Hän­ge­par­tie nach dem Seit­pferd-Ro­deo

Sturz-Or­gie kos­tet die deut­sche Rie­ge das WM-Team­fi­na­le und zu­nächst auch die Olym­pia­qua­li­fi­ka­ti­on

Schwaebische Zeitung (Messkirch) - - SPORT -

GLAS­GOW (dpa) - Als die Ge­burts­tags­fei­er mit Freun­din Mar­cia für Fa­bi­an Ham­bü­chen in fa­mi­liä­rer At­mo­sphä­re über die Büh­ne ging, tüf­tel­te Chef­trai­ner Andre­as Hirsch schon an ei­nem „Plan B“für Olym­pia. Am Mon­tag­abend wa­ren auch die letz­ten va­gen Hoff­nun­gen der deut­schen Tur­ner ge­platzt, den Um­weg „nach Rio über Rio“noch ver­mei­den zu kön­nen. Der ver­patz­te Auf­tritt am Pau­schen­pferd reich­te nur für Platz neun: Erst­mals seit 2003 ver­pass­te die deut­sche Rie­ge ein WM-Fi­na­le, erst­mals qua­li­fi­zier­te sie sich nicht di­rekt für Olym­pia. Im April 2016 gibt es im­mer­hin ei­ne zwei­te Chan­ce, die Ti­ckets bei den vor­olym­pi­schen Test­wett­be­wer­ben in Rio zu er­gat­tern.

„Es war klar, dass es kei­ne gro­ße Fe­te gibt. In der Nacht hat kei­ner so rich­tig ge­schla­fen“, sag­te Ham­bü­chen, der wie Mar­cel Nguy­en an der Sturz-Or­gie beim „Pferd-Ro­deo“be­tei­ligt war. „Wir sind im­mer noch Sport­ler und kei­ne Ma­schi­nen, die auf Knopf­druck funk­tio­nie­ren“, be­grün­de­te Ham­bü­chen. „Die fet­ten Jah­re sind vor­bei“, hat­te er schon vor den Ti­tel­kämp­fen bi­lan­ziert.

Tat­säch­lich hat der „gol­de­ne Jahr­gang“ei­ni­ges von sei­nem Glanz ver­lo­ren. Noch nie wa­ren die Schwä­chen in der Nach­wuchs­ent­wick­lung so krass wie in Glas­gow zu­ta­ge ge­tre­ten. Mit ei­nem Durch­schnitts­al­ter von 26 Jah­ren ge­hört die Rie­ge zu den äl­tes­ten WM-Teams und muss mit an­se­hen, wie die jun­ge Ge­ne­ra­ti­on von Bri­ten, Rus­sen oder Bra­si­lia­nern an ih­nen vor­bei­zieht.

Der Druck der nach­rü­cken­den Ju­gend fehlt seit Jah­ren. Dass ge­ra­de Ham­bü­chen und Nguy­en nach star­ken Vor­stel­lun­gen in der Hy­dro-Are­na an fünf Ge­rä­ten am „Zit­ter­pferd“die Kräf­te fehl­ten, soll­te nie­man­den über­ra­schen. „Aus­nah­me­tur­ner brau­chen 15 Jah­re um zu rei­fen. Ne­ben der völ­li­gen Um­stel­lung der Le­bens­ver­hält­nis­se be­nö­tigt man zu ei­nem Groß­teil auch Ta­lent“, mein­te Chef­trai­ner Hirsch, der kaum Hoff­nung hat, in den nächs­ten Jah­ren star­ken Nach­wuchs in die Spit­ze füh­ren zu kön­nen.

Ham­bü­chen hat­te be­reits nach den Meis­ter­schaf­ten in Gie­ßen sei­nem an­ge­stau­ten Är­ger Luft ge­macht und den Deut­schen Tur­ner-Bund für die Ver­säum­nis­se in die Ver­ant­wor­tung ge­nom­men. Man dür­fe sich nicht wun­dern, wenn seit Jah­ren kaum noch hoff­nungs­vol­le Ta­len­te nach­kom­men. Trai­ner­jobs sei­en oft mi­se­ra­bel be­zahlt.

Nach dem we­gen un­ge­wöhn­li­cher Ver­let­zungs­se­ri­en im Vor­feld fast zu be­fürch­ten­den Schei­tern im Kampf um den di­rek­ten Rio-Flug ver­such­ten am Mon­tag al­le Be­tei­lig­ten, die Bli­cke nach vorn zu rich­ten. „Wir hat­ten bis­her kei­nen Plan B, aber bis De­zem­ber wer­den wir ihn ha­ben“, sag­te Hirsch, der im zwei­ten An­lauf im April das De­sas­ter un­be­dingt ver­hin­dern will. Als Vier­ter ins Reck-Fi­na­le Wie so oft im ver­gan­ge­nen Jahr­zehnt trägt Ham­bü­chen nun bis zum Schluss­tag die deut­schen Hoff­nun­gen auf ei­ne Me­dail­le. Am Reck zog er als Vier­ter in den End­kampf ein, wäh­rend Ti­tel­ver­tei­di­ger Ep­ke Zon­der­land aus den Nie­der­lan­den das Fi­na­le am Sonn­tag ver­pass­te. Der Olym­pia­sie­ger kam am Kö­nigs­ge­rät nur auf 14,30 Punk­te. Auch das Mehr­kampf-Fi­na­le hat Ham­bü­chen ge­schafft, Platz 22 reich­te ge­ra­de noch. Nicht chan­cen­los geht Andre­as Bret­schnei­der als Fünf­ter ins Fi­na­le am Kö­nigs­ge­rät. Der Chem­nit­zer kün­dig­te an, im Fi­na­le den von ihm kre­ierten, spek­ta­ku­lä­ren Dop­pel­sal­to mit zwei Schrau­ben aus­zu­pa­cken.

FOTO: DPA

In der Schwe­be: Fa­bi­an Ham­bü­chen und sei­ne Kol­le­gen müs­sen um die Olym­pia­teil­nah­me ban­gen.

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