Vom Nach­rüs­tungs­be­schluss zu den Grü­nen

Bun­des­kanz­ler Hel­mut Schmidt setz­te sei­ne Stra­te­gie ge­gen­über der ei­ge­nen Par­tei durch – und wur­de dann durch ein kon­struk­ti­ves Miss­trau­ens­vo­tum ge­stürzt

Schwaebische Zeitung (Messkirch) - - SEITE DREI - Von Chris­toph Pla­te

u Be­ginn der 1980er-Jah­re herrsch­te in Bonn ein Bun­des­kanz­ler, der zwar Mit­glied der SPD war, aber sei­ne Ge­nos­sen den­noch im­mer wie­der zur Fra­ge trieb, ob die­ser So­zi­al­de­mo­krat sich vi­el­leicht bei der Wahl sei­ner Par­tei ver­tan ha­ben könn­te. So er­folg­reich die Kanz­ler­schaft des Ham­bur­gers Hel­mut Schmidt von den His­to­ri­kern be­wer­tet wer­den mag, so stell­ten sei­ne Atom­ener­gie­po­li­tik und auch der Na­to-Dop­pel­be­schluss die Par­tei vor ei­ne in­ne­re Zer­reiß­pro­be. Be­den­ken bei­sei­te­ge­wischt Kalt­schnäu­zig, aber mit ei­ner Vi­si­on so­wohl vom Ener­gie­be­darf West­deutsch­lands wie auch von der Not­wen­dig­keit, die Staa­ten des War­schau­er Pak­tes durch ato­ma­re Hoch­rüs­tung in die Schran­ken zu wei­sen, zog Schmidt sei­ne Stra­te­gie ge­gen­über der ei­ge­nen Par­tei durch. Die Be­den­ken et­wa der schles­wig-hol­stei­ni­schen SPD ge­gen den Bau des Kern­kraft­werks Brok­dorf an der El­be wisch­te Schmidt bei­sei­te. Im Bon­ner Bun­des­tag wur­de der Na­to-Dop­pel­be­schluss be­kräf­tigt, mit den Stim­men der Re­gie­rung wie auch der op­po­si­tio­nel­len Uni­ons­par­tei­en. Schmidt be­kräf­tig­te al­ler­dings ein ums an­de­re Mal die Be­reit­schaft der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land zu Ge­sprä­chen mit der So­wjet­uni­on. Zu­nächst müss­ten die­se je­doch ih­re zu­sätz­lich in Po­len sta­tio­nier­ten Trup­pen wie­der re­du­zie­ren. Mos­kau hat­te wei­te­re Sol­da­ten ge­schickt, da durch das Er­star­ken der pol­ni­schen Ge­werk­schafts­be­we­gung er­heb­li­che Un­ru­he in den Staa­ten des War­schau­er Pak­tes aus­ge­bro­chen war. In der DDR spra­chen die Herr­schen­den alar­miert von der „pol­ni­schen Krank­heit“, wel­che sich aus­zu­brei­ten droh­te.

Gleich­zei­tig kon­sta­tier­te Chrys­ost­o­mus Zo­del, da­ma­li­ger Chef­re­dak­teur der „Schwä­bi­schen Zei­tung“im Mai 1981, dass die so­zi­al­li­be­ra­le Ko­ali­ti­on of­fen­bar ih­rem En­de ent­ge­gen­steue­re. Er sprach vom „Hang zur Dem­ago­gie“des SPD-Kanz­lers. Die Op­po­si­ti­on wer­te­te Schmidts Rück­tritts­dro­hung („Dann müsst ihr euch ei­nen an­de­ren Kanz­ler su­chen“) als Bank­rott­er­klä­rung und wei­te­ren Au­to­ri­täts­ver­fall.

