Der Jä­ger un­ter den Samm­lern

Mu­se­um Reinhart in Win­ter­thur zeigt Bil­der aus dem Be­sitz Chris­toph Blo­chers

Schwaebische Zeitung (Messkirch) - - KULTUR - Von Rein­hold Mann

RA­VENS­BURG - Chris­toph Blo­cher ist ei­ner der reichs­ten Schwei­zer – und ei­ner der ein­fluss­reichs­ten. Der „Alt Bun­des­rat“, wie er ti­tu­liert wird, ist 75 ge­wor­den. Die ver­gan­ge­nen Wo­chen zwei Wo­chen wa­ren ein Fest für ihn, die Na­tio­nal­rats­wahl der krö­nen­de Ab­schluss. Sie brach­te sei­ner Schwei­ze­ri­schen Volks­par­tei (SVP), die er aus der Re­gio­nal­li­ga her­aus zur Bun­des­par­tei ge­macht hat­te, ei­nen sat­ten Ge­winn.

Güns­ti­ger Wind kam auch vom Ge­richt. Der Eu­ro­päi­sche Ge­richts­hof für Men­schen­rech­te hat­te die Schweiz be­lehrt, dass nur die Leug­nung des Ho­lo­causts straf­wür­dig sei, die Ver­leug­nung des Mas­sen­mords an den Ar­me­ni­ern da­ge­gen ei­ne freie Mei­nungs­äu­ße­rung ist, al­so ein schüt­zens­wer­tes Gut. Ein tür­ki­scher Na­tio­na­list, der dies bei Auf­trit­ten in der Schweiz ge­sagt hat­te, war in Lau­sanne ver­ur­teilt wor­den. Blo­cher hat­te die Rechts­la­ge da­zu stets kri­ti­siert, ger­ne auch im Aus­land, zum Bei­spiel in der Tür­kei. Er kann sich nun be­stä­tigt se­hen, ge­ra­de durch eu­ro­päi­sche In­sti­tu­tio­nen, de­ren Zu­griff auf die Schweiz er sonst ab­lehnt. Ei­ne Aus­stel­lung zum Ge­burts­tag Sein schöns­tes Ge­schenk hat Chris­toph Blo­cher sich sel­ber ge­macht. Pünkt­lich zu Ge­burts­tag und Wahl­ter­min wur­de ei­ne Aus­stel­lung sei­ner Ge­mäl­de­samm­lung er­öff­net, in der be­rühm­tes­ten Pri­vat­samm­lung des Lan­des: dem Mu­se­um Reinhart in Win­ter­thur. Die Zeit­schrift „DU“, eben­falls ei­ne schwei­ze­ri­sche Kul­tur­in­sti­tu­ti­on, as­sis­tiert mit ei­ner Son­der­num­mer.

Ein­zi­ger Miss­klang in der Fest­wo­che war die Kri­tik des Schwei­zer Schrift­stel­lers Lu­kas Bär­fuss an der Idyl­len-Ba­s­te­lei im Land. Und an Blo­cher: „Er spen­diert sich die öf­fent­li­che Aus­stel­lung sei­ner pri­va­ten Ge­mäl­de­ga­le­rie im re­spek­ta­blen Kunst­mu­se­um, das ihn da­für mit dem Glanz des Gön­ners salbt.“Dass Bär­fuss dies in Frank­furt zur Buch­mes­se ge­sagt und ver­öf­fent­licht hat, macht es den An­ge­grif­fe­nen im Land leicht, mit dem alt­be­währ­ten Re­flex der Nest­be­schmut­zung da­ge­gen­zu­hal­ten. Nicht nur das Blo­cher-Or­gan „Welt­wo­che“schäum­te. In­zwi­schen hat Bär­fuss in der Talk­show von Ro­ger Scha­win­ski im Schwei­zer Fern­se­hen nach­ge­legt: „Es gibt Sa­chen, die hät­te ich noch deut­li­cher schrei­ben sol­len.“

