Sala­fis­tin bleibt auf frei­em Fuß

Staats­an­walt­schaft schei­tert auch in der Re­vi­si­on mit Ter­ror-Vor­wurf

Schwaebische Zeitung (Messkirch) - - WIR IM SÜDEN - Von Uwe Jauß

WAN­GEN - Die aus Im­men­stadt im Oberallgäu stam­men­de Sala­fis­tin Andrea B. bleibt in Frei­heit. Am Di­ens­tag hat der Bun­des­ge­richts­hof in Karls­ru­he ein Ur­teil des Münch­ner Land­ge­richts be­stä­tigt. Es hat­te die heu­te 30-jäh­ri­ge Frau im Fe­bru­ar zu ein­ein­halb Jah­ren Ge­fäng­nis auf Be­wäh­rung ver­ur­teilt. Da­mit war die Ent­zie­hung von Min­der­jäh­ri­gen ge­ahn­det wor­den.

Andrea B. hat­te ih­re Töch­ter oh­ne Ein­ver­ständ­nis oder Wis­sen des Va­ters mit ins sy­ri­sche Bür­ger­kriegs­ge­biet ge­nom­men. Die Staats­an­walt­schaft in München hät­te ger­ne ei­ne Ver­ur­tei­lung we­gen der Vor­be­rei­tung ei­ner schwe­ren staats­ge­fähr­den­den Ge­walt­tat ge­habt und woll­te die Frau drei Jah­re hin­ter Git­tern schi­cken. Durchs In­ter­net ra­di­ka­li­siert Andrea B. war 2012 vom ka­tho­li­schen zum mus­li­mi­schen Glau­ben über­ge­tre­ten. Ers­te is­la­mi­sche Be­rüh­rungs­punk­te hat­ten sich durch ei­ne län­ge­re Ver­bin­dung zu ei­nem tür­ki­schen Mann im Oberallgäu er­ge­ben. Er ist auch Va­ter der 2007 und 2011 ge­bo­re­nen Töch­ter. Die Li­ai­son hielt aber nicht. Andrea B. ver­kehr­te je­doch wei­ter­hin in is­la­mi­schen Krei­sen. Übers In­ter­net kam sie in Kon­takt zu Sala­fis­ten. Im Ja­nu­ar 2014 reis­te die Frau mit ih­ren bei­den Kin­dern nach Sy­ri­en. Dort wur­de sie Zweit­frau ei­nes aus Deutsch­land stam­men­den Mit­glieds der al-Nus­raFront. Die­se Or­ga­ni­sa­ti­on gilt als der sy­ri­sche Ab­le­ger des Ter­ror­netz­werks al-Kai­da.

Nach rund vier Mo­na­ten im Kriegs­ge­biet hat­te Andrea B. ge­nug vom dor­ti­gen Le­ben. Sie kehr­te mit ih­ren Töch­tern nach Deutsch­land zu­rück und wur­de bei ih­rer An­kunft am Frank­fur­ter Flug­ha­fen ver­haf­tet. Im fol­gen­den Pro­zess vor dem Münch­ner Land­ge­richt er­klär­te sie, die Not der Mus­li­me in Sy­ri­en ha­be sie be­trof­fen ge­macht. Wes­halb sie auf die Idee ge­kom­men sei, im Bür­ger­kriegs­ge­biet hu­ma­ni­tä­re Hil­fe zu leis­ten. Durch die Er­mitt­lun­gen der Staats­an­walt­schaft hat­te sich je­doch er­ge­ben, dass Andrea B. dort den Um­gang mit ei­nem Sturm­ge­wehr des Typs Ka­lasch­ni­kow er­lernt ha­be. Sie be­stä­tig­te dies auch in der Haupt­ver­hand­lung, sag­te aber, es sei da­bei nur um Selbst­ver­tei­di­gung ge­gan­gen. Ihr Mann und Be­schüt­zer sei im­mer wie­der län­ger ab­we­send ge­we­sen. Er ha­be ihr des­we­gen den Um­gang mit dem Ge­wehr ge­zeigt. Im Fal­le ei­nes An­griffs von Trup­pen des As­sad-Re­gimes hät­te sie dann sich und ih­re Töch­ter ver­tei­di­gen kön­nen. Sie sei aber nie in Kampf­hand­lun­gen in­vol­viert ge­we­sen.

Die Staats­an­walt­schaft ar­gu­men­tier­te an­ders. Dem­nach dürf­ten sich Men­schen nur in ei­nem Krieg zwi­schen zwei an­er­kann­ten Staa­ten mit Waf­fen ver­tei­di­gen. Grei­fe aber je­mand auf Sei­ten ei­ner Ter­ror­or­ga­ni­sa­ti­on zum Ge­wehr, sei dies ei­ne staats­ge­fähr­den­de Straf­tat, be­zie­hungs­wei­se die Vor­be­rei­tung ei­ner sol­chen Tat. Zu­dem ver­wies die Staats­an­walt­schaft auf In­ter­ne­tChats, in de­nen Andrea B. vom Mär­ty­rer­tod und Ähn­li­chem ge­schrie­ben ha­be. We­der das Münch­ner Land­ge­richt noch der Bun­des­ge­richts­hof woll­te in Andrea B. ei­ne be­gin­nen­de Ter­ro­ris­tin se­hen. Das blo­ße Er­ler­nen ei­ner Ge­wehr­funk­ti­on zur Ver­tei­di­gung sei eher den Um­stän­den in ei­ner sol­chen Um­ge­bung ge­schul­det.

Zur Haupt­ver­hand­lung im Win­ter war Andrea B. noch aus der Un­ter­su­chungs­haft in den Ge­richts­saal ge­bracht wor­den. Seit dem da­ma­li­gen Ur­teil ist sie auf frei­em Fuß. Vor dem Bun­des­ge­richts­hof er­schien die Frau nicht. Bei Re­vi­si­ons­ver­hand­lun­gen müs­sen An­ge­klag­te nicht an­we­send sein. Wo ge­nau sich Andrea B. ge­gen­wär­tig auf­hält, ist un­klar. Es gibt aber Hin­wei­se, dass sie in Deutsch­land ist. Ih­re bei­den Töch­ter wer­den seit der Rück­kehr aus Sy­ri­en von der Fa­mi­lie des Va­ters be­treut. Die Zahl von Sala­fis­tin­nen, die aus Deutsch­land ins sy­ri­sche und ira­ki­sche Kriegs­ge­biet rei­sen, nimmt laut des Bun­des­am­tes für Ver­fas­sungs­schutz zu. Sei­en es vor drei Mo­na­ten noch rund 100 jun­ge Frau­en ge­we­sen, lie­ge die Zahl in­zwi­schen bei 150. (jau)

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