Im Au­gust des­sel­ben Jah­res kün­dig­te der da­ma­li­ge US-Prä­si­dent Ro­nald Rea­gan den Bau ei­ner Neu­tro­nen­waf­fe an, die le­dig­lich die Men­schen in ei­nem geg­ne­ri­schen Ge­biet tö­te, die Bau­ten und In­dus­trie­an­la­gen aber un­be­scha­det las­sen soll­te. Dass Rea­gan den Jah­res­tag der Atom­bom­ben­ab­wür­fe auf Hi­ro­shi­ma und Na­ga­sa­ki für sei­ne An­kün­di­gung wähl­te, wur­de ge­ra­de bei Rüs­tungs­geg­nern in der al­ten Bun­des­re­pu­blik als be­son­ders be­droh­lich emp­fun­den.

Die Atom­ener­gie und die Pro­tes­te da­ge­gen, nicht zu­letzt aber die Hoch­rüs­tungs­po­li­tik der Na­to, führ­ten in den 1980er-Jah­ren zu ei­nem Er­star­ken der Pro­tes­te. Und aus die­sen ging dann ei­ne Par­tei her­vor, die ein Sam­mel­be­cken für Na­tur­schüt­zer, Öko­lo­gen und Lin­ke war. Es gab Pro­tes­te vor Ra­ke­ten­la­gern wie dem in Mut­lan­gen, es gab die his­to­ri­sche De­mons­tra­ti­on im Bon­ner Hof­gar­ten, an der auch Wil­ly Brandt auf­trat.

Im März 1983 fan­den vor­ge­zo­ge­nen Neu­wah­len statt. Sie be­scher­ten Hel­mut Kohl, der nach ei­nem Miss­trau­ens­vo­tum ge­gen Hel­mut Schmidt an die Macht ge­kom­men war, ei­nen be­ein­dru­cken­den Sieg. „Wäh­rend die Frei­en De­mo­kra­ten ko­ali­ti­ons­wil­lig und auch ko­ali­ti­ons­fä­hig sind, ist den Grü­nen bei­des fremd“, leit­ar­ti­kel­te Zo­del, um hin­zu­zu­fü­gen: „Sie (die Grü­nen) sind sich ei­nig in der Fun­da­men­tal­op­po­si­ti­on, aber un­eins in den Kon­zep­ten, wie es nicht an­ders sein kann, wenn ge­gen­sätz­li­che Kräf­te mit un­ver­ein­ba­ren Wel­t­an­schau­un­gen zu­sam­men­tref­fen.“Die Ana­ly­se der Wah­len mit Ti­teln wie „Ehe­ma­li­ge SPDWäh­ler strö­men in Mas­sen zu der Uni­on“oder über die Wah­l­er­geb­nis­se im Süd­wes­ten – „Im schwar­zen Ge­län­de bleibt nur noch ein ro­tes Zip­fel­chen“– konn­te nicht dar­über hin­weg­täu­schen, dass sich in der Par­tei­en­land­schaft et­was Fun­da­men­ta­les ge­tan hat­te. Zo­del schrieb: „Die Grü­nen, ja, die Grü­nen sind in den Bun­des­tag ein­ge­zo­gen. Sie wer­den Un­ru­he mit­brin­gen, aber das Par­la­ment nicht um­wer­fen. Ein Her­aus­for­de­rer kann nicht scha­den.“

Bald bra­chen bei den Grü­nen Kon­flik­te auf: Fun­da­men­tal­op­po­si­tio­nel­le stan­den je­nen ge­gen­über, die sich nicht mit ei­ner Ver­wei­ge­rungs­hal­tung ab­fin­den und Ver­ant­wor­tung über­neh­men woll­ten. Al­le Tei­le der Se­rie fin­den Sie un­ter schwa­ebi­sche.de/70-Jah­reSchwä­bi­sche

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Die Fa­mi­lie von Ka­mal hat es nach „Al­manya“ge­schafft.

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Auch Bun­des­wehr­sol­da­ten in Uni­form pro­tes­tier­ten 1983 trotz Ver­bots ge­gen die Na­to-Nach­rüs­tung.

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