Po­len vor dem gro­ßen Um­bruch

Ana­lys­ten ver­mu­ten: Na­tio­nal­kon­ser­va­ti­ve wol­len nach Wah­l­er­folg Ver­fas­sung än­dern

Schwaebische Zeitung (Messkirch) - - NACHRICHTEN & HINTERGRUND - Von Eva Krafczyk

WAR­SCHAU (dpa) - Der Auf­tritt von Ja­roslaw Kac­zyn­ski nach dem Wahl­sieg sei­ner Na­tio­nal­kon­ser­va­ti­ven klang zwar ver­söhn­lich, ließ bei vie­len Po­len aber den­noch die Alarm­glo­cken schril­len. Denn ob­wohl sich ab­zeich­ne­te, dass Kac­zyns­kis Par­tei Recht und Ge­rech­tig­keit (PiS) mit ei­ner ab­so­lu­ten Mehr­heit im neu­en Par­la­ment rech­nen kann, warb Kac­zyn­ski für ein „brei­tes Bünd­nis“der kon­ser­va­ti­ven Kräf­te.

Aus Sicht von Aleksan­der Smo­lar, Po­li­tik­wis­sen­schaft­ler und Prä­si­dent der Ba­to­ry-Stif­tung, kann das nur ei­nes be­deu­ten: Kac­zyn­ski ver­su­che, ei­ne ver­fas­sungs­än­dern­de Mehr­heit im Par­la­ment auf­zu­bau­en. Mit ei­ner Zwei-Drit­tel-Mehr­heit kön­ne die Ver­fas­sung ge­än­dert und das seit 1989 be­ste­hen­de po­li­ti­sche Sys­tem in Po­len um­ge­stal­tet wer­den – so sei­ne Be­fürch­tung. Land mit tra­di­tio­nel­len Wer­ten Kommt sie nun al­so doch, die „Vier­te Re­pu­blik“, die Kac­zyn­ski und sein 2010 beim Flug­zeug­ab­sturz über Russ­land ge­tö­te­ter Bru­der Lech Kac­zyn­ski stets schaf­fen woll­ten? Ge­meint ist ein Po­len tra­di­tio­nel­ler Wer­te, nicht der von den Rech­ten an­ge­fein­de­te Staat, der aus ih­rer Sicht nach dem En­de des Kom­mu­nis­mus im Jahr 1989 die Abrech­nung mit der Ver­gan­gen­heit ver­passt hat­te? Es wä­re ein grund­le­gen­der Um­bruch.

„Heu­te wur­de die Drit­te Re­pu­blik be­gra­ben. Das ist nach 26 Jah­ren end­lich das En­de!“re­agier­te das rechts­ka­tho­li­sche Nach­rich­ten­por­tal Fron­da.pl eu­pho­risch auf den be­vor­ste­hen­den Macht­wech­sel.

Mit Prä­si­dent An­drzej Du­da steht zu­dem ein Na­tio­nal­kon­ser­va­ti­ver an der Spit­ze des Staa­tes – auch wenn der mit ei­ner Deutsch­leh­re­rin ver­hei­ra­te­te Du­da die Skep­sis Kac­zyns­kis ge­gen­über dem west­li­chen Nach­barn nicht zu tei­len scheint.

Hoff­nun­gen auf Un­ter­stüt­zung für grund­le­gen­de Än­de­run­gen kann sich die PiS et­wa bei der Zu­sam­men­ar­beit mit der Be­we­gung Kukiz des ehe­ma­li­gen Rock­mu­si­kers Pa­wel Kukiz ma­chen. Die­ser sprach sich wie­der­holt ge­gen die Auf­nah­me von Flücht­lin­gen auf – ganz so wie Kac­zyn­ski und an­de­re PiS-Po­li­ti­ker, die vor Über­frem­dung und an­geb­lich ein­ge­schlepp­ten Krank­hei­ten war­nen. Die Ge­sprä­che zwi­schen der EU und Po­len über die Ver­tei­lung von Flücht­lin­gen dürf­ten künf­tig sehr viel schwie­ri­ger wer­den.