In Win­ter­thur al­so wer­den 80 Bil­der aus dem Be­stand Chris­toph Blo­chers, wie es heißt, „zum ers­ten Mal öf­fent­lich ge­zeigt“. Das ist zu­tref­fend und stimmt doch nicht ganz. Denn in den letz­ten Jah­ren gab es kei­ne gro­ße Aus­stel­lung über Schwei­zer Künst­ler oh­ne Leih­ga­ben von Chris­toph Blo­cher. Er sam­melt aus­schließ­lich Schwei­zer Kunst. Bil­der wie Pre­dig­ten ge­le­sen Selbst die Aus­stel­lung über Gio­van­ni Se­gan­ti­ni, 2011 bei Bey­e­ler in Ba­sel, kam nicht oh­ne Blo­cher aus. Das Bild ei­ner Magd, die er­schöpft im Gras liegt (Ru­he im Schat­ten, 1892), ist nun wie­der in Win­ter­thur da­bei. Se­gan­ti­ni ist kein Samm­lungs­schwer­punkt Blo­chers. Der liegt bei Al­bert An­ker (1831-1919). Des­sen Bil­der wa­ren in Schwei­zer Fa­mi­li­en durch Dru­cke po­pu­lär, ih­re Mo­ti­ve wur­den wie „pro­tes­tan­ti­sche Pre­dig­ten“ge­le­sen. Blo­chers Va­ter, Pfar­rer in Lau­fen, ober­halb des Rhein­falls ge­le­gen, hat­te sie aus Zeit­schrif­ten aus­ge­schnit­ten. Der Sohn hat nun mit 100 Ori­gi­na­len den größ­ten Pri­vat­be­stand. Das Mu­se­um Al­ler­hei­li­gen in Schaff­hau­sen, der vä­ter­li­chen Pfarr­stel­le ge­gen­über auf der an­de­ren Rhein­sei­te, hat 2013 sei­ne gro­ße An­ker-Aus­stel­lung mit vie­len Blo­cherLeih­ga­ben rea­li­siert. Al­ler­dings so klug ku­ra­tiert und his­to­risch ein­ge­ord­net, dass es nicht den Blick­win­kel des Samm­lers mit­ser­vier­te.

Das ist in Win­ter­thur zwangs­läu­fig an­ders. In­dem die Ku­ra­to­ren die Lie­be des Samm­lers an sei­nen Bil­dern mensch­lich ganz nah be­schrei­ben, ma­chen sie in­di­rekt klar, was fehlt. Bil­der, die do­ku­men­tie­ren, dass An­ker ein po­li­tisch wa­cher Chro­nist der so­zia­len Ve­rän­de­run­gen sei­ner Zeit war, ge­hö­ren – das ist die aus­ge­spar­te Po­in­te – der Samm­lung Reinhart.

Der zwei­te Schwer­punkt in Blo­chers Samm­lung ist mit 100 Bil­dern Hod­ler (1853-1918), An­kers Schü­ler und in der Schweiz durch Re­pro­duk­tio­nen po­pu­lär. 2003 zehr­te die Aus­stel­lung „Fer­di­nand Hod­ler. Land­schaf­ten“in Zü­rich von den Blo­cher-Be­stän­den. Die Hod­ler-Re­tro­spek­ti­ve 2008 in Bern war von sei­nen Leih­ga­ben so ge­sät­tigt, dass Fe­st­red­ner ab­sag­ten.

Hod­ler hat von ei­ni­gen Berg-SeeMo­ti­ven, die man als Post­kar­ten-An­sicht be­zeich­nen kann, gan­ze Bil­der­se­ri­en ge­fer­tigt, der gu­ten Nach­fra­ge we­gen. Thu­ner See mit Stock­horn: Da­von gibt es 33 Va­ri­an­ten, drei sind in der Aus­stel­lung. Gen­fer See mit Gram­mont: Da­von hat Blo­cher zwei Ver­sio­nen, vom „Gen­fer See von Che­x­b­res aus“fin­den sich drei Bil­der. Bei Hod­ler kon­zen­triert sich Blo­cher auf die Land­schaf­ten. Die sym­bo­lis­tisch auf­ge­la­de­nen Fi­gu­ren, die ih­ren fes­ten Platz in den äl­te­ren Schwei­zer Pri­vat­samm­lun­gen ha­ben, sind bei ihm in der Min­der­zahl. Ge­sin­nungs­kunst Blo­cher war der ers­te Samm­ler, der mehr als ei­ne Mil­li­on Fran­ken für ei­nen Hod­ler ge­zahlt hat. Er macht sei­ne Samm­lung zu Ge­sin­nungs­kunst. Wie der Va­ter in der Kir­che über dem Rhein­fall den Zwing­li-Spruch an­brin­gen ließ: „War­lich, war­lich, Got­tes Wort wird so ge­wüss sei­nen Gang ha­ben als der Ryn“, so liest Blo­cher An­kers Por­träts und Hod­lers Land­schaf­ten wie Sinn­bil­der. „Ich schät­ze und lie­be An­kers stand­haf­te Zu­ver­sicht“, sagt er. „Hod­lers Bil­der ha­ben für mich auch ei­ne po­li­ti­sche Aus­sa­ge: Seht nur, was ihr da Herr­li­ches vor der Na­se habt!“

