Fal­sche Freun­de

Ex­per­ten ge­ben Tipps, was El­tern bei Sor­gen um Kind und Cli­que hilft

Schwaebische Zeitung (Messkirch) - - FAMILIE - Von Eva Di­g­nös, dpa

eu­er­dings raucht die Toch­ter, weil al­le Freun­din­nen es auch tun. Und der Sohn zockt stun­den­lang beim Nach­bars­jun­gen Bal­ler­spie­le. El­tern treibt in sol­chen Si­tua­tio­nen schnell die Angst um, dass ihr Kind die fal­schen Freun­de hat. Dass der Ein­fluss der Gleich­alt­ri­gen die Re­geln, die bis­her in der Fa­mi­lie gal­ten, in­fra­ge stellt.

„Vor al­lem für Ju­gend­li­che sind Gleich­alt­ri­ge tat­säch­lich sehr wich­tig“, sagt Di­plom-Psy­cho­lo­ge Andre­as En­gel von der Bun­des­kon­fe­renz für Er­zie­hungs­be­ra­tung (BKE). De­ren Ein­fluss aber sei grund­sätz­lich erst ein­mal po­si­tiv. „Es ist wich­tig für die Ent­wick­lung der Kin­der, über den Ho­ri­zont der Fa­mi­lie hin­aus­zu­bli­cken. Der Kon­takt zu Freun­den hilft den Kin­dern, ih­ren Platz in der Ge­sell­schaft zu fin­den“, sagt er.

Je äl­ter die Kin­der wer­den, um­so grö­ßer ist der Stel­len­wert der Freun­de. „Im Kin­der­gar­ten­al­ter be­deu­tet Freund­schaft vor al­lem phy­si­sche Ge­mein­schaft: Freun­de sind die Kin­der, mit de­nen man viel Zeit ver­bringt“, er­klärt Marion Poth­mann, Psy­cho­the­ra­peu­tin für Kin­der und Ju­gend­li­che und Au­to­rin des Buchs „Kin­der brau­chen Freun­de“. Das kann heu­te Max sein und mor­gen An­na. Ab dem Grund­schul­al­ter rü­cken ähn­li­che In­ter­es­sen mehr und mehr in den Vor­der­grund. Max und An­na schau­en schon ge­nau­er hin, mit wem sie be­freun­det sein möch­ten. Ge­sprächs­kul­tur ent­wi­ckeln Und Kin­der im Grund­schul­al­ter ma­na­gen ih­re Freund­schaf­ten selbst­stän­dig. Nicht die El­tern ma­chen die Spiel­ter­mi­ne aus, son­dern die Kin­der neh­men das im­mer mehr selbst in die Hand. „Freund­schaf­ten zu schlie­ßen, heißt, Men­schen ge­nau­er zu durch­leuch­ten“, sagt Ma­ria von Sa­lisch, Pro­fes­so­rin für Ent­wick­lungs­psy­cho­lo­gie an der Uni­ver­si­tät Lü­ne­burg. „Man wird zu­nächst ein­mal auf­grund von Äu­ßer­lich­kei­ten auf­ein­an­der auf­merk­sam, sucht dann nach Ge­mein­sam­kei­ten, sieht sich gleich­zei­tig nach Al­ter­na­ti­ven um.“Das sei die ers­te so­zia­le Leis­tung au­ßer­halb des Schutz­raums der Fa­mi­lie.

Je äl­ter die Kin­der wer­den, um­so we­ni­ger spielt sich ih­re Frei­zeit mit Freun­den im El­tern­haus ab. Ju­gend­li­che tref­fen sich in der Stadt, im Sport­ver­ein, kom­mu­ni­zie­ren via Smart­pho­ne – die Freun­de wer­den zur un­be­kann­ten Grö­ße für die El­tern. Wer neu­gie­rig nach­bohrt, be­kommt sel­ten ei­ne zu­frie­den­stel­len­de Ant­wort. Das kann Ängs­te schü­ren. „Um­so wich­ti­ger ist es, vom frü­hen Kin­des­al­ter an ei­ne Ge­sprächs­kul­tur in der Fa­mi­lie zu ent­wi­ckeln“, rät Psy­cho­lo­gin Marion Poth­mann. Wer es ge­wohnt ist, dass in der Fa­mi­lie er­zählt und zu­ge­hört wird, der wird auch als Ju­gend­li­cher vi­el­leicht nicht von al­len, aber doch von man­chen Er­leb­nis­sen mit der Cli­que er­zäh­len. Oder die Freun­de doch mal mit nach Hau­se brin­gen. „Oft er­wei­sen sich el­ter­li­che Sor­gen als un­be­grün­det, wenn man sich per­sön­lich ken­nen­ge­lernt hat“, sagt Er­zie­hungs­be­ra­ter Andre­as En­gel. Ver­bo­te sind kei­ne gu­te Lö­sung Den Ein­fluss der El­tern auf die Freund­schaf­ten ih­rer äl­te­ren Kin­der hält die Ent­wick­lungs­psy­cho­lo­gin von Sa­lisch oh­ne­hin für be­grenzt. Na­tür­lich sei es schmerz­haft zu er­le­ben, wenn ei­ne Freund­schaft miss­braucht wird oder zer­bricht. „Aber auch das ist ei­ne wich­ti­ge Er­fah­rung.“

Aber was, wenn El­tern ein­fach nicht mehr zu­schau­en und hof­fen kön­nen, dass ih­re Kin­der die Si­tua­ti­on al­lein re­geln? Wenn bei­spiels­wei­se Dro­gen im Spiel sind oder Ge­walt. „Ver­bo­te soll­ten, wenn über­haupt, die letz­te Not­lö­sung sein“, sagt Marion Poth­mann. Ver­bo­te sind pro­ble­ma­tisch, weil sie vor al­lem bei Ju­gend­li­chen Trotz­re­ak­tio­nen her­vor­ru­fen: Wenn die El­tern die Freun­de ver­bie­ten, wer­den sie erst so rich­tig in­ter­es­sant. Statt­des­sen gilt auch hier: „Mit­ein­an­der re­den, fra­gen, war­um das Kind so gern mit dem Freund zu­sam­men ist, die ei­ge­nen Sor­gen äu­ßern.“Manch­mal hel­fe es auch, Er­in­ne­run­gen an die ei­ge­ne Ju­gend zu ak­ti­vie­ren, sagt Er­zie­hungs­be­ra­ter En­gel. Fast je­der wird als Kind mit sei­nen El­tern schon über rich­ti­ge und fal­sche Freun­de ge­strit­ten ha­ben.

We­ni­ger of­fen­sicht­lich „falsch“, aber trotz­dem schmerz­haft kön­nen ein­sei­ti­ge Freund­schaf­ten sein, in de­nen ei­ner den an­de­ren do­mi­niert und klein hält. „Das merkt man dar­an, dass das Kind sich un­si­che­rer ver­hält, nicht mehr mit sei­nen an­de­ren Freun­den spielt“, er­zählt Marion Poth­mann. Dann ge­he es dar­um, dem Sohn oder der Toch­ter zu hel­fen, sich aus der Bin­dung zu lö­sen und neue Freund­schaf­ten zu schlie­ßen.

Ganz so ein­sei­tig sind die Macht­ver­hält­nis­se je­doch sel­ten. „Die The­se, dass die ei­ge­nen Kin­der ver­führt wur­den, ent­las­tet, ist aber in der Re­gel zu ein­fach“, sagt Andre­as En­gel. Manch­mal sind näm­lich nicht nur die an­de­ren die fal­schen Freun­de – son­dern auch die ei­ge­nen Kin­der.

FOTO: UWE UMSTÄTTER/DPA

Was die Kin­der mit den Freun­den ma­chen, wis­sen El­tern oft nicht. Vie­le macht das ner­vös.

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