Deut­sche feh­len häu­fi­ger we­gen De­pres­sio­nen

Kran­ken­kas­sen-Stu­die zeigt: Ärz­te stel­len im­mer mehr psy­chi­sche Krank­hei­ten fest

Schwaebische Zeitung (Messkirch) - - JOURNAL - Von Antonia Lan­ge

BERLIN (dpa) - Im­mer mehr Men­schen feh­len bei der Ar­beit, weil sie psy­chisch krank sind. Die Zahl der Fehl­ta­ge steigt seit Jah­ren. Das ist das Er­geb­nis des am Di­ens­tag in Berlin ver­öf­fent­lich­ten Psy­cho­re­ports der Kran­ken­kas­se DAK. Das Ber­li­ner IGES In­sti­tut hat da­für die Da­ten zur Ar­beits­un­fä­hig­keit von rund 2,6 Mil­lio­nen be­rufs­tä­ti­gen DAK-Ver­si­cher­ten ana­ly­siert.

Wie vie­le Deut­sche sind psy­chisch krank? Im ver­gan­ge­nen Jahr war hier­zu­lan­de je­der 20. Ar­beit­neh­mer we­gen ei­nes psy­chi­schen Lei­dens krank­ge­schrie­ben. Zu die­sem Er­geb­nis kommt der DAK-Psy­cho­re­port. Aus­ge­hend von den Da­ten der Ver­si­cher­ten sind hoch­ge­rech­net 1,9 Mil­lio­nen Be­rufs­tä­ti­ge be­trof­fen. Seit 1997 hat sich die Zahl der Fehl­ta­ge we­gen der­ar­ti­ger Dia­gno­sen ver­drei­facht. Die meis­ten Ar­beit­neh­mer fehl­ten we­gen De­pres­sio­nen.

Neh­men see­li­sche Lei­den tat­säch­lich zu? Nach Ein­schät­zung von Ex­per­ten wer­den see­li­sche Lei­den le­dig­lich bes­ser er­kannt. Da­zu passt, dass psy­chi­sche Er­kran­kun­gen dem Re­port zu­fol­ge 2014 zwar mehr Aus­fall­ta­ge als in den Vor­jah­ren ver­ur­sach­ten, Ar­beit­neh­mer aber zu­gleich sel­te­ner we­gen an­de­rer Krank­hei­ten fehl­ten. „Es gibt heu­te nicht mehr psy­chisch kran­ke Men­schen als vor zehn oder zwan­zig Jah­ren“, sagt Hans-Pe­ter Un­ger vom Zen­trum für see­li­sche Ge­sund­heit der As­kle­pios Kli­nik Hamburg-Har­burg. „Sie wer­den aber bes­ser dia­gnos­ti­ziert und we­ni­ger stig­ma­ti­siert.“Der Vi­ze­prä­si­dent des Be­rufs­ver­bands Deut­scher Psy­cho­lo­gin­nen und Psy­cho­lo­gen (BDP), Micha­el Zie­gel­may­er, sieht auch ein Sta­tis­tik­pro­blem: „Die Kran­ken­kas­sen zäh­len die Fäl­le und nicht die Per­so­nen.“Wie­der­keh­ren­de Er­kran­kun­gen bei ei­nem Pa­ti­en­ten wür­den so mög­li­cher­wei­se mehr­mals er­fasst.

Wer ist be­son­ders be­trof­fen? Äl­te­re Men­schen und Frau­en. Zu­min­dest ist die Zahl der Fehl­ta­ge we­gen See­len­lei­den hö­her je äl­ter die Be­rufs­tä­ti­gen sind. Auf 100 weib­li­che DAK-Ver­si­cher­te, die über 60 Jah­re alt wa­ren, ent­fie­len zu­letzt 435 Aus­fall­ta­ge – bei Män­nern wa­ren es le­dig­lich 293. Bei der jüngs­ten Grup­pe der 15- bis 19-Jäh­ri­gen wa­ren es 115 Ta­ge bei Frau­en und 57 bei Män­nern. An­fäl­li­ger für De­pres­sio­nen oder Angst­stö­run­gen ist das weib­li­che Ge­schlecht nicht un­be­dingt: „Es ist bei Män­nern heu­te im­mer noch nicht selbst­ver­ständ­lich, sich ein­zu­ge­ste­hen, dass man ein Pro­blem im psy­chi­schen Be­reich hat“, er­klärt BDP-Vi­ze Zie­gel­may­er.

Hat der Wohn­ort Ein­fluss? „Der Stres­spe­gel ist in Groß­städ­ten hö­her“, sagt Fach­mann Un­ger. „Au­ßer­dem ist in der städ­ti­schen Com­mu­ni­ty das Ge­sund­heits­be­wusst­sein grö­ßer.“Psy­chi­sche Pro­ble­me wür­den so eher er­kannt. Zu ei­nem ähn­li­chen Er­geb­nis kommt auch die Stu­die zur Ge­sund­heit Er­wach­se­ner in Deutsch­land (DEGS) vom Ro­bert Koch-In­sti­tut. Dem­nach hat die Wohn­ort­grö­ße Ein­fluss auf die Häu­fig­keit von de­pres­si­ven Sym­pto­men: In klein­städ­ti­schen Or­ten wa­ren die we­nigs­ten be­trof­fen.

Wel­che Grün­de ha­ben die Lei­den? Ar­beits­be­las­tung, pri­va­te Grün­de oder ei­ne kör­per­li­che Krank­heit sind Ex­per­te Un­ger zu­fol­ge die Haupt­ur­sa­chen. Et­was häu­fi­ger sind nach sei­nen An­ga­ben aber be­rufs­be­ding­te Er­kran­kun­gen. Auch BDP-Ex­per­te Zie­gel­may­er be­tont: „Wir dür­fen die Au­gen nicht da­vor ver­schlie­ßen, dass die Be­las­tung im Ar­beits­le­ben zu­ge­nom­men hat.“

Was ist mit dem Burn-out? Das ist ei­ne Zu­satz­dia­gno­se. Seit 2012 hat sich die Zahl der Bur­nout-Fehl­ta­ge fast hal­biert, wäh­rend an­de­re psy­chi­sche Krank­hei­ten öf­ter fest­ge­stellt wur­den. Un­ger: „Die Ärz­te dia­gnos­ti­zie­ren heu­te eher ei­ne De­pres­si­on, ei­ne An­pas­sungs­stö­rung oder ei­ne Angst­stö­rung und ver­zich­ten auf die Zu­satz­dia­gno­se Burn-out.“

War­um ist das Be­wusst­sein für psy­chi­sche Lei­den so hoch? Sie sind ge­wis­ser­ma­ßen sa­lon­fä­hig ge­wor­den und wer­den Un­ger zu­fol­ge we­ni­ger stig­ma­ti­siert. „Für vie­le ge­hört der Satz „Ich bin ge­stresst“mitt­ler­wei­le zum gu­ten Ton.“

Wie groß sind die psy­chi­schen Pro­ble­me der Deut­schen tat­säch­lich? „Ich wür­de nicht sa­gen, dass die Zahl der Dia­gno­sen be­sorg­nis­er­re­gend ist“, sagt Zie­gel­may­er. „Dar­aus den Schluss zu zie­hen, dass wir ei­ne psy­chisch kran­ke Na­ti­on sind – das wä­re völ­lig ver­fehlt.“

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