO: AFP

Flücht­lin­ge ge­hen in Be­glei­tung der Po­li­zei zum La­ger bei Ri­gon­ce an der kroa­tisch- slo­we­ni­schen Gren­ze.

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.