Dar­auf zielt, als me­tho­di­sche Er­wä­gung ge­tarnt, der ei­ne Satz der Dis­tan­zie­rung im Ka­ta­log: „Es war nicht der Ma­ler, der mit sei­nen Wer­ken ei­ne po­li­ti­sche Ge­sin­nung zum Aus­druck brin­gen woll­te, son­dern es sind die Be­trach­ter, wel­che auf sei­ne Wer­ke ei­ne po­li­ti­sche Sicht­wei­se pro­ji­zie­ren.“ Tro­phäe und And­achts­bild Da­her wählt Blo­cher, oh­ne Be­ra­ter und Ga­le­ris­ten zu en­ga­gie­ren, sei­ne Bil­der sel­ber aus, in Kennt­nis der Markt­la­ge und mit ei­ner Be­geis­te­rung, die Mu­se­ums­di­rek­tor Marc Fehl­mann in sei­ner Er­öff­nungs­re­de mit Jagd­lei­den­schaft und lan­ger Pirsch ver­gli­chen hat. Er de­po­niert die Er­wer­bun­gen nicht im Sa­fe oder im Zoll­frei­la­ger, son­dern hängt sie an die Wand. Und hängt sie, wie die Haus­frau Kla­ge führt, ger­ne um. „Der Um­stand, dass sich Blo­cher in rast­lo­sen Näch­ten oder nach an­stren­gen­den Ta­gen bei sei­nen Bil­dern auf­hält und sich durch sie auf po­si­ti­ve Ge­dan­ken brin­gen lässt“, for­mu­liert Fehl­mann sah­nig, „zeigt, dass selbst für ei­nen der mäch­tigs­ten Men­schen die­ses Lan­des die Macht der Kunst ne­ben Gott un­er­gründ­lich und ge­wal­tig ist.“

Tro­phäe, And­achts­übung, Le­bens­hil­fe: In Win­ter­thur wird nicht nur die Samm­lung, son­dern auch der Samm­ler aus­ge­stellt. „Aus­ge­stellt“aber auch in dem Sin­ne, dass die lie­be­vol­le Be­schrei­bung des Ju­bi­lars ihn auch de­ku­vriert. „Hod­ler, An­ker, Gi­a­co­met­ti. Meis­ter­wer­ke aus der Samm­lung Chris­toph Blo­cher“im Mu­se­um Os­kar Reinhart, Win­ter­thur, bis 31. Ja­nu­ar, Di-So 10 bis 17 Uhr, mitt­wochs bis 20 Uhr. Ka­ta­log Hir­mer Ver­lag München, 260 Sei­ten, 39,90 Eu­ro. Wei­te­re Bil­der: www.schwa­ebi­sche.de/ schwei­zi­ko­nen

FOTO: SIK-ISEA/HIR­MER VER­LAG

Der Blick von Ve­vey aus über den Gen­fer See ge­hört zu Blo­chers wie zu Hod­lers Lieb­lings­mo­ti­ven. In der Bild­ge­stal­tung macht Hod­ler hier bei „Der Gram­mont“(1906) An­lei­hen bei Gus­tav Klimt. Der ers­te Be­sit­zer des Bil­des war der Schwei­zer Ma­ler Max Bu­ri, des­sen Ak­kor­de­on Hod­ler ha­ben woll­te und ihn des­halb in sei­nem Ate­lier ein Bild aus­wäh­len ließ: „Bu­ri ging kalt­blü­tig auf die Gram­mont-Land­schaft zu.“

FOTO: SIK-ISEA

Re­fu­gees wel­co­me: Al­bert An­kers „Fran­zö­si­sche Pro­tes­tan­ten auf der Flucht“von 1886 traf in der Schweiz auf ei­ne Dis­kus­si­on um die Ein­bür­ge­rung der Hu­ge­not­ten, die in den pro­tes­tan­ti­schen Kan­to­nen Auf­nah­me ge­fun­den hat­ten.

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