Möch­te­gern-Me­di­zi­ner muss drei Jah­re in Haft

An­ge­klag­ter gab sich als Arzt aus und be­han­del­te Not­fall­pa­ti­en­ten auf Ret­tungs­wa­che

Schwaebische Zeitung (Messkirch) - - PANORAMA - Von Flo­ren­ti­ne Da­me

PADERBON (dpa) - Vier Ta­ge lang hat­te sich ein 33-Jäh­ri­ger als Arzt aus­ge­ge­ben und Not­fall­pa­ti­en­ten be­han­delt. Dann flog er auf. Die Stra­fe fällt emp­find­lich aus: drei Jah­re Haft. Denn be­ruf­lich hoch­ge­sta­pelt hat er nicht zum ers­ten Mal.

Er ha­be Le­ben ge­ret­tet, nicht ge­fähr­det – da­von scheint der 33-Jäh­ri­ge auf der An­kla­ge­bank noch im­mer über­zeugt zu sein. Den­noch wird er ver­ur­teilt – weil er sich als je­mand aus­gab, der er nicht war. Vier Ta­ge be­han­del­te er als an­geb­li­cher Arzt auf der Ret­tungs­wa­che im ost­west­fä­li­schen Del­brück meh­re­re Not­fall­pa­ti­en­ten. Da­vor ar­bei­te­te er schon jah­re­lang als In­ten­siv­pfle­ger. Al­ler­dings hat­te er auch da­für kei­ne aus­rei­chen­de Qua­li­fi­ka­ti­on.

Das sei falsch ge­we­sen, räumt er in der münd­li­chen Ver­hand­lung vor dem Amts­ge­richt Pa­der­born ein. Wie ech­te Reue wirkt das um­fang­rei­che Ge­ständ­nis aber kaum. Auch des­halb fällt der Rich­ter am Mon­tag wohl ein ver­gleichs­wei­se deut­li­ches Ur­teil: Me­di­zi­ni­sche Kennt­nis­se ma­chen noch kei­nen Arzt, lau­tet die Bot­schaft. Wer sei­ne Kar­rie­re auf Be­trug grün­de, dür­fe da­mit nicht durch­kom­men. Was der Staats­an­walt in sei­nem Plä­doy­er ei­ne „gna- den­lo­se Selbst­über­schät­zung“nen­nen wird, zeigt sich schon zum Auf­takt des Pro­zes­ses. Der sprach­ge­wand­te An­ge­klag­te aus Bochum prä­sen­tiert sich als Mus­ter­schü­ler wäh­rend der Aus­bil­dung zum Kran­ken­pfle­ger. Nur: Ab­ge­schlos­sen hat er die­se nie.

De­pres­sio­nen, spä­ter sei­ne Vor­stra­fen nennt er als Hemm­nis­se bei Prü­fun­gen. „Ich ha­be dann ver­sucht, mit dem, was ich konn­te, aber nicht durf­te, Fuß zu fas­sen.“Dem Ge­richt schil­dert er sich als lei­den­schaft­lich im Ein­satz für die Kran­ken. „An­de­re Leu­te ha­ben Hob­bys. Ich ha­be mei­nen Be­ruf“, be­teu­ert der Möch­te­gern-Me­di­zi­ner. Er brin­ge Fach­kennt­nis, Em­pa­thie und in­zwi­schen auch viel Er­fah­rung mit. In der Tat: 15 Jah­re lang ar­bei­tet er als Pfle­ger und Ret­tungs­sa­ni­tä­ter, macht sich selbst­stän­dig als Pfle­ge­be­ra­ter, ver­kauft Me­di­zin­pro­duk­te – man­ches le­gal, für an­de­res muss er sich mehr­fach vor Ge­richt ver­ant­wor­ten.

Er kas­siert Geld­stra­fen, muss so­gar für ei­ni­ge Mo­na­te hin­ter Git­ter, kommt auf Be­wäh­rung frei. Sei­ne Der 33- jäh­ri­ge An­ge­klag­te über

sei­ne Hoch­sta­pe­lei als Arzt Ma­sche auf­ge­ge­ben hat er al­ler­dings nicht.

In Bochum lau­fen Er­mitt­lun­gen ge­gen ihn als mut­maß­lich fal­scher In­ten­siv­pfle­ger. Spä­ter geht er so­gar den Schritt wei­ter. Will wohl be­wei­sen, dass er ganz oh­ne Stu­di­um und Ab­schluss Arzt sein kann: „Ich weiß, dass ich es kann, auch wenn ich es nicht darf“, sagt er im Pro­zess.

Dass kein Pa­ti­ent Scha­den nahm, schüt­ze ihn nicht vor ei­ner Ge­fäng­nis­stra­fe, be­fin­det je­doch der Rich­ter: Er ver­hängt die drei­jäh­ri­ge Haft­stra­fe, un­ter an­de­rem we­gen Ur­kun­den­fäl­schung und Miss­brauchs der Be­zeich­nung Arzt. Als ge­fähr­li­che Kör­per­ver­let­zung sei es zu wer­ten, wenn ein Nicht-Me­di­zi­ner im Arzt­kit­tel Ve­nen­zu­gän­ge le­ge und Me­di­ka­men­te ver­ab­rei­che.

Er ha­be gro­ße kri­mi­nel­le Ener­gie an den Tag ge­legt – und das sei­ne ge­sam­te Kar­rie­re lang, hält der Rich­ter dem 33-Jäh­ri­gen vor. Die Ge­fahr, dass ihm im Not­fall plötz­lich doch die me­di­zi­ni­sche Tie­fe feh­le, ha­be der An­ge­klag­te in Kauf ge­nom­men – aus rei­ner Gel­tungs­sucht.

Die mög­li­chen Fol­gen mach­te zu­vor der Chef der Ret­tungs­wa­che, dem der Be­trug auf­ge­fal­len war, im Zeu­gen­stand deut­lich: „Das hät­te Men­schen­le­ben kos­ten kön­nen.“

„Ich weiß, dass ich es kann, auch wenn ich es

nicht darf.“

„Das hät­te Men­schen­le­ben kos­ten

kön­nen.“

Der Chef der Ret­tungs­wa­che

über den Be­trug

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