Die Bau­ern­par­tei PSL hat­te schon wäh­rend des Wahl­kampfs vor­sich­tig die Füh­ler Rich­tung PiS aus­ge­streckt. Und selbst bei der bis­he­ri­gen Re­gie­rungs­par­tei, der li­be­ral­kon­ser­va­ti­ven Bür­ger­platt­form (PO), könn- Nach der Par­la­ments­wahl in Po­len wird der Ka­len­der für die Re­gie­rungs­bil­dung von der Ver­fas­sung so ge­re­gelt: In­ner­halb von 30 Ta­gen tritt das Par­la­ment zu sei­ner kon­sti­tu­ie­ren­den Sit­zung zu­sam­men – spä­tes­tens am 24. No­vem­ber. Dort reicht die bis­he­ri­ge li­be­ral­kon­ser­va­ti­ve Re­gie­rung von Ewa Ko­pacz ih­ren Rück­tritt ein. Der Prä­si­dent An­drzej Du­da te die PiS wo­mög­lich ko­ope­ra­ti­ons­wil­li­ge Part­ner fin­den.

Der rech­te PO-Flü­gel hat­te schließ­lich schon in der ver­gan­ge­nen Le­gis­la­tur­pe­ri­ode ei­nen Ge­setz­ent­wurf der Re­gie­rung zur Ein­füh­rung ho­mo­se­xu­el­ler Part­ner­schaf­ten zum Schei­tern ge­bracht. Nun ist die­ses Ge­setz in wei­te Fer­ne ge­rückt. Sind dem­nächst das re­strik­ti­ve Ab­trei­bungs­recht und die künst­li­che be­auf­tragt ei­nen Kan­di­da­ten mit der Re­gie­rungs­bil­dung. Die neue Re­gie­rung muss in­ner­halb von 14 Ta­gen – al­so spä­tes­tens am 8. De­zem­ber – ver­ei­digt sein. Dann muss die vor­aus­sicht­li­che Re­gie­rungs­che­fin Bea­ta Szydlo in­ner­halb von wei­te­ren 14 Ta­gen ihr Pro­gramm vor­stel­len und ein Ver­trau­ens­vo­tum im Par­la­ment ge­win­nen. ( dpa) Be­f­ruch­tung nach dem in-vi­tro-Ver­fah­ren be­droht? Au­ßen­po­li­ti­sche Zie­le un­klar PiS-Spit­zen­kan­di­da­tin Bea­ta Szydlo fiel im Wahl­kampf nicht durch ex­tre­me Po­si­tio­nen auf. Ih­re au­ßen­po­li­ti­schen Vor­stel­lun­gen blei­ben den Po­len weit­ge­hend un­be­kannt. Die Er­in­ne­run­gen an die Re­gie­rungs­zeit von Ja­roslaw Kac­zyn­ski (2006 bis 2007) sind da­ge­gen le­ben­dig, nicht nur in Po­len. Kac­zyn­ski sah Po­len von Deutsch­land und Russ­land be­droht.

Der deut­sche Re­gie­rungs­spre­cher Stef­fen Seibert je­den­falls be­ton­te am Mon­tag, die Bun­des­re­gie­rung set­ze auch nach dem Macht­wech­sel in War­schau auf en­ge Zu­sam­men­ar­beit mit den Na­tio­nal­kon­ser­va­ti­ven. „Nach dem, was ich aus Po­len hö­re, ist aber für das Amt der Mi­nis­ter­prä­si­den­tin Frau Bea­ta Szydlo vor­ge­se­hen“, sag­te er nach ei­ner Fra­ge zu Kac­zyn­ski. „Und der Kon­takt der Bun­des­kanz­le­rin wird na­tür­lich mit der Mi­nis­ter­prä­si­den­tin lau­fen.“

FOTO: DPA

Hand­kuss für die bal­di­ge Re­gie­rungs­che­fin Bea­ta Szydlo ( li): Ex- Mi­nis­ter­prä­si­dent Ja­roslaw Kac­zyn­ski gilt als Strip­pen­zie­her hin­ter dem Wahl­tri­umph sei­ner Par­tei Recht und Ge­rech­tig­keit ( PiS).

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