Miss­brauch: Rich­ter spricht An­ge­klag­ten frei

44-Jäh­ri­ger soll Toch­ter miss­braucht ha­ben – Doch die Be­weis­la­ge ist man­gel­haft

Schwaebische Zeitung (Messkirch) - - ALB/LAUCHERT -

ALB­STADT (oha) - Ein 44-jäh­ri­ger Alb­städ­ter hat we­gen se­xu­el­len Miss­brauchs an sei­ner Toch­ter vor Ge­richt ge­stan­den. Ges­tern wur­de er auf­grund man­geln­der Be­weis­last am He­chin­ger Land­ge­richt frei­ge­spro­chen.

Die An­kla­ge wog schwer: Die Staats­an­walt­schaft warf dem Mann vor, sei­ne da­mals min­der­jäh­ri­ge Toch­ter jah­re­lang se­xu­ell miss­braucht zu ha­ben. Er wur­de des­halb in 65 Fäl­len des schwe­ren Miss­brauchs an Kin­dern be­zie­hungs­wei­se Schutz­be­foh­le­nen an­ge­klagt. Die Öf­fent­lich­keit wur­de – bis auf die An­kla­ge­er­he­bung und die Ur­teils­ver­kün­dung – vom ge­sam­ten Pro­zess­ver­lauf aus­ge­schlos­sen.

Der vor­sit­zen­de Rich­ter Her­bert An­de­rer er­klär­te, dass das Ge­richt auf­grund der Be­weis­la­ge nur zu die­sem Ur­teil kom­men konn­te: „Im Straf­pro­zess gel­ten ei­ser­ne Re­geln“, er­klär­te An­de­rer, des­sen Wor­te auch sehr wohl an die Toch­ter des An­ge­klag­ten ge­rich­tet wa­ren, die im Pro­zess als Ne­ben­klä­ge­rin auf­trat. Au­ßer Zeu­gen­aus­sa­gen ha­be es im Pro­zess kei­ne wei­te­ren Be­wei­se ge­ge­ben. Und Zeu­gen sei­en nun mal ein schwa­ches Be­weis­mit­tel. Al­les vi­el­leicht nur Fan­ta­sie Zu­dem sprach das Glaub­haf­tig­keits­gut­ach­ten der psy­cho­lo­gi­schen Sach­ver­stän­di­gen we­ni­ger zu Guns­ten der Toch­ter: Ei­ne Fan­ta­sie­hy­po­the­se konn­te nicht mit Si­cher­heit aus­ge­schlos­sen wer­den. Auch die Mut­ter und die Ge­schwis­ter sol­len sich im Zeu­gen­stand mas­siv ge­gen das ver­meint­li­che Op­fer ge­wen­det ha­ben – gleich­wohl sie laut Rich­ter An­de­rer durch­aus feh­ler­haf­te und vor­be­rei­te­te Aus­sa­gen mach­ten.

Und die Aus­sa­gen der Ne­ben­klä­ge­rin selbst wa­ren für die Be­weis­auf­nah­me we­ni­ger brauch­bar, wor­an das Mäd­chen nur be­dingt Schuld trug: Bei der po­li­zei­li­chen Ver­neh­mung wur­de sie von ei­nem Be­am­ten be­fragt, der schon mit an­de­ren Fäl­len des An­ge­klag­ten ver­traut war. Der 44-jäh­ri­ge wur­de näm­lich be­reits ein­schlä­gig ver­ur­teilt. So soll der Be­am­te laut An­de­rer nicht of­fen ge­nug ge­fragt ha­ben. Die kri­ti­sche Hin­ter­fra­gung ha­be ge­fehlt. Das ma­che schließ­lich die po­li­zei­li­che Aus­sa­ge der Ne­ben­klä­ge­rin wert­los. Und die Aus­sa­gen im Zeu­gen­stand sei­en eher „sprö­de“ge­we­sen. Es ha­be an Kon­stanz ge­fehlt. Das Ge­richt stell­te eben­falls die Fra­ge nach ei­nem Falsch­be­haup­tungs­mo­tiv: Das Ver­hält­nis zum Va­ter war schlecht, zu­dem soll die Toch­ter Sät­ze ge­äu­ßert ha­ben wie: „Was muss ich tun, dass man mich aus der Fa­mi­lie nimmt?“

Am En­de wuss­te die gro­ße Ju­gend­straf­kam­mer nur ei­nes: Dass sie nichts weiß. Sie kann we­der mit Si­cher­heit sa­gen, dass sich die Ta­ten laut An­kla­ge ab­ge­spielt ha­ben, noch dass gar nichts pas­siert sei.

Rich­ter An­de­rer be­ton­te, dass kei­ner der Be­tei­lig­ten als Lüg­ner dar­ge­stellt wer­de. Letzt­lich müs­se aber im Zwei­fel für den An­ge­klag­ten ge­ur­teilt wer­den: „Lie­ber kom­men 99 Schul­di­ge zu Un­recht frei, als dass ein Un­schul­di­ger zu Un­recht ein­ge­sperrt wird.“Ob die Ne­ben­klä­ge­rin ge­gen das Ur­teil vor­ge­hen wird, stand ges­tern noch of­fen. Die Staats­an­walt­schaft wird kei­ne Re­vi­si­on ein­le­gen